Plattformen für kollaborative und kontributive Forschung

— Martina Leeker, Oktober 2014

Geisteswissenschaftliche Korpora in Gestalt von Videos könnten künftig zunehmend mit datenbank- und webbasierten Tools aufbereitet werden. Um konkrete Tools medientheoretisch zu fundieren, sind eine Analyse der aktuellen Lage sowie eine Verortung der Tools in Kulturtechniken und Technologien der Erzeugung von Wissen und Forschung nötig. Bernard Stiegler hat im Hinblick auf die Zunahme audiovisueller Forschungsgegenstände sowie der geisteswissenschaftlichen Forschung im Web eine theoretische Basis dafür geschaffen zu verstehen, dass und wie in digitale Kulturen in Sinnproduktion und Weltordnung eingegriffen werden kann. Ausgangspunkt dafür ist sein Theorem der Grammatisation, d. h. die Unterbrechung des Flusses der Ereignisse in der Umwelt, indem dieser durch symbolische Praxen in diskrete Einheiten gegliedert wird. Derart findet eine Veräußerung des Gedächtnisses statt, auf das sich eine Sozietät gemeinschaftlich beziehen kann. Die aktuelle Phase der Grammatisation aber führe in eine hyperindustrielle Dis-Individuation, so dass in eine übermäßig schnelle und Sensibilität und Affekte besetzende Medienlandschaft eine andere Form der Grammatisation eingebracht werden müsse, mit der dieses Automatische unterbrochen werden könnte. Zu denken wäre z. B. an Schrift oder Remixing als Formen der diskreten Gliederung und Artikulation. Auf diese Weise könnten technologischen Enteignungen Wieder-Aneignungen und Transindividuation sowie die Erzeugung des Sozialen entgegengesetzt werden. Stiegler führt dies an der Plattform YouTube (PDF) aus. Es wird Aufgabe sein, Unterbrechungen in die Zeit der audiovisuellen Abläufe einzufügen sowie ihnen eine andere Grammatisierung zu implementieren. Möglichkeiten, dies zu erreichen, stecken für Stiegler in Gestalt von Kooperation, Kollaboration und Konstribution sowie einer Struktur des bottom up im Web selbst.

Vor diesem Hintergrund können Möglichkeiten der Nutzung von Videoplattformen und Video im Internet für wissenschaftliche Forschung entworfen werden. Es handelt sich in Auseinandersetzung mit Stiegler um eine kollaborative Forschungsplattform, z. B. mit den Research-Interviews “What are digital cultures?”, auf der jede/r Interessierte die Forschung mit voranbringt. Ziel wäre es, die Auswertung der Videos im Hinblick auf Themen und Analysen handhabbar zu machen. Die Research-Interviews könnten in einer (1) Datenbank nach Schlagworten abgelegt werden und in einer (2) räumlichen Montage erscheinen. Es könnte unterstützend sein, wenn die Auswertung der Videos (3) automatisiert werden kann, so dass ein Algorithmus in den Filmen nach geeigneten Stellen sucht. Diese Suche müsste allerdings immer transparent und nachvollziehbar sein. Die Videos müssten (4) annotierbar sein, so dass Nutzer_innen interessante Stelle bezeichnen und sich über diese austauschen können. Es gibt bereits entsprechende Tools, die vor der Nutzung evaluiert werden sollten. Dazu zählen: Ligne de temps des Institut de Recherche et d’Innovation (IRI) von Bernard Stiegler, der Piece Maker aus dem Projekt Motion Bank mit der Forsythe Tanz Company sowie das Projekt Meta data in the Age of Ubiquitous Media. Culture Mining – Time-based Tagging, von Robert Zimmer, Kelli Dipple, Yuk Hui, Goetz Bachmann, Andrea Rota, Darren Williams des Goldsmiths Leverhulme Media Research Centre an der Goldschmith University in London. Während die ersten beiden Projekte auf die Annotation durch Texte neben dem Video setzen, wird das Video in Letzterem nach Intensitäten gegliedert. Schließlich wäre es denkbar, dass auf der Plattform verschiedene Formen der (5) kollaborativen Forschung möglich werden. Die Nutzer_innen könnten (a) eigene Montage/Assemblagen zusammenstellen. Algorithmen des Dataming, die zum Profiling zum Zwecke der Vorhersagen von Verkaufsverhalten genutzt werden, könnten für die kollaborative Forschung umgedeutet werden, um die (b) Such- und Ergebniswege anderer Forscher_innen erkennbar und einsetzbar zu machen. Bei allen Anwendungen wäre (6) herauszustellen, wie sie funktionieren und was sie ausschließen.

Die Forschung mit digitalen Tools würde teilweise das verändern, was bisher unter Forschen verstanden wurde. Zum einen müssten sich die Geisteswissenschaften an praktische Konzepte und Versuche wagen, wie dies z. B. exemplarisch und richtungsweisend am Institut de Recherche et d’Innovation (IRI) geschieht. Zum anderen müsste eine medienwissenschaftlich informierte, praktische Forschung und Erprobung geschehen, mit der das, was entwickelt wird, auch immer wieder auf seine gouvernementalen und epistemologischen Aspekte hin untersucht würde. Durch den letztgenannten Zugang würden sich die an dieser Stelle gemachten Überlegungen von den Theorien und Methoden am IRI unterscheiden. Denn auch eine andere Technik als die der Hyperindustrie würde ihre eigenen gouvernementalen Implikationen haben.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.