Die Umsetzung

Humorvolle Paranoia gegen algorithmische Gouvernementalität

— Martina Leeker, Oktober 2014

schlagwortliste

Abb. 1: Schlagwörter als Kategorien

Die ersten Arbeitsschritte für die wissenschaftliche Aufarbeitung und Auswertung der Interview-Videos mit Korsakow bestanden darin, die Interviews im Hinblick auf mögliche thematische Kategorisierungen zu sichten und zu ordnen. Die ausgewählten Teile sollten zudem mit Hilfe von zusätzlichem Material aus dem Internet anschaulicher gemacht werden. Es entstanden zwei Arbeitsgruppen. Eine Gruppe befasste sich mit den unterschiedlichen Definitionen zu digitalen Kulturen und sichtete das Material mit der Frage, ob sich Muster von Definitionen ausfindig machen ließen, also Ähnliches mehrmals auftauche. Es entstanden Kategorien wie: (Digitale Kulturen als) strategischer Begriff, (Digitale Kulturen als) Werden sowie (Digitale Kulturen als) Vernetzung. Aus den ausgewählten Interviews wurden entsprechende Clips herausgeschnitten. Diesen Clips wurde in der Datenbank weiteres Filmmaterial hinzugefügt, das Aspekte digitaler Kulturen vermittelte (Abb. 1) wie z. B. Künstliche Intelligenz, Ubiquitous Computing, Smart Cities, Interaktion am Beispiel des SAGE mit light-sensing gun (PDF). Die Auswahl des zusätzlichen Materials sollte einer eigenen narrativen Logik folgen und nicht etwa die Aussagen in den Interviews illustrieren, sondern diese historisch und diskursiv kontextualisieren. Das zweite Projekt befasste sich mit den Fragen nach Potenzialen und Gefahren digitaler Kulturen und ordnete sie nach einer Sichtung nach Kategorien wie: Demokratie, Freiheit, Macht. Auch hier wurde wieder zusätzliches Material aus dem Internet gesucht, diesmal jedoch mit dem Ziel, die jeweiligen Themen zu veranschaulichen. Die vorbereiteten Clips sollten in das Programm Korsakow eingebunden werden, damit im Interface zu einem Thema unterschiedliches und widersprüchliches Material angeboten werden kann.

Abb. 2: Im Filmprojekt anklickbare Memorykarten

Abb. 2: Im Filmprojekt anklickbare Memorykarten

Die “Kritische Paranoia” wurde im Projekt “Sirigraphie. Memory for Digital Cultures” dadurch erzeugt, dass die Stills der angebotenen Filme auf dem Interface hinter an Memorykarten erinnernde Grafiken (siehe Abb. 2) gleichsam versteckt waren. Wurde eine Karte angeklickt, lief ein Film ab und die Karten mischten sich neu. Auf diese Weise sollte der Unmut der Benutzer_innen darüber erzeugt werden, dass sie technischen Vorgängen ausliefert waren, die nichts mit ihnen zu tun hatten und die sie nicht einsehen konnten. Im Unmut über die von Datenbanken sowie, im Hinblick auf die eingefügten Clips aus dem Internet, von Suchmaschinen verwalteten Filme, sollte eine Erkenntnis in die Funktionsweise von Webdokumentationen sowie der Produktion von Wissen durch sie ermöglicht werden. Die Forschung über digitale Kulturen mit Hilfe von Video-Interviews über sie wurde so zu einer der technologischen Bedingungen der Ordnung von Welt und Wissen in ersteren. Damit wurde den Interviews, die diskursiv an der Erzeugung digitaler Kulturen beteiligt sind, zugleich ein Spiegel vorgehalten und Aussagen durch die ästhetische Form entweder bestätigt oder konterkariert. Wird z. B. die Partizipation in techno-ökologischen Kulturen herausgehoben, in denen technische Dinge sich in Agenturen als Handelnde mit dem Menschen empfehlen, so wurde dieses kooperative Modell da ent-täuscht, wo die Dinge sich vor dem Menschen verbergen und ihn nicht involvieren. Die Nutzer_innen konnten unter Aufwendung von Ruhe und Geduld den Filmen folgen, sich von ihnen leiten lassen. Sie konnten auch einen Vorgang der Decodierung durchlaufen, da die Interviews sowie die Filme zu digitalen Kulturen aus dem Internet in ihrer Verschlagwortung einer eigenen Logik folgten. Damit wurde hervorgehoben, dass der Mensch in der Tat der Nicht-/Darstellung am Ende Sinn gibt. Es wurde aber nicht eine Ontologie der Assemblage als neue Weise von Sinn und Wissen in digitalen Kulturen propagiert. Vielmehr sollte spürbar werden, welche Wirkungen Assemblagen auf Subjektbildung, Wissen und Verortung in Welt haben. Von großer Wichtigkeit war schließlich die Einfügung von Filmen mit SIRI, in denen ein mit der App für Spracherkennung ausgerüstetes Smartphone “gefragt” wurde, was ein Begriff aus dem Bereich digitaler Kulturen bedeuten würde. SIRI suchte eine Datei im Internet und “las” diese vor. Erstaunlicherweise erschienen die von der Computerstimme vorgelesenen Artikel verbindlicher und stimmiger als die Ausführungen der in den Interviews befragten Wissenschaftler_innen. Diese Wirkung entsprach einer Enttäuschung der Stelle menschlicher Akteure in digitalen Kulturen. Die menschlichen Eskapaden der Sinngebung gerieten in eine Konkurrenz um Aufmerksamkeit mit dem weltweiten Netz, in der sie nur schwer Bedeutung und Relevanz erringen konnten. Gerade diese beiden Ent-täuschungen schienen aber die Voraussetzung dafür, sich auf die Interviews einzulassen, da ein Prozess der De-Illusionierung stattgefunden hatte und daran die Bereitschaft entstand, eine kontemplative Haltung einzunehmen und den Ausführungen in den Interviews sowie in den Filmen zu folgen. Es entstand mithin im Format der Webdokumentation eine kritisch paranoide Allegorie über Webdokumentationen, die die algorithmische Verwaltung von Wissen zwar nicht darstellte, aber doch implizit erlebbar machte.

Abb. 3: Farblich unterschiedliche Umrahmungen in Potenziale und Gefahren

Abb. 3: Farblich unterschiedliche Umrahmungen in Potenziale und Gefahren

Im zweiten Projekt “Potenziale und Gefahren” waren die wählbaren Filme im Still sichtbar und durch eine je farblich unterschiedliche Umrahmung (siehe Abb. 3) sowie eine textliche Auszeichnung einer geheimnisvollen Ordnung zugeteilt. Im Vergleich zum “Memory” standen Interviews und Filme aus dem Internet eher in einem abbildenden Verhältnis, da letztere Überlegungen der Wissenschaftler_innen veranschaulichen sollten. Die farblichen Auszeichnungen standen für die Verschlagwortung der Filme nach Themen, etwa Demokratie oder Emanzipation, die aus der Analyse der Interviews herausgearbeitet wurden. Die Auseinandersetzung mit den technologischen Bedingungen digitaler Kulturen fand in diesem Projekt auf einer das Erste komplementär ergänzenden Ebene statt. Hier wurde den Filmen eine klare Ordnung aufgezwungen und den Nutzer_innen der Eindruck vermittelt, dieser auch folgen zu können oder zu müssen. Damit wurden Diskurs und Praxis der Webdokumentationen unterlaufen, in denen hervorgehoben wird, dass in diesen eine subjektive, kontemplative und private oder persönliche Lesart der Nutzer_innen entstehen solle. Im Interview-Projekt mit Korsakow wurden die Nutzer_innen vielmehr dazu ermuntert, eine vorgegebene Ordnung zu erkennen und zu decodieren. An diesem Vorgang scheiterten sie wiederum auf Grund der statistischen Zufälligkeit, die als besonderes technisches Merkmal in Korsakow herausgearbeitet wurde. Auf diese Weise wurde das Projekt über die narrativ-logische und grafische Struktur zu einer Allegorie über den Zwangscharakter des algorithmischen Regimes, dem die Nutzer_innen nicht Herr werden können, da es einer eigenen und nicht darstellbaren Logik folgt.

Aus der Ausgangsidee, mit Webdokumentationen einen Beitrag zur geisteswissenschaftlichen Forschung zu leisten, wurde mithin aus guten Gründen ein ästhetisches Projekt über das Forschen mit audiovisuellen Korpora und datenbank- sowie webbasierten Technologien. Dazu wurden die von Soar beschriebenen Methoden genutzt, aber zugleich neu gewichtet. So wurde im Projekt die Assemblage nicht mit ontologischem Impetus eingesetzt, sondern um zu verdeutlichen, dass und mit welchen Wirkungen digitale Kulturen aus einer Gemengelage unterschiedlicher Diskurse entstehen. Ebenso wurde mit Affizierungen operiert, um eine Unterbrechung der Erzählungen zu ermöglichen und so einen Raum zu schaffen, in den Nutzer_innen reflektierend einschreiten können. Am Ende des Tages steht sicher nicht der Mensch, aber doch die Möglichkeit, einen Denk-, Vorstellungs- und Handlungshorizont zu eröffnen, in dem Techno-Logik fremd und darin anders denkbar wird.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.