Diskursanalyse am Ende?

— Martina Leeker, August 2015

In der Lage einer Geheimniskultur des Digitalen würde nun eine diskursanalytische Ästhetik nicht mehr möglich sein, da auch sie von einer hermeneutischen Hoffung (Claus Pias, Nicht-Verstehen in Digitalen Kulturen, Vortrag auf der Hyperkult XXV, 2015) auf Transparenz, Beobachtung und Kritik getragen ist. Was tritt an die Stelle des Verstehen-Wollens und Verstehen-Könnens? Auf der anderen Seite wäre sie unter der gerade beschriebenen Voraussetzung, dass derzeit das Zusammenspiel verschiedener Theoriegebäude bei der Konstitution digitaler Kulturen eine wichtig Rolle spielt, zugleich von Nöten, um die Techno-Ökologien sowie die Gouvernementalität der Geheimniskulturen kritisch zu testen.

Bevor die medienwissenschaftliche Hermeneutik jedoch hinter sich gelassen bzw. sich den Techno-Ökologien angenähert wird, soll ein Moment des Mysteriums aufgesucht werden, der die zeitgenössischen Theorien von Nicht-Verstehen und Nicht-Wissen aus einer älteren Theorie und Praxis herleitet. Es geht um eine Lage um 1900, in der ein In-den-Medien-Sein entworfen und zelebriert wurde, wie es auch heute veranschlagt wird. Hier wurde im Zusammenspiel von Medien, Physik und Performance ein Mysterium im Spiritismus erdacht, gelebt und ausgeübt. Damals wie heute scheinen die politischen Konsequenzen des Mysterium-Werdens deutlich auf. Zum einen wird eine Denkfigur und Praxis aufgerufen, mit der in Momenten der Verunsicherung, durch u. a. Medien, diese ins Geheime gezogen und damit ein Zustand des Black Boxing konsolidiert wird. Dieser lässt sich ökonomisch wie politisch nutzen. Zum anderen bedeutet eine Politik des Geheimnisses, dass eine Regierung der Gefolgschaft und des Gehorsams ausgerufen ist. Diese dürfte sich in aktuellen neoliberalen Systemen finden lassen, die zwar auf den ersten Blick vor allem auf Selbsttechnologien wie Selbstregelung und Selbstausbeutung aufbauen. Auf den zweiten Blick aber werden durchaus Formen von Geheimbünden sichtbar, in denen Entscheidungen getroffen werden, die nur in ihren Effekten, aber nicht mehr in ihren Gründen und ihrem Zustandekommen transparent sind. Die Entscheidung darüber, wer mitmachen darf, liegt im Geheimen und Externe haben keine Möglichkeit der Mitbestimmung.

Aus dieser Sicht würden auch Techno-Ökologien mit ihrem Interesse an Affekten und Atmosphären zu einem Teil dieser Lage und ontologisierend einen Ist-Zustand des Menschen beschreiben. Techno-Ökologien binden nicht nur wieder den Menschen zurück in die technologischen Bedingungen, sondern sie weisen auch einen Weg in eine neue Art des Wissens und Erkennens durch Beschreiben, statt der historischen Recherche oder der diskursanalytischen Theoretisierung.

Um eine Diskursanalyse des konstitutiven Nichtverstehens sowie der Techno-Ökologien vorzunehmen, soll auf eine Performance/Installation in Weimar 2006 zurückgegriffen werden: Im Krankensaal von Radio Schreber. Sie soll hier als eine Art Mahnmal vorgeschlagen und im WWW implementiert werden. Es geht darum, in einer Phase eines grundlegenden, vielleicht auch, oder vor allem diskursiv erzeugten Übergangs, einen Referenzpunkt der Erinnerung und Kritik zu etablieren.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.