Es lebe das Geheimnis und sein Archiv

— Martina Leeker, August 2015

Bereits die Beobachtung der Geheim-Machung in Fallbeispielen soll von der methodischen Ambivalenz/Ambiguität bestimmt sein. Es sind die Grenzen des Geheimen zu benennen sowie seine epistemischen, ökonomischen und politischen Effekte. Zugleich wäre zu erkunden, was dem Geheimnis sowie der umfassenden Erfassung entgeht, etwa Projekte, die nie umgesetzt wurden, oder Erfindungen, die verloren gingen. Sie halten die Fantasie lebendig und verweisen auf die unhintergehbare Unsicherheit und Unbestimmtheit von Wissen. Es bleibt immer etwas übrig. Die Geheim-Machung sowie das Nicht-Verstehen haben also auch positive Effekte, die es zu nutzen gilt. Statt das Geheimnis aufzudecken und immer mehr in Daten zu erfassen, wäre mithin auf das Geheimnis mit einem Geheimnis zu antworten.

Eine wichtige Funktion ist die Archivierung der Geheimnisse, seien es die der Macht oder die der Macher_innen/Nutzer_innen. Kristin Veel, Nanna Bonde Thylstrup, Annie Ring, Anders Søgaard haben die mögliche Konstitution eines Archivs in den zeitgenössischen Geheimnis-Kulturen des Digitalen in einem Projekt zu „Uncertain archives“ skizziert. Archive werden deshalb unsicher, weil sie zum einen nicht mehr allein der Speicherung von Wissen dienen, sondern vor allem der Vorhersage und der Prävention, in die sich Fehler oder Überwachung einschleichen können und die immer unsicher sind, weil sie in ihren technischen Prozessen nicht mehr gänzlich nachvollziehbar sind. Archive unterstehen mithin dem Wissen um Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen. Zugleich erzeugen diese Archive eine Vorstellung von Sicherheit in einer so genannten Risikogesellschaft. Doch auch diese Vorstellung wird wieder gewendet, da die Archive auf Daten von Besuchern beruhen und, wie Datenschutzskandale zeigen, dieses Wissen nicht schützen. Das heißt, Archive in digitalen Kulturen produzieren und überformen Nicht-Verstehen und Geheimnisse. Kristin Veel, Nanna Bonde Thylstrup, Annie Ring, Anders Søgaard heben die Ambivalenz/Ambiguität digitaler Kulturen hervor:

“Uncertainty, if viewed from a certain angle, holds the positive potential to change the way in which information is held and employed. And yet, in a final twist, the conceptualisation of uncertainty as a creative process can find itself in an alliance with political economies in which performances of critique are praised as ventures—as operations that are endogenous to the contemporary (risk) economy (Beckert, 2013) and whose pursuit therefore promotes and strengthens that economy. From this perspective, even the subversions that are available to the contemporary archive appear doubly calculable, at once subject to the agency of the subject performing out of uncertainty, and at the same time co-optable by the regimes of knowledge, which this subject might set out to resist.”

artsandculturalstudies.ku.dk

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.