Research Interviews „What are Digital Cultures?“ mit Korsakow

Lernen – Lehren – Forschen in digitalen Kulturen

— Martina Leeker, Oktober 2014

Überblick

In so genannten digitalen Kulturen lassen sich Veränderungen in wissenschaftlicher Lehre und Forschung beobachten. Neben Texten werden nämlich auch andere Korpora der Forschung sowie der Veröffentlichung, z. B. in Gestalt von Videos gebräuchlich, die mit angemessenen digitalen Tools ausgewertet und untersucht werden müssen. Ein Beispiel für diese Veränderungen der Korpora sowie der damit verbundenen Suche nach Methoden sind die Research-Interviews Serie des DCRL: What are digital cultures? In diesen beantworten Wissenschaftlicher_innen aus unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen in einem Zeitfenster von je circa zwei Minuten vier Fragen. Es geht um eine Definition digitaler Kulturen, die Erörterung von deren Potenzialen und Gefahren sowie schließlich um die Frage, ob es ein Jenseits digitaler Kulturen gäbe.

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Ein Versuch, sich der wissenschaftlichen Auswertung der audio-visuellen Korpora zu nähern, fand im Sommersemester 2014 im Rahmen eines Seminars von Martina Leeker im Komplementärstudium der Leuphana Universität Lüneburg statt. Es wurde die für Webdokumentationen, auch i-Doc (interactive documentation) genannt, genutzte Software Korsakow eingesetzt. Denn sie ermöglicht es aufgrund der Erstellung einer nach Schlagworten geordneten Filmdatenbank, eine thematische Ordnung und Auswertung der Interviews vorzunehmen. Die vom steuernden Algorithmus ausgewählten Filmclips werden in einer je einmaligen Zusammenstellung auf einem Interface den Nutzer_innen angeboten. Aus diesem Angebot kann nach eigenen Entscheidungen ein Film gewählt und abgespielt werden. Die Auswahl beeinflusst das folgende Angebot und so fort, so dass jeder Besuch der Dokumentation eine eigene und so nicht wieder herstellbare Version erzeugt. Das Interface erlaubt es zudem, dass unterschiedliche Statements in einer so genannten räumlichen Montage nebeneinander erscheinen können.

Mit der Nutzung von Webdokumentationen für wissenschaftliche Forschung wurde ein verzweigtes medientechnisches und medientheoretisches Diskursfeld aufgerufen, mit dem sich konstituiert, wie sich Nutzer_innen zur algorithmischen Generierung und Verwaltung von Wissen verhalten können. Da sich die Tools der wissenschaftlichen Untersuchung deutlich in diese einmischten, stand im Laufe der Projektentwicklung nicht mehr allein die Auswertung der Video-Interviews im Vordergrund, z. B. im Hinblick auf den Stand der Forschung, was digitale Kulturen seien. Vielmehr ging es darum zu klären, wie Methoden der Forschung diese konfigurieren und gegebenenfalls auch an der Erzeugung dessen, was sie untersuchen und erkennen, in diesem Fall digitale Kulturen, mitwirken. So wurde deutlich, dass Webdokumentationen eine spezifische Art der Gouvernementalität ausbilden. Bezogen auf die Weise der Subjektivierung zeigt sich, dass die Nutzer_innen unter den Vorzeichen der Interaktion, Partizipation und Kooperation in einem medienökologischen Environment den Logiken von Datenbanken, Hypertexten und Algorithmen unterworfen und darin entsubjektiviert werden. In diesem Vorgang werden sie aber zugleich als Subjekte einer affektivierten Sinngebung hervorgebracht. Wissen und Sinn werden in den Webdokumentationen durch technologische Optionen und deren diskursive Ummantelungen als Assemblagen erzeugt, die aus anthropo-technischen Agenturen entstehen und auf Kontingenz, Wandelbarkeit und Flüchtigkeit beruhen. Die datenbankbasierten Ordnungen und Erforschungen von wissenschaftlichen Korpora können mithin als eine Praxis gesehen werden, mit der sich Menschen in algorithmisch verwaltete Daten einschreiben, um zugleich in diesem Vorgang illusioniert und geblendet zu werden.

Vor diesem Hintergrund galt es Methoden zu entwickeln, die diese Effekte der Forschung zu digitalen Kulturen lesbar und erfahrbar machen. Diese wurden in einer diskursanalytischen Ästhetik entwickelt, die die subjektivierenden, epistemologischen und gouvernementalen Strategien von Webdokumentationen als Wissens- und Sinngebung verdeutlichen soll, indem sie das darin entstehende ambivalente Subjekt sowie die Konstitution von Wissen und Regierung ent-täuscht.

KategorienSIRIGRAPHIE

Abb. 2: Gruppierung und Sortierung des zusätzlichen Filmmaterials

In “Sirigraphie. Memory for Digital Cultures” wurden Clips zu Definitionen von digitalen Kulturen aus den zur Verfügung stehenden Interviews herausgeschält. Diese wurde in Themengruppen eingeteilt und mit zusätzlichen Filmen aus dem Internet versehen, die laut der Überlegungen in den Interviews mit digitalen Kulturen eingespielt würden, wie z. B. Künstliche Intelligenz oder Partizipation. Der Clou dieser Arbeit besteht nun darin, dass den Nutzer_innen die Filme verdeckt angeboten wurden, so dass sie zwar interagieren, aber nicht erkennen können, womit sie es zu tun hatten. Diese Ästhetik der Verdeckung sollte die der Datenbanken und Algorithmen reproduzieren und erlebbar machen. In “Potenziale und Gefahren” wurden dagegen die Filme je sichtbar angeboten. Sie waren nach Überlegungen zu Gefahren und Potenzialen geordnet und durch thematisch entsprechende Filme aus dem Internet angereichert. Der medienreflexive Impetus stellt sich hier dadurch ein, dass die Nutzer_innen zwar durch farbliche Umrahmungen der Filmclips eine Ordnung vermuten, dieser aber nicht umstandslos folgen können. Schließlich ist den beiden interaktiven und non-linearen Projekten ein kurzer Film vorangestellt, in dem mit hoher Geschwindigkeit Bilder von der Entwicklung vernetzter Kommunikation und deren Infrastrukturen montiert sind. Die Betrachter_innen können den Bildern kaum folgen und kollidieren am Ende mit der Abschaltung des Internet.

In dieser Dokumentation wird das Projekt vorgestellt, in seinen technischen Bedingungen erläutert und medienwissenschaftlich kontextualisiert. Es empfiehlt sich gleichwohl vor der Lektüre zunächst ein unbedarftes Ausprobieren des nicht-linearen Projektes zur Frage: Was sind digitale Kulturen? Auf einem YouTube Channel sind zudem die zusätzlichen Filmclips, die im Projekt eingefügt wurden, veröffentlicht, so dass sie Versuchen an anderen Orten zur Verfügung stehen können.

Im Projekt wurden exemplarisch Technologien der Webdokumentation im Hinblick auf ihren Einsatz in wissenschaftlicher Lehre und Forschung getestet. Um das Projekt auszuwerten, ist nun nachzuzeichnen, welches Diskursfeld und welche technologische Lage mit Webdokumentationen aufgerufen werden. Denn erst aus dieser Untersuchung könnte eine aufgeklärte Praxis entwickelt werden, mithin eine, die reflektiert mit Methoden und Technologie umgeht.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.