Bevor das Mysterium kommt: Noch einmal der Fall Daniel Paul Schreber

— Martina Leeker, August 2015

Im ausgehenden 19. Jahrhundert hört Daniel Paul Schreber Stimmen und wird für verrückt erklärt. 1903 erscheinen seine „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“, in denen er seinen Zustand wissenschaftlich zu erklären und sich damit zu rehabilitieren versucht. So wurde 1902 die verhängte Entmündigung aufgehoben. Die attestierte Nervenkrankheit aber blieb an ihm hängen. Bei ihm, Schreber, umgeben von Strahlen, komme es zu einem von ihm so genannten „Nervenanhang“, womit er meint, dass Gott sowie sein Arzt Paul Flechsig sich an seine Nerven anhängen (PDF, Vgl. Friedrich Kittler, Flechsig/Schreber/Freud, in: Der Wunderblock, Zeitschrift für Psychoanalyse, Nr. 11/12, 1984, S. 56-69). Über den Anhang empfängt Schreber Stimmen und Energien. Denn der Mensch befinde sich in einer Umwelt, in der Funken und Wellen seien, über die Nachrichten transportiert werden. Wolfgang Hagen schreibt zu diesem Zusammenspiel von Physik, Medien und menschlichem Aktanten:

„Ich stellte immer mehr Parallelen fest zwischen Konzepten der romantischen Naturwissenschaft spiritistischer Prägung und den Strukturelementen des Schreberschen Wahnsystems. … Meine These ist, dass Schreber seinen Wahn in das […] Wahnsystem des ‚wissenschaftlichen Spiritismus’ hineinschreibt und so eine Rehabilitation erreichen will, die ihn in die Reihe seiner Väter stellt, die anerkannten Wissenschaftler der Jurisprudenz und Medizin.“

Wolfgang Hagen, „Warum sagen Sie’s nicht (laut)?“ Das Radio und Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“, Schreber Colloquium, Universität Basel 2003 auf whagen.de

Dabei exekutiert Schreber, so Hagen weiter: „[…] die Ungewissheit der epistemologischen Spannung der Jahrhundertwende am eigenen Körper […]. Damit nimmt er in der Tat vorweg, was es heißt, in den Medien zu sein.“ (ebda.). Zur historisch epistemischen Zäsur, in der Schreber und das Mysterium der Medien stecken, schreibt Wolfgang Hagen:

„[…] erst die Entdeckung der Radiowellen durch Heinrich Hertz […] setzte den Startpunkt für eine fundamental neue Epistemologie der Physik. … […] seine Wellen [sind, Einfügung Autorin] diejenigen Phänomene innerhalb der Physik, deren Beobachtung […] alle jahrhundertealten Paradoxien des Äthers in Nichts auflösen konnte. … Wissenschaftshistorisch markiert die Entdeckung der Radiowellen eine Zäsur innerhalb der Epistemologie der Moderne, wie man sie sich tiefer nicht denken kann. Aus Hertz Entdeckung des Radios folgte nichts weniger als das Ende der Kontinuumsphysik des 19ten Jahrhunderts. Eine Natur, die als unbeobachtete Natur Gesetzen und Wahrheiten folgt, ist seither wissenschaftlich nicht mehr erreichbar. Natur ist seit Hertz nur noch Umwelt von konstruktivistischen Scheinbildern, durch die sie erfolgreich beschrieben, aber niemals erreicht werden kann.“

Wolfgang Hagen, „Warum sagen Sie’s nicht (laut)?“ Das Radio und Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“, Schreber Colloquium, Universität Basel 2003 auf whagen.de

Noch einmal von Hagen anders gewendet:

„Die entscheidende Frage war: Ist Elektrizität eine Fernwirkung, also eine Wirkung ohne Zeitverbrauch? Wenn ja, dann wäre sie identisch mit einem geistigen, ideellen, jedenfalls transsubstantiellen Geschehen und also eo ipso in der Lage, Geist, Leben und übersinnlichen Sinn zu transportieren und zu sein. Alle mesmeristischen und telepathischen Phänomene fänden so ihre ontologische Erklärung. Oder aber: Ist Elektrizität eine Nahwirkung? Dann ginge es nur darum, exakt zu ermessen, in welchem Medium und in welchen raumzeitlichen Dimensionen sich ihre Kraft übertrüge, … .“

Wolfgang Hagen, „Warum sagen Sie’s nicht (laut)?“ Das Radio und Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“, Schreber Colloquium, Universität Basel 2003 auf whagen.de

Schreber begründet die Stimmen also mit Erklärungszusammenhängen aus der Ätherphysik seiner Zeit, nach der Luft und Elektrizität von einer immateriellen geistigen Kraft beseelt sind. An dieser Entität partizipiert auch der Mensch mit seinen Nerven, die die seelenvolle Elektrizität leiten. Ebenso seien Medien Empfänger und Sender dieses Äthers und ihre Botschaften nicht weit entfernt von den geheimnisvollen und unheimlichen Stimmen. Das heißt, hier fallen Physik, Medien und Spiritismus in eins, was einer epistemischen Spannung entspricht, so Wolfgang Hagen:

„Der ‚modern spiritism’ organisiert zwischen 1850 und 1900, durch tausende von Büchern, 200 Zeitschriften und durchgehende Pressekampagnen in den Tageszeitungen gestützt, das Gauklerspiel von Mediumisten und Mediumistinnen, also von sogenannten Klopfgeistern, Telekinese-Trickbetrügern und TrancerednerInnen einerseits, und von einer stetig wachsenden Schar von mesmeristisch ausgebildeten Hypnotiseuren andererseits. Dieser Spiritismus konnte sich ‚wissenschaftlich’ nennen, weil er die benannte epistemologische Spannung thematisierte.“

Wolfgang Hagen, „Warum sagen Sie’s nicht (laut)?“ Das Radio und Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“, Schreber Colloquium, Universität Basel 2003 auf whagen.de

Die wohlbekannte These der Medienwissenschaft ist nun, dass Schreber an einem Techno-Spiritismus erkranke und gleichsam selbst zum Medium wurde. Dies ist als eine Art Gründungszene der Medienwissenschaft (Wolfgang Hagen, Die entwendete Elektrizität. Zur medialen Genealogie des ‘modernen Spiritismus’ 2002) gelesen worden und seither droht Medienwissenschaft am Embodiment von Medien zu kranken, das aus einer Zeit stammt, als Medien und deren physikalische Konstitution im Elektrischen aller größte Rätsel aufgaben, so mit Wolfgang Hagen (Vgl. Wolfgang Hagen, Radio Schreber: Der “moderne Spiritismus” und die Sprache der Medien 2001). Wolfgang Hagen führt zur Fortschreibung bis in die aktuelle Lage digitaler Kulturen aus:

„Als technologisches Netz haben uns die Massenmedien, im Verbund von Handy, Computer, Internet, Radio und Fernsehen fast völlig umzingelt. Die Technologie dieses Netzes setzt epistemologisch im Sturmschritt die Erfolgsgeschichte fort, die diesseits der Trennungslinie, die Hertzens Entdeckung um 1890 markiert, entstanden ist. Die Selbstbeschreibung der Massenmedien dagegen greift oft genug immer noch ins Jenseits dahinter zurück. Wer beispielsweise annimmt, Hörfunk sei eine Extension des Ohres, Fernsehen eine Erweiterung des Auges und der Computer eine Extension des Gehirns, geht damit, ob er es nun weiß oder nicht, auf Ernst Kapps Organprojektionsthese von 1877 zurück, die noch voraussetzte, alle Dinge der Welt seien von einem belebten Stoff namens vis activa durchflossen.“

Wolfgang Hagen, „Warum sagen Sie’s nicht (laut)?“ Das Radio und Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“, Schreber Colloquium, Universität Basel 2003 auf whagen.de

Der Fall Schreber konturiert mithin die medialen Geheimnis-Kulturen und ist deshalb als eine Folie zu verstehen, an der sich die aktuellen Denkfiguren und Diskurse auf ihre Nähe zum Mysterium um 1900 hin befragen lassen müssen. Es wäre also zu prüfen, ob zeitgenössische Konzepte vom Mysterium aus der Genese in einem spiritistischen Epistem zu verstehen sind, das als integraler Bestandteil von Medientheorie angesehen werden muss. Worin könnte die zeitgenössische epistemische Spannung bestehen? Wäre sie darin zu suchen, dass die Geheimniskulturen als Diskurs den Anschluss produzieren, oder ist die Datenverarbeitung das, was um 1900 die Elektrizität war? Wolfgang Hagen zumindest geht von einer Tradierung der „Jenseitsphysik“ aus, wenn er schreibt:

„Ob es, statt Relativitäts- und Quantenphysik, nicht vielleicht doch mit der Offenbarung einer pan-ontologischen Jenseitsphysik weitergehen würde, das konnte Schreber 1903 nicht wissen. Das konnte niemand wissen. Wir wissen heute, wie es weiterging, aber wir wissen nicht, ob wir nicht längst schon im Stande einer Jenseitsphysik leben. Vermutlich bräuchte es, um das zu erkennen, erst wieder ein solches Epochenbuch wie Schrebers ‚Denkwürdigkeiten‘.“

Wolfgang Hagen, „Warum sagen Sie’s nicht (laut)?“ Das Radio und Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“, Schreber Colloquium, Universität Basel 2003 auf whagen.de

Problematisch an den medialen Mysterien ist, dass sie die Erkenntnis in die Konstitution und Wirkung von Medien vernebeln und eine Anbindung an sie im Mysteriösen mit dem Versprechen auf die Partizipation an einer höheren Ordnung befördern. Aus diesem Grund lohnt es wohl, den Ort des Mahnens zu etablieren und die historisch-epistemologische Recherche fortzusetzen und weiter mitzuführen.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.