Medienwissen – Kulturtechniken – Kunst, zusammen (Ute Holl)

— Martina Leeker, August 2015

Mit Ute Holl kann diese methodische Wende zum Praktischen weiter fundiert werden. Sie plädierte nämlich jüngst für eine Verbindung von Medienwissen und Kulturtechnikforschung (Ute Holl, Medientheorie (oder, und, trotz) Kulturtechnikforschung, in: Texte zur Kunst, Heft Nr. 98, Juni 2015), mit der ein komplexeres Beschreiben von Medienkultur möglich werden soll.

Ute Holl nähert sich dem Problem der Epistemologie und Hermeneutik medienwissenschaftlicher Forschung aus systematischer Perspektive und konstatiert:

„Mediendenken als parasitäres, das Wissenssysteme auf ihre konstitutiv ausgeblendeten Bedingungen aufmerksam macht, riskiert immer auch, den eigenen Sujets und Subjekten den wissenschaftlichen Boden unter den Füßen wegzuoperieren.“

Ute Holl, Medientheorie (oder, und, trotz) Kulturtechnikforschung, in: Texte zur Kunst, Heft Nr. 98, Juni 2015, S. 81–87, hier S. 81

Eine fruchtbare Weise, mit dieser Lage umzugehen, sei eine Verbindung von Denken der Medientheorie mit Kulturtechnikforschung. Während erstere an Codes, Programmierungen oder Schaltungen interessiert sei, befasse sich letztere mit Zeichen, Praktiken und Körpertechniken. An einem Beispiel ausgeführt heißt das, dass Medienwissenschaft die technische Materialität etwa von Film oder Radio fokussiert, während Kulturtechniken im Schnitt oder Samplen zu finden wären.

Aus dieser Verbindung lassen sich nun im Kontext des konstitutiven Nicht-Verstehens in digitalen Kulturen Ausgangspunkte für Forschung aufzeigen. Ein Vorteil der Verbindung ist, dass von einem weiteren Feld medienwissenschaftlicher Forschung und Methodologie auszugehen ist, mit dem das, was jenseits des Wissens und Verstehens liegt, eingeblendet wird. Statt eines Mediendeterminismus, der von einer techno-sozialen Kausalität ausgeht, so als würde etwa eine Kamera auch bestimmen, wie Wahrnehmung funktioniert, kämen etwa ausgehend von der Kulturtechnikforschung auch die Praktiken im Umgang mit Medientechnik in den Blick, die aus dieser Perspektive immer auch die „Arbitrarität in der Verkettung von Operationen“ (Ute Holl, ebda. S. 83) veranschlagt. Kulturtechnikforschung eröffnet so erst ein weites Feld der Relationen, statt linearer Zuordnungen, in dem Verkettung auch neue Optionen erstellen würden. So werden Unbekanntes, Nicht-Wissen, Offenheit sowie Un-/Entscheidbarkeit zur medienkulturellen Ausgangsbasis.

Mit diesen Einstellungen und Methoden wäre auch für die aufkommende technologische Geheimniskultur eine Dämmung der Effekte denkbar, die sich aus ihrer möglichen Genese aus dem Medienspiritismus bzw. einer strukturellen und epistemischen Ähnlichkeit mit diesem ergeben würden. Da Handeln als auf Dauer gestellter Wandel immer prekär und temporal ist, mithin Verunsicherung zum Status quo wird, muss es keine durch die epistemische Erschütterung um 1900 ausgelöste Kompensation in spiritistischen Weltordnungen geben, mit der sich Unerklärbares in Tischrücken, Stimmenhören oder Äthertanzen erklärt.

Eine wichtige Rolle spielt nach Ute Holl in der neuen epistemischen und methodischen Verbindung von Medienwissen und Kulturtechniken die Kunst. Denn Kulturtechniken rufen das im Medialen den Sinnen Entzogene auf, worauf allerdings erst künstlerische Methoden verweisen können:

„Der Schnitt macht aufmerksam auf den Fluss, […]. Die Zäsur zeigt an, wo Schaltungen verbinden und verbunden sind. Kulturtechniken lassen sich beobachten, aber erst Zäsur, Schnitt, Diskontinuität verweisen auf Logik und Dynamik implizit laufender Operationen. … Kunst, ließe sich sagen […] führt Bilder, Klänge, Texturen auf, möglichst so, dass darin kulturelle und mediale Verfahren freigelegt werden, sodass wir uns darin verhalten können, entscheidend, so oder so oder anders.“

Ute Holl, Medientheorie (oder, und, trotz) Kulturtechnikforschung, in: Texte zur Kunst, Heft Nr. 98, Juni 2015, S. 81–87, hier S. 85

Allerdings bedarf Kunst zum einen der Medientheorie, so Ute Holl, denn sie: „erkundet, wie nach dem gefragt werden kann, was entzogen bleibt.“ (Ebda. S. 86) sowie zum anderen der Kulturtechnikforschung, um das Medienwissen wieder zur Offenheit der Praktiken zu bringen.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.