Im digitalen Mysterium. Habits und Praktiken im Performing the digital

— Martina Leeker, August 2015

Die beschriebenen Methoden der Performance/Installation sowie die Haltung der Fremdheit gegenüber Medien werden an dieser Stelle in einem Moment eines markanten Umbruchs in der medientheoretischen Auseinandersetzung und Debatte aufgerufen und durch ihre Publikation im Web verstetigt. Ziel ist es, einen Ort der Reflexion zu etablieren. In Frage steht nunmehr, wie unter den angenommenen neuen epistemologischen Bedingungen eines digitalen Mysteriums, d. h. wenn digitale Kulturen als nicht mehr verstehbar und verratbar angesehen werden können, Analyse betrieben werden kann. Über das Technische können jetzt nämlich keine hinreichenden Aussagen mehr getroffen werden, wodurch bislang in der historisch-epistemologisch orientierten Medienwissenschaft eine Distanzierung von umzingelnden medialen Environments vorgenommen werden sollte. Vielmehr sind neue Ebenen der Beobachtung, Analyse und Theoretisierung anzusteuern. Kann aber die diskursanalytische Methode als ein Referenzpunkt kritischer Betrachtung umstandslos aufgeben werden, werden die gouvernementalen Effekte des Mysteriums-Diskurses in Betracht gezogen? Oder kann sie in einer modifizierten Weise weiterhin vorgenommen werden?

Die technologischen Bedingungen digitaler Kulturen können unter den neuen epistemologischen Bedingungen auf der Ebene von „Habits“ (Wendy Hui Kyong Chun. Media: Thresholds and Habits 2014) beschrieben werden, wie dies Wendy Chun vorgeschlagen hat. Es wären mithin Umgangweisen und Gewohnheiten für die Konstitution von Technologie und digitale Kulturen und deren Analyse in Betracht zu ziehen. Das heißt, statt einem technischen Apriori, das im Mysterium versinkt, werden Praktiken und Performance avisiert, die zudem insofern eine Distanz zu technologischen Umwelten herstellen, als sie eine vom Technischen unterschiedene Eigenwilligkeit haben. Derart wäre eine Unterbrechung des Raunens aus dem Mysterium sowie seiner spiritistischen und paranoiden Genesen und Besetzungen möglich. Denn Habits stehen für potenzielle Veränderungen in der andauernden Praxis und Performance. Distanzierung und Veränderung sind möglich, da Gewohnheiten nicht mechanisch funktionieren, sondern vielmehr einen wechselseitigen Prozess des Performens auslösen, in dem die Habits die Handelnden performen und, umgekehrt, die Handelnden die Habits. Oder mit Judith Butler:

“I don’t think habits are mechanical… . We are acted on by the cultures into which we are born and by which we are formed. They act on us but we also act on them. We can’t transcend or reverse our upbringing or formation, but we can work with it… . I do see that we have freedom and the capacity for critical reflection even in the middle of our habitual ways of doing things.”

Judith Butler 2015, zitiert nach: cbc.ca

Das heißt, in einer Kultur des Geheimnisses könnten Praktiken fokussiert werden, über die man wenig weiß, etwa bezogen auf Motive oder den Ausgang von Handlungen, die aber doch als Oberflächen beobachtbar sind. Von diesen aus wäre ein „Performing the digital“ als Theorie des Medialen, wie des Sozialen, Politischen und Physischen zu entwickeln. Zudem wäre im Performing the digital ein „queering“, d. h. eine Unterbrechung und Transformation zu erwirken. Birgit Müller spezifiziert das „Queering“, die Resignifikation, in ihrer „Subjektlosigkeit“ als die performative Dynamik einer Handlungskette:

Queer wird in dieser Kritik als bewußtes Inszenieren von Geschlechterparodien aufgefaßt, als Spiel mit verschiedenen frei verfügbaren Darstellungsweisen. Handlungsfähigkeit wird jedoch in Butlers Subjektkritik gerade nicht als das Attribut oder die Aktivität einer Person aufgefaßt, die mit einer bestimmten Intention handelt: ‚Resignifikation darf nicht als ein individueller Akt verstanden werden. Sie geschieht sehr oft gegen die beabsichtigte Bedeutung unserer Handlungen. Ich würde auch behaupten, daß Dekonstruktion in dieser Hinsicht keine intentionale Strategie ist, sondern daß es um eine Subversion von Intentionalität geht.’ (Butler, 1994c, S. 9). Performanz bedeutet ja gerade, daß das intentionale Subjekt (der Täter hinter der Tat) als Effekt erscheint, Intentionalität aber nicht die Quelle des Handelns ist: ‚Wenn Wörter zu Handlungen führen oder selbst eine Art von Handlungen sind, dann nicht deshalb, weil sie die Absichts- oder Willenskraft eines Individuums widerspiegeln, sondern weil sie sich aus Konventionen herleiten und diese wieder in Szene setzen; Konventionen, die ihre Kraft durch sedimentierte Wiederholbarkeit gewonnen haben.’ (Butler, 1994b, S. 124, Hervorhebungen von Butler). Handeln entsteht demzufolge nicht in kritischer Reflexion, sondern kann als Bewegung in einem determinierten und zugleich offenen Feld von Möglichkeiten verstanden werden. Genauso wenig wie Handeln als das Durchführen einer Absicht verstanden werden kann, können die Effekte zielgerichtet kontrolliert werden. Vielmehr gehen die vom Subjekt instituierten Handlungen in eine Kette von Handlungen ein, der sich keine eindeutige Richtung mehr zuordnen läßt und deren Resultate nicht vorhersehbar sind.“

Birgit Müller, Queer handeln! Performanz und Veränderung, 1997 auf web.fu-berlin.de

Über diesen theoretischen Ansatz gelangt man auch zu Methoden. Die künstlerische Forschung von Katharina Karcher zur Schrift für die Performance/Installation Im Krankensaal von Radio Schreber soll ein Beispiel geben. Indem Schrift anders operierte, wurde nicht nur deutlich, wie die habitualisierte Nutzung funktioniert und wirkt. Es zeigte sich auch, dass Schrift anders genutzt und organisiert werden kann und dass z. B. das erschwerte Lesen, das auf Grund der im Vergleich zur tradierten Funktion verdrehten Schreib- und Leserichtung oder durch die „lückenlosen“ Versalien zustande kam, einen Vorteil bieten können. Dieser besteht etwa darin, dass mehr Zeit nötig ist für Schreiben und Lektüre und so Reflexionen möglich werden oder die Erzeugung von unterschiedlichen Wahrnehmungs- und Sinnebenen. Das heißt, die künstlerische Forschung wurde zu einer Methode, um einen anderen Gebrauch von Medien zu ermöglichen und zu erproben. Sie zeigte zudem, dass die Konstitution im technischen Mysterium der Black Boxes kein Ende der Reflexion und Erkenntnis bedeuten muss.

Diese Wendung zur Praxis würde aber in der Tat das hermeneutische Forschen und Analysieren an ein Ende bringen. Würde das digitale Mysterium streng durchdekliniert, dann müssten andere Methoden aufkommen und eine andere Form wissenschaftlichen Arbeitens. Gerade ein „Performing the digital“ könnte eine Methode sein, Beschreibungen machen zu können, Analysen anzustellen und schließlich zu „Queeren“, d.h. andere Nutzungsweisen zu unternehmen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.