Diskursanalytische Methoden

für digitale Kulturen

— Martina Leeker, Oktober 2014

Medienwissenschaften werden als erste Disziplin aufgerufen, wenn es darum geht, so genannte digitale Kulturen zu untersuchen. Bemerkenswerterweise sind sie allerdings im Kontext dieser Kulturen seit der Jahrtausendwende in eine Krise geraten, wie sich vor allem an einer kritischen Auseinandersetzung mit ihren Methoden zeigt. Diese Krise ergibt sich erstens dadurch, dass Medien- und andere Wissenschaften mit dem Problem konfrontiert sind, Gegenstände untersuchen zu müssen, die nur noch in digitaler Form vorliegen, wie etwa Facebook oder YouTube. Zum anderen erfordern Gegenstände, wie z. B. Big Data, Datamining oder Simulationen auch eine Analyse mit digitalen Mitteln, da sie ohne diese nicht mehr in Gänze zu erfassen wären, Das heißt, es kommt zu einem methodischen Kurzschluss, da digitale Technologien mit eben diesen untersucht werden. Unter diesen Bedingungen ist eine Rückbesinnung auf medienhistorisches und technikgeschichtliches Arbeiten von besonderer Wichtigkeit. Denn mit diesen Methoden können z. B. über die Genealogie sozialer Netze aus der Technikgeschichte von Identitätsbildungen oder die Erstellung einer Geschichte von wissenschaftlichen “Tools” aktuelle Entwicklungen relativierend kontextualisiert werden, ohne digitale “Werkzeuge” zu nutzen. Zweitens gerät unter dem Eindruck umfassender, sozio-technischer Infrastrukturen die bis dato in den Medienwissenschaften vertretene Annahme ins Wanken, es wäre von einem technischen Apriori von Medienkulturen oder von einer Geschichte der Einzelmedien auszugehen. Vielmehr rücken nun andere Mediengeschichten in den Vordergrund. So ist in der als klassisch zu bezeichnenden Medienwissenschaft z. B. eine Orientierung auf die Erforschung von Infrastrukturen zu vermerken, die etwa in Gestalt verkabelter Environments oder in Adressierungskaskaden in vernetzten Geräten in Erscheinung treten. Eine weitere Reaktion auf die ubiquitäre, sozio-technische Konstitution digitaler Kulturen ist die Fokussierung auf Kulturtechniken (PDF). Mit ihr wird ein “practical turn” ausgerufen, in dem symbolerzeugende und –verarbeitende Praxen wie Schreiben und Lesen, Malen oder Rechnen, mithin Techniken der Repräsentation und Operation, und die sie bedingenden Apparate die Hauptrolle spielen und Medien nur mehr als deren Effekte angesehen werden. Eine weitere methodische Re-Orientierung entsteht aus der Betonung des lokalen Mediengebrauchs, bei der Fallbeispiele sowie ein Ensemble von Faktoren, die Handlungen erzeugen, im Fokus stehen.

Die beschriebene krisenhafte Lage der Methoden ist aber nicht nur Ausdruck einer Veränderung der zu untersuchenden technischen Umwelten. Zwar erfordern kooperative Arbeits- und Kommunikationsformen sowie die infrastrukturelle Konstitution digitaler Kulturen neue Methoden sowie transdisziplinäre Forschung. Zugleich aber ist das Nachdenken über neue Methoden auch ein Diskurs. Es kann also nicht nur darum gehen, sich an der Suche nach den vermeintlich richtigeren Methoden zu beteiligen. Vielmehr ist zum einen eine Methodenforschung nötig, in der es vor allem darum geht zu verstehen, welche Methoden welche Ergebnisse zeitigen. Zum anderen sind der historische Ort sowie die Zeit zu markieren, in denen Methodenfragen auftreten und zu erkunden, wie sie wo und mit welchen Effekten geführt werden. Der historische Moment der Auseinandersetzung mit Methoden der Medienwissenschaft konstituiert sich z. B. aus der Entgrenzung der Informationsströme. Sie stehen für eine Dezentralisierung von Produzenten, Information und Kapital, die nicht mehr zu lokalisieren sind. Die lokalisierten und ortspezifischen Medientheorien erscheinen vor diesem Hintergrund nun als eine Strategie der Re-Lokalisierung, die gleichwohl einer Logik der Dezentralisierung Folge leistet und zudem angepasste Re-Konzeptualisierungen des “Lokalen” ermöglicht, man denke nur an das Kunstwort “glokal”. Mit der lokalen Mediengeschichte und Medientheorie werden allerdings unter der Hand globale und sich selbst regulierende Datenströme sowie die Kontrolle der Märkte tendenziell ausgeblendet und eine sozio-technische Geschichte erzählt, auch wenn der Mensch sich nun die Handlungsmacht mit Dingen, Laboren und Medien teilen soll. Aus einer diskursanalytischen und technikgeschichtlichen Perspektive ist das Interesse an Kulturtechniken im Kontext von Automatisierung interessant, weil Praxen immer noch an Körperlichkeiten und Wahrnehmung gebunden sind, mithin an den Vollzug von Operationen, die auch Menschen betreffen. Die Fokussierung auf Operationen, also das, was Menschen und Maschinen und Automaten können, entspräche also einer Technikgeschichte des Menschen, mit der er sich nach technologischen Bedingungen in diese einschreibt und nach diesen neu entwirft.

Methodenorientierungen sind aus dieser Sicht also als eine Geschichte des Begehrens zu rekonstruieren, mit der sich menschliche Nutzer in technische Umwelten einschreiben und nach diesen entwerfen. Methoden sind mithin nicht nur danach zu befragen, was mit ihnen herausgefunden werden kann, sondern es ist auch zu beachten, in welchen technologischen Bedingungen sie entstehen und wie sie diese erst mit erzeugen. Es wären also Gebrauchsgeschichten und Technikfaszinationen zu erkunden und zu rekonstruieren, in denen Medien- und Kulturtheorien immer einen Anteil daran haben, anthropologische Bezugsrahmen zu erhalten und voranzubringen.

Eine differenzierte Mediengeschichte sowie eine Erweiterung der Methoden sind sicher von Nöten. Allerdings gälte es, sowohl Methoden als auch Mediengeschichten technikgeschichtlich zu reflektieren und diskurskritisch zu analysieren. Denn es wird wohl keine Methode geben können, die eine medientechnische Lage richtig beschreiben kann. Sehr wohl aber kann untersucht werden, wie Methodenfragen an der Erzeugung der medienkulturellen Lage beteiligt sind, die sie untersuchen wollen. Digitale Kulturen erfordern neue Methoden und zugleich sind diese Ausgeburt der technologischen Bedingungen, die sie untersuchen.

Im Bereich “Diskursanalytische Methoden für digitale Kulturen” sollen auf Grund dieser Erkenntnisse Interventionen in Methoden und Methodendiskussionen vorgenommen werden. Experimente mit Methoden sollen zudem deren Historizität und Relativität deutlich machen und herausstellen, wie sie Medienkulturen herstellen. Gerade für digitale Kulturen sind diskursanalytische Methoden wichtig, um im beschriebenen Selbstbezug von Methoden und Gegenstand (Untersuchung digitaler Forschungsgegenstände mit digitalen Tools) sowie in unhintergehbaren infrastrukturellen Environments ein Außen zu bilden.

Einen Fokus, der bei der Entwicklung einer diskursanalytischen Methodologie für digitale Kulturen bearbeitet wird, bildet die Auseinandersetzung mit Forschungsmethoden mit Hilfe digitaler Tools, die die “Digital Humanities“, d. h. die digital gestützte geisteswissenschaftliche Forschung begründen. Es geht darum, eine kritische Theorie und Praxis digitaler Methoden zu erarbeiten. Der Medienphilosoph Bernard Stiegler hat sich dieser Herausforderung bereits gestellt und im Hinblick auf die Zunahme audiovisueller Forschungsgegenstände sowie geisteswissenschaftlicher Forschung im Web eine theoretische Basis sowie praktische Umsetzungen für die als Gegenbewegung zu den Digital Humanities zu begründenden “Digital Studies” geschaffen. Ausgangspunkt ist seine Theorie der Kultur konstituierenden Techno-Logik der “Grammatisierung“. Damit ist die Unterbrechung des Flusses der Ereignisse in der Umwelt, indem dieser durch symbolische Praxen in diskrete Einheiten gegliedert wird. Dieser Vorgang ermögliche Individuation sowie die Herstellung von Sozietät, da mit der Grammatisierung ein externes Gedächtnis entstehe, auf das sich alle Mitglieder einer Gemeinschaft beziehen könnten. Die aktuelle Phase der Grammatisierung, zu der auch audiovisuelle Plattformen wie YouTube (PDF) gehören, führe aber in eine hyperindustrielle Dis-Individuation. In eine übermäßig schnelle und Sensibilität sowie Affekte besetzende Medienlandschaft müsse deshalb eine Form der Grammatisierung eingebracht werden, mit der dieses Automatische unterbrochen werden könne. Zu denken wäre an z. B. Schrift und Textarbeit oder filmisches Remixing als Formen der diskreten Gliederung und Artikulation. Auf diese Weise könnten technologischen Enteignungen Wieder-Aneignungen und Transindividuation sowie die Erzeugung des Sozialen entgegengesetzt werden.

In diesem Kontext werden im Forschungsbereich Re-thinking methods des DCRL Projekte durchgeführt, in denen die diskursanalytische Methode für digitale Kulturen, speziell für digitale Methoden, entwickelt und erprobt wird. Die Interviewserie “Talking about Digital Methods” befragt ForscherInnen aus Medien- und Sozialwissenschaften nach ihrem Verständnis und ihrer Haltung zu digital gestützten Methoden. Die Serie gibt damit einen ersten Einblick in Fragestellungen und Dimensionen der Diskussion um digitale Methoden in der gegenwärtigen Forschungslandschaft. In “Lernen – Lehren – Forschen in digitalen Kulturen. Untersuchung der Research-Interviews des DCRL: “What are digital cultures?” mit der Software Korsakow für Webdokumentationen” erfolgt ausgehend von der Frage, wie audiovisuelles Material, in diesem Fall die Experten-Interviews zu digitalen Kulturen, untersucht werden kann, eine diskursanalytische Auseinandersetzung mit Technologien von Webdokumentation und deren Einsatz in geisteswissenschaftlicher Lehre und Forschung. Ausgehend von einer medienwissenschaftlichen Analyse dieser Tools wurden von Studierenden interaktive und nicht-lineare Projekte entwickelt, in denen das algorithmische Regime von datenbankbasierter Forschung erlebbar und sichtbar gemacht wurde.

Ein weiterer Schwerpunkt im Teilbereich zu diskursanalytischen Methoden für Digital Humanities liegt beim Projekt “Reading and Performing Algorithms”. Hier geht es um eine Auseinandersetzung mit dem Regime von Algorithmen in digitalen Kulturen. Es gilt experimentelle Methoden zu entwickeln, um sie in ihrer Arbeit sichtbar und spürbar werden zu lassen und schließlich Praxen zu erfinden, anders mit ihnen umzugehen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.