Algorithmic editing

— Martina Leeker, Oktober 2014

Soar spricht von einem “algorithmic editing”, das sich in Korsakow wie folgt herstelle:

“We can see now that creating a Korsakow film involves at least three different kinds of ‘editing’: first, the most familiar kind, in which video or digital film footage is selected and cut together to make the raw material for each SNU; second, algorithmic editing, or, the process of what we call ‘SNUifying’ (adding metadata to each short film including keywords, probability, lives, etc., and then refining this assemblage based on repeated viewing and test screenings); and third, editing involving the viewer, who chooses the next SNU (by selecting its preview) to advance the film, thereby creating a final, non-definitive version of the film in that specific encounter.”

mattsoar.com (PDF)

Mit dem algorithmischen Editieren wird der Kern von Webdokumentationen berührt. Denn sie setzen in den algorithmischen Verwaltungen eine modifizierte Version menschlicher Narration gegen eine bloße Kreation der Datenbanken. Lev Manovich hat zuerst in Language of media (PDF) 2001 darauf hingewiesen, dass Datenbanken (PDF) die neue symbolische Form (PDF) seien, die in Ablösung der Zentralperspektive die Ordnung von Welt sowie das Sein ihn ihr organisieren würde. Diese neue symbolische Forme zeichne sich durch modulare Assemblagen und Listen aus, womit es zu einer zusammenhanglosen Anhäufung von Ideen käme. Mit Datenbanken sind dann modulare, assemblierte Filme zu machen. Ganz anders wäre dagegen die Welt der Erzählung strukturiert, in der eine Logik von Ursache und Wirkung die Ordnung von Elementen bestimme. Das neue Dispositiv wäre also eines der automatischen Assemblage. Manovich führt die Umsetzung einer Kunst der Datenbank wohl am radikalsten vor, wenn er statt Geschichten zu erzählen das zeigt, was Programme lesen und ausgeben können: Farben, Strukturen, Intensitäten sowie die Herrschaft der Algorithmen.

Die politischen, gouvernementalen Effekte von Datenbanken, in Gestalt von Suchmaschinen, beschreibt David Gugerli. Es entstehe ein Regime der Beschriftung, aus dem alles, was nicht vermerkt ist, heraus fällt. Effekte seien: Flexibilisierung von Erwartungen und der situativen Rekombination von Ressourcen, gesellschaftlicher Wandel als Normal­zustand, Modus der situativen Rekombi­nation sowie folgenschwere Entscheidungen länger offen halten (aufgelistet nach zkmb.de). Es geht mithin um eine grundlegende Umwälzung, die nicht nur das Filmemachen betrifft.

In Korsakow sind im Gegensatz zum algorithmischen Regime bei Manovich eine Reihe von Möglichkeiten im Programm eingeschrieben, mit denen sich der Autor in die automatischen Verrechnungen einmischen kann. Soar (PDF) widerspricht Manovich deshalb, dass allein die Algorithmen die Produktion übernähmen. Zudem widersprächen Datenbanken nicht a priori dem Prinzip der Narration:

“As it turns out, Manovich and Kratky’s algorithmic editing appears to rely, at least in part, on matching clips via their colour or type of motion. I’d argue that keywording should be less arbitrary, taking its cues from the meaning of the clips rather than (merely) their visual appearance. […] The implication here is that, in an ideal case, assembling (algorithmically editing) a database documentary in Korsakow can be understood as a motivated and consequential process, in which a contingent set of related meanings is created, and recreated, as the film is built, exported, tested, refined, re-exported and tested again before final export and publication.”

mattsoar.com (PDF)

An der Existenz von Narration wird nicht gerüttelt. Sie wird neu gestylt. Sie besteht nicht mehr a apriori, sondern Bedeutung und Sinn konstituieren sich erst in der Assemblage von Teilen, an denen nicht nur die Maschine, sondern auch der Mensch beteiligt ist. Es entsteht mithin ein neues Dispositiv der Sinngebung aus Agenturen unterschiedlicher Agenten, nämlich Menschen, Filme, kulturelle Kontexte, Interfaces, Datenbanken, Technik, Geschichte(n). Sinngebung ist dann nicht fix, sondern immer anders und zudem kontingent. Sie hat aber immer mit dem Menschen zu tun und greift auf für ihn lesbare narrative Traditionen und Strategien zur Erzeugung von Bedeutung zurück. Diese Philosophie der Bedeutung, in der Kontingenz, Transformation nicht das Narrative ablösen, soll ihrer politischen Bedeutung entsprechen.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.