Mit Foucault im digitalen Mysterium?

Zwischenbericht und Evaluation zur diskursanalytischen Ästhetik als Methode in digitalen Kulturen

— Martina Leeker, August 2015

Was tun in einer Welt, die nicht mehr umfänglich durchschaubar ist?

Überblick

Seit Herbst 2013 wird am DCRL im Forschungsbereich „Re-thinking methods“ eine diskursanalytische Ästhetik für den Umgang mit digitalen Kulturen vorgeschlagen und erprobt, die in der wissenschaftlichen Arbeit u. a. Methoden künstlerischer Forschung wie Affirmation, Experiment, Interventionen oder Performen von Theorie anwendet. Die durchgeführten Projekte werden in der Webpublikation Experiments&Intervention dokumentiert und analysiert. Dabei wird in „Methods“ die Konstitution digitaler Kulturen aus einem historisch-epistemologischen medienwissenschaftlichen Ansatz heraus erforscht, der nach den technischen Bedingungen von Wissen, Denken, Wahrnehmung und Handeln fragt. Diese Analyse wird flankiert von der Diskursanalyse medienwissenschaftlicher Theorie, denn es sind nur nicht mediale und technische Bedingungen die konfigurieren, was ausgesagt werden kann. Diese Analysen werden in Texten niedergelegt. Sie dienen zugleich als Grundlage für die Nutzung von Methoden künstlerischer Forschung als genuinem Teil wissenschaftlichen Arbeitens. Denn sie ermöglicht es zum einen, wissenschaftliche Theoriebildung kritisch zu hinterfragen (Diskursanalytische Ästhetik), indem sie diese z. B. verkörpert und sie damit um in der rein theoretischen Arbeit schwer fassbare und darstellbare Bereiche wie Affekte oder Atmosphären sowie um die Berücksichtigung von Praktiken und Kulturtechniken erweitert. Zum anderen erlaubt es diese Erweiterung, durch die genutzten Methoden sowie die Berücksichtigung vernachlässigter Bereiche originäre wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, die erst aus der praktischen Auseinandersetzung (sowie hier und hier) zustande kommen können.

Die diskursanalytische Ästhetik wird aus drei Gründen vorgeschlagen und erprobt. Ausschlagend für die Verbindung von praktischer und theoretischer Forschung ist erstens, dass digitale Kulturen als infrastrukturelle Environments aufgefasst werden, die in weiten Teilen in ihrer technischen Konstitution nicht mehr durchschaubar sind, eine Vielzahl von Akteuren einbinden und als sozio-technische Umwelten den Menschen unhintergehbar umzingeln, so dass nur schwerlich Distanz zu ihnen aufzubauen ist. Es bedarf mithin eines erweiterten Repertoires an Methoden. Grundlage der Forschung ist dabei, dass von einer grundsätzlichen theoretischen Durchdringbarkeit ausgegangen wird, dass also Verhältnisse, Gründe sowie vielleicht verborgene Rhetoriken verstehbar gemacht werden können. Zweitens ist die Annahme leitend, dass auf Grund aktueller, ob der skizzierten technologischen Konstitution digitaler Kulturen ins Ontologische driftender Entwicklungen in der Medien- und Kulturwissenschaft vor allem eine kritische und Distanz schaffende Analyse von Nöten sei. Es ist derzeit nämlich eine Re-Orientierung in der Medienwissenschaft zu beobachten, in der mit so genannten schwachen Ontologien digitale Kulturen als techno-ökologische Environments (PDF, Erich Hörl (Hg.), Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt. Berlin 2011) und kooperative, techno-soziale Handlungsensembles (PDF, Schüttpelz, Giessmann) neu beschrieben werden. Damit könnte eine historisch-epistemologische und diskursanalytische Methode, mit der Werden und Gewordensein sowie die Gouvernementalität von technischen Lagen herausgearbeitet werden, abgelöst werden von Seinsbestimmungen, die danach klingen, dass nun endlich die „richtige“ Beschreibung von medialen Kulturen und Existenzen gefunden sei. Diese ontologischen Sichtweisen werden zugleich konterkariert von eher aus einem technik- und wissensgeschichtlichen Forschungsansatz kommenden Stimmen, die einer algorithmischen Gouvernementalität (Antoinette Rouvroy) nachgehen sowie einem für digitale Kulturen konstitutiven Nicht-Verstehen (Claus Pias Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014). Im Hinblick auf die skizzierte Tendenz zu ontologischen Ansätzen in der Medienwissenschaft würde eine diskursanalytische Ästhetik sich gleichwohl zunächst nicht an der Neu-Beschreibung beteiligen, sondern vielmehr fragen, in welchem historischen Kontext und mit welchen Wirkungen neue Ansätze und Methoden gesucht werden. Der dritte Grund für die Fokussierung auf eine diskursanalytische Ästhetik ist, dass die Methoden zur Erforschung digitaler Methoden immer mehr in diese verwickelt sind, sei es, dass sie mit digitalen Technologien durchgeführt wird, oder dass die technische Bedingtheit von Methoden deutlich wird. Eine diskursanalytische Ästhetik sowie Experimente und Interventionen schienen geeignet, um eine kritische Beobachtung sowie deren Beobachtung in dieser Lage zu ermöglichen und diese zugleich als eigene Methode für digitale Kulturen vorzuschlagen.

Zwei Umstände geben nun Anlass für eine Re-Vision und Evaluation dieses Arbeitens und Forschens. Erstens gemahnt eine Kritik aus den Reihen der bisher diskurskritisch-epistemologisch orientieren Medienwissenschaft am eigenen Ansatz zur Reflexion, denn, so die These, das Primat des Verstehens als Ausrichtung von Medienwissenschaft sei aus deren historischer Konstitution zu verstehen und deshalb zu hinterfragen. So hat Claus Pias (Vgl. Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014) bestechend ausgeführt, dass auf Grund der nicht-verstehbaren Datenverarbeitung digitale Kulturen nicht mehr im tradierten hermeneutischen Sinne zu verstehen seien. Claus Pias und Timon Beyes (Timon Beyes, Claus Pias: „Debatte: Transparenz und Geheimnis“, in: Vorstellungskraft, Zeitschrift für Kulturwissenschaft, 2/2014) schlagen vielmehr vor, eine Theorie digitaler Kulturen ausgehend von Kulturtechniken und Epistemen der Vormoderne zu entwickeln, da sie sich aus einem unhintergehbaren Nicht-Verstehen und einem Arkanum konstituierten. Der Zweifel am Hermeneutischen beträfe auch Foucaults Diskursanalyse, so Claus Pias (Claus Pias, Nicht-Verstehen in Digitalen Kulturen, Vortrag auf der Hyperkult XXV, 2015), da auch sie noch von einem Verstehen ausginge. Da die Methoden in „Methods“ und Experiments&Interventions in der Diskursanalyse sowie im einen, wenngleich reflektierten, hermeneutischen Apriori gründen, ist vor diesem Hintergrund mithin eine Reflexion des eigenen theoretischen und praktischen Forschens und dessen Bedingungen angezeigt. Aus den angeführten Beschreibungen digitaler Kulturen als Regime des Geheimnisses und des Nicht-Verstehens müssten dann ein anderes Konzept sowie andere Methoden für den Umgang mit ihnen im Bereich „Re-Thinking Methods“ entstehen. Dies betrifft die in „Methods“ entwickelten Forschungsbereiche, denn dieses Regime greift tief in die verhandelten Vorstellungen von Wissen, Technik/Medien, Medienanthropologie, Partizipation sowie des Politischen ein. Bevor allerdings diese neue Theorie digitaler Kulturen ungeprüft übernommen wird, sollen Methoden des Geheimen und Nicht-Verstehens entworfen und experimentell erforscht werden. In dieser praktischen Forschung soll ein Beitrag zur Re-Orientierung des medienwissenschaftlichen Epistems geleistet werden. In Frage steht, welche Auskunft die neuen Methoden über die digitalen Kulturen des Nicht-Verstehens geben. Zweitens ist ein Grund für die Überprüfung der bisher vorgeschlagenen Methoden ein Dilemma der Diskursanalyse. Sie erschwert nämlich eine Positionierung, da jede substanzielle Aussage oder gar praktische Umsetzungen in der Organisation des Sozialen je eigene Machtbeziehungen produziert. Es steht in Frage, ob im Hinblick auf die dringlichen Problemlagen wie Überwachung, Simulation, Big Data oder die Unüberschaubarkeit von Datentransfers nicht gerade eine Verantwortung der Wissenschaft darin liegt, digitale Kulturen mit zu gestalten, statt sie nur zu analysieren. Könnten Interventionen, statt nur zur Beobachtung zu führen, nicht auch Veränderungen ermöglichen? Wie aber müsste eine Praxis unter den Bedingungen des konstitutiven Nicht-Verstehens aussehen?

Die Auseinandersetzung mit diesen Irritationen hat zum Ziel zu erkunden, welche Methoden des Verstehens und des Kritisierens an die Stelle der Diskursanalyse treten können, die sich, wenn auch in reflektierter Weise, gleichwohl um Verstehen bemüht, wenn Nicht-Verstehen konstitutiv ist. In diesem neuen Kontext sollen zudem Möglichkeiten und Methoden der Positionierung in digitalen Kulturen konzipiert werden. Es geht mithin um einen provisorischen Leitfaden für Interventionen in einer a priori a-partizipativen digitalen Kultur aus Sicht des Geheimnisses.

Bevor dieser Leitfaden beschrieben werden kann, soll allerdings eine Vergewisserung über gouvernementale Effekte der Geheimniskultur vorgenommen werden, da diese eine Politik des Folgens und Gehorchens implizieren könnte. Die anstehende Reflexion betrifft ob deren Rekurs auf eine für den Menschen konstitutive mediale Affizierung sowie auf vormoderne Animismen zudem die genannten Techno-Ökologien. Die Sondierungen sollen anhand einer vergleichbaren Situation um 1900 geschehen, in der im Kontext nicht-verstehbarer technischer Medien und Elektrizität schon einmal in Gestalt einer spiritistischen Medientheorie (Vgl. Wolfgang Hagen, Radio Schreber: Der “moderne Spiritismus” und die Sprache der Medien 2001) die Denkfigur eines medialen, im historischen Fall, spiritistischen Mysteriums auftauchte. Es kam zu einem Sein in Medien, das derzeit im Techno-Ökonomismus sowie in der skizzierten Geheimnistheorie digitaler Kulturen ebenso herbeigerufen werden könnte. Während erstere den Menschen zum Medium-Sein bringt, drängt letztere ihn da zu einem Sein in Medien, wo er sie nicht mehr verstehen und sich damit nicht distanzieren kann. Für diese Sondierung soll die Installation/Performance Im Krankensaal von Radio Schreber (PDF, S. 41) zur Verfügung gestellt werden.

Sie wurde im Sommer 2006 in Weimar mit Studierenden der Fakultät Medien (Lehrstuhl: Künstliche Welten) der Bauhaus-Universität erarbeitet und präsentiert. Dies geschah in einer Kooperation mit der Veranstaltungsreihe des Nationaltheaters Weimar „Studenten wir kriegen euch“, konzipiert und kuratiert von Jonathan Loosli, zu der Zeit Schauspieler am Nationaltheater. In dieser Installation/Performance wurden medientheoretische Diskurse unter dem „Dach“ der paranoiden Medientheorie von Daniel Paul Schreber (Rainer Zuch, Wahnsinn und Methode. Daniel Paul Schrebers Reflexionen eines Paranoikers 2004) performt, die er 1903 in seinen „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ beschrieb. Schreber sah sich um 1900 gleich technischen Medien wie Radio oder Telegrafen als Sprachrohr fremder Stimme, die sich, ganz im Diskurs der Ätherphysik der Zeit, über elektromagnetische Wellen an elektrische Adapter in seinem Hirn anschlossen. Dieses „TheorieTheater“ gemahnte 2006 an die potenziellen animistischen und faszinatorischen Genesen und Infiltrationen von Medienwissenschaft, die sich in Vorstellungen vom In-Sein in Medien ebenso finden lassen wie im Konzept von der Verlängerung des menschlichen Körpers in Medien. Diese Erinnerung scheint im möglichen Übergang zu einer Geheimnis-Kultur des Digitalen von großer Wichtigkeit und Dringlichkeit, um nicht spiritistische Denkmodelle und Politiken zu wiederholen. Mit dieser Referenzierung soll nicht die Tragfähigkeit der These geschmälert werden, dass die epistemische Situation digitaler Kulturen in der nicht-verstehbaren Datenverarbeitung hermeneutische Optionen endgültig auflösen könnten, seien sie noch so reflektiert. Es soll allerdings eine Folie der Vergewisserung und Sondierung zur Verfügung gestellt werden, die mögliche wissensgeschichtliche Genese der Geheim-Kulturen des Digitalen im Auge zu behalten und dabei deren machttechnische Möglichkeiten von den epistemischen Bedingung zu trennen. Es geht somit um die Einbringung eines Ortes und Mahnmals der sondierenden Erinnerung, die frei zur Verfügung stehen und bei Bedarf immer wieder aufgesucht werden können.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.