Gouvernementalität der Algorithmen (Antoinette Rouvroy)

— Martina Leeker, Oktober 2014

Diese Hoffnungen stehen in starken Gegensatz zu dem, was Antoinette Rouvroy als algorithmische Gouvernementalität beschreibt, die den techno-logischen Kontext von Webdokumentationen bildet. Wo die Webdokumentationen nämlich von Interaktion, Sinngebung und Subjektivierung in Techno-Ökologien sprechen, lösen Data-Mining und Profiling Subjekte sowie Kooperation in statistisch-orientierten, algorithmischen Regelwerken auf. So beschreibt Rouvroy, dass Subjekte nicht mehr als Personen interessieren, sondern nur noch als Datengeber. Im unaufhörlichen Abgreifen von Daten ginge es nicht mehr darum, Zeichen zu erfassen, sondern Signale, die zum Zwecke der Vorhersage, z. B. von Käuferverhalten, ausgewertet werden. Dabei könne es gar nicht mehr zu Fehlern oder unvorhersehbaren Ereignissen kommen, da schließlich jede Datenoperation in Auswertungen zu neuen Hinweisen wird. In diesem Regime der Vorhersage kann es also nicht mehr um Wahrheit oder Richtigkeit gehen, da bezogen auf die Zukunft nicht verlässlich geurteilt und überprüft werden kann. Was hätte gewesen sein können, ist im Bereich der Spekulation. Tradierte Formen der Rationalität sowie der Kritik werden nach Rouvroy da unterlaufen, wo die statistischen Maßstäbe nicht mehr ausgehandelt, sondern automatisch erzeugt und algorithmisch verhandelt werden. Kritik aber würde, so Rouvroy mit Foucault, voraussetzen, dass Beurteilung suspendiert würde, um Raum für die Reflexion und gegebenenfalls Reformulierung von Kategorien und Werten zu entwickeln. Statt diese Situation zu konfrontieren, würde der involvierte Mensch in einen Zustand der Alarmbereitschaft versetzt, etwa bei der Buchung von Last Minute Angeboten, auf die er nicht mehr mit Überlegung, sondern reflexhaft reagiert würde, um die Schnäppchen nur ja nicht zu verpassen. Schließlich würde auch Wissen in diesen Infrastrukturen der adressierten und verwalteten Signale zu einer Operation der Quantifizierung, in der automatische Prozeduren Wissbares zur Verfügung stellen. Wissen würde zudem zu etwas, das menschliches Verstehen übersteigt, denn den Daten können letztlich nur die Maschinen und Algorithmen Sinn geben. Vor diesem Hintergrund wird erst nachvollziehbar, wie wichtig und aktuell es ist, dass Webdokumentationen Geschichten erzählen wollen und dies an individuelle Sinngebungen gebunden ist.

In dieser Lage stellt Antoinette Rouvroy eine Lösung für die Auseinandersetzung mit dem Regime der Algorithmen vor, indem sie sich auf die Konstitution des ansprechbaren und antwortenden “Subjektes des Gesetzes” bezieht. Die entscheidende Crux für die entstellten Subjekte des algorithmischen Regimes sei nämlich, dass diesem kaum mehr ein Außen oder Anderes zur Verfügung stünde. So plädiert Rouvroy dann dafür, dass der Homogenität und Konsistenz der algorithmischen Operationen, neben den “ansprechbaren Personen” des Gesetzes, Unterbrechungen sowie heterogene Räume entgegengesetzt werden müssten.

Werden die Ausführungen und Analysen von Antoinette Rouvroy zugrunde gelegt, dann wird deutlich, in welcher Regierung die Webdokumentationen stattfinden und wie sie diese verdecken. In einem technologischen Environment, in dem es keine subjektive Äußerungsmöglichkeit und keine persönliche Ansprache mehr gibt, erzeugen die Webdokumentationen Plattformen, in denen die verlorenen Vorgänge inszeniert werden. Dies allerdings nur, um wiederum eine Entmachtung vorzunehmen. Wo Daten nur Signale sind, werden sie in Webdokumentationen zu Zeichen. Wo Subjekte Datengeber sind, werden sie mit Webdokumentationen aufgerufen, in diesem Status Daten zu verteilen und zu vernetzen, als könnten durch die Narrationen Sinn und Subjektivität hergestellt werden. Webdokumentationen sind mithin Strategien einer kontrafaktischen, technisch und diskursiv erzeugten Subjektivierung, Sinnstiftung und Ordnung des Web, mit denen die algorithmische Gouvernementalität überlagert und verdeckt wird. Hinzu kommt, dass die Webdokumentationen zudem daran beteiligt sind, die Geschichte der frei zugänglichen Software zu unterwandern, die noch Hoffnung auf eine Wiederaneignung von Technik hätte sein können. Dies gilt insofern, als Webdokumentationen ihre Programme allen zur Verfügung stellen, sie aber vor den Zugriffen der Benutzer_innen abschotten.

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Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.