Ästhetik und Politik der Interviews in Korsakow

— Martina Leeker, Oktober 2014

Vor diesem Hintergrund steht in Frage, wie das Programm, das stellvertretend für die Technologien der Webdokumentation steht, für wissenschaftliche Lehre und Forschung eingesetzt werden könnte. Zum einen gab es der Forschung Verfahrensweisen und epistemische Logiken vor und erlegte Beschränkungen im Umgang mit dem Material auf. Zum anderen stellte sich die Frage, ob Aspekte der Konstitution digitaler Kulturen wie z. B. Intransparenz der Algorithmen, eine durch diese vorgegebene Organisation des Materials oder entsubjektivierende Partizipation und Kooperation auch das genutzte Programm mit konstituieren könnten. Vor diesem Hintergrund galt es, eine methodische Vorgehensweise zu finden, mit der zum einen die Interviews erforscht und zum anderen zugleich die Wirkung der Technologien der Erforschung bemerkbar werden konnten, um in Zukunft aus den gemachten Erfahrung andere Technologien oder Weisen der Reflexion der bestehenden zu entwickeln.

Zwei Möglichkeiten zum Umgang mit der algorithmischen Gouvernementalität können erwogen werden. Eine Kritik oder Aufklärung kann erstens bei der Offenlegung der Algorithmen ansetzen. Diese Lösung ist allerdings problematisch, da das Wirken von Algorithmen nach Alexander Galloway nicht dargestellt werden kann. Auch Manovichs Methoden des algorithmischen Editierens zeigen nicht die Algorithmen, sondern deren Wirken auf Oberflächen, denn mit Alexander Galloway:

“… Any visualization of data requires a contingent leap from the mode of the mathematical to the mode of the visual. This does not mean that aestheticization cannot be achieved. […] It simply means that any visualization of data must invent an artificual set of translation rules that convert abstract number to semiotic sign.”

thirtythreesteps.wordpress.com (PDF)

Fazit ist mit Alexander Galloway, dass digitale Kulturen es mit einem Undarstellbaren (PDF) zu tun bekommen, weil Daten nicht bildlich sein können und die algorithmischen Kontrollgesellschaften zudem einem Regime einer Einheitlichkeit der Bilder unterliegen, denn: “… we have moved from a condition in which singular machines produce proliferations of images, into a condition in which mulitudes of machines produce singular images” (hier [PDF]).

Galloway bezieht sich nun für einen Lösungsansatz, die zweite Möglichkeit, auf das Konzept der kognitiven Kartierung (cognitive mapping) von Fredric Jameson, in dem mit der Methode der verschwörungstheoretischen (PDF) Allegorisierung Repräsentierbarkeit hergestellt werden soll. Jameson empfiehlt für die Kartierung die Methode einer verschwörungstheoretischen Allegorie (PDF). Diese ermögliche mit Arno Melteling eine: “[…] Darstellung des potenziell unendlichen Netzwerks plus einer plausiblen Erklärung für seine Unsichtbarkeit […]” (frame25.f-lm.de). Mit Stephan Gregory ist allerdings zu bedenken, dass: “[…] warum gerade die Paranoia in ihrer Tendenz zu Kurzschluss und Vereinfachung ein adäquates Erkenntnisinstrument für kompliziert vernetzte Verhältnisse bieten sollte” (bauhaus-uni.de [PDF]). Als Alternative kommt in Frage, was Gregory als kritische, unbedingt humorvolle Paranoia bezeichnet: “‘Kritische Paranoia’ bezeichnet nicht die Perspektive des Wahns selbst, der dadurch definiert ist, dass er in sich befangen bleibt, sondern den Gesichtspunkt eines Außenstehenden, der dem Spiel mit dem Wahnsinn eine bestimmte Form intellektueller Befriedigung abgewinnt” (bauhaus-uni.de [PDF]).

Die “Kritische Paranoia” ist deshalb von Interesse, weil sie es ermöglicht, statt eine Ordnung darzustellen, die immer nur Teil des umfassenden Systems der Kontrolle wäre, den Vorgang des Ordnens selbst zu evozieren und daran gleichsam Erkenntnispotenziale zu schulen. Es steht nunmehr in Frage, ob und wie Technologien der Webdokumentationen zu einer kritischen paranoiden Allegorie werden könnten. Dabei ist zu beachten, dass sie als Datenbanken sowie als Teil einer vernetzten Infrastruktur unter algorithmischer Verwaltung stehen und in dieser die Funktion haben, „menschliche“ Narrationen in diese einzubinden und eine Sinngebung des Automatischen und wenig am Menschen Interessierten zu ermöglichen. Im Umgang mit den in Korsakow eingebundenen Research-Interviews wurde versucht, diese Konstitution zu unterlaufen, indem das, und das ist die Pointe, Nichtdarstellbare verborgen wurde, um es ans Licht zu bringen. Damit stellte sich keine Darstellung her, aber doch eine Ahnung von den Wirkungen algorithmischer Kontroll- und Ordnungssysteme. Um dies zu erreichen, wurden die Benutzer_innen den verschwörungstheoretischen Aufladungen digitaler Kontrollgesellschaften ausgeliefert. Sie konnten mit den Webdokumentationen interagieren, sie aber nicht kontrollieren, verstehen oder arrangieren.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.