Im Krankensaal von Radio Schreber. Installation/Performance (Weimar 2006)

— Martina Leeker, August 2015

In der Performance/Installation wurde dieses Verkörpern und Besessen-Sein von Medien in einer affirmativen Eulenspiegelei verdichtet. Sie fand im „E-Werk“ statt, einer alten Industrieanlage und Spielstätte des Nationaltheaters Weimar. Im Krankensaal von Radio Schreber bleibt Schreber selbst unsichtbar. Allein seine Stimme ertönte, die über die Nervenanhänge berichtete. Er schildert: „[…] durch Strahleneinwirkungen werden meine Nerven in Schwingungen versetzt, die gewissen menschlichen Worten entsprechen, deren Wahl also nicht auf meinem eigenen Willen, sondern auf einem gegen mich geübten äußeren Einflusse beruht.“ Dieses nervenkranke und paranoide Denksystem bildet das Dach, unter das Äthertheorien und -performances von Schrebers Zeitgenossen sowie Medientheorien und deren Vertreter seit den 1960er Jahren subsumiert wurden. Sie wurden präsent durch über den Raum verteilte, installative Spielorte, an denen zum einen die im Hörspiel sprechenden Medienwissenschafler_innen mit für sie typischen physischen Handlungen dargestellt wurden.

Zweitens traten „Relikte“ der spiritistischen Vergangenheit in Physik- und Mediengeschichte auf und zeigten sich mit signifikanten Tätigkeiten. Das heißt, eine akustische Textspur, die von verschiedenen Facetten des Medienwahnsinns erzählte, überzog die physische Welt der Performances und belegte sie auf diese Weise mit einem Interpretationsrahmen. Ein Erzähler, gespielt von Jonathan Loosli, 2006 Schauspieler am Nationaltheater Weimar und Initiator sowie Kurator der die Performance/Installation veranstaltenden Reihe „Studenten wir kriegen euch“, saß erhöht im Raum über den Spielflächen und begleitete die Besucher_innen durch die Performance, indem er sie über die näheren Umstände von Schrebers Erkrankung unterrichtete.

Für die Spielflächen der Medienwissenschaftler_innen, deren Medientheorien im Performen unter dem „paranoiden Dach“ auf ihre möglichen spiritistischen und animistischen Einlagerungen hin abgeklopft werden sollten, wurden Medientheorien von Friedrich Kittler, Sybille Krämer, Marshall McLuhan und Derrick de Kerckhove ausgewählt. Denn sie umspannen ein medienhistorisches und medientheoretisches Feld, in dem Verkörperungen von Medien sowie animistische oder spiritistische Denkfiguren in unterschiedlichen Ausprägungen und historischen Momenten eine Rolle spielen.

Hardwarestation

Idee und Performance: Sina Schönefuß (Friedrich Kittler)

Eine Figur, die an „Friedrich Kittler“ gemahnt, saß lötend über Platinen. Ihr sind Äußerungen im Hörspiel zuzuordnen, die von einem direkten Spiel der Medien (PDF, Friedrich Kittler, Gott der Ohren 1993) auf den Nerven menschlicher Nutzer_innen berichten, z. B. über das Ohr eindringend. Auch wenn Kittlers Medientheorien der Parallelisierung von Mensch und Medien entsagen und an deren Stelle eine nicht-anthropomorphe Übertragung und Verrechnung von Signalen stellen, gründen sie doch da in einer Verkörperung von Medien, wo diese unhintergehbar unsere Lage bestimmen. Denn im so genannten technischen Apriori werden Medien zur Bedingung humanoider Existenz und bestimmen Wahrnehmung, Denken und Körperlichkeit. Das heißt, die Vorstellung von einer rein technischen Konstitution des Menschen partizipiert an einem medialen Wahnsinn statt nur über die technischen Konditionen aufzuklären. Das Problem liegt mithin darin begründet, dass Medien in ihrer Rückwirkung auf den Menschen zur Besessenheit führen, die entweder durch ihren Eingriff in die Physis oder in die Ideen- und Wissensgeschichte ausgelöst wird, wobei sich letztere nach Kittler nach dem bildet, was Medien aufschreiben können. Das Problem liegt mithin darin begründet, dass Medien nicht das Andere sind und bleiben.

Man-machine-direct-connect. Extension et Vino

Idee und Performance: Katharina Karcher, Marie-Luise Lange (Derrick de Kerckhove, Marshall McLuhan)

Im Raum von Marshall McLuhan überschlägt sich die Darstellung von Derrick de Kerckhove, von 1972–1980 McLuhans Assistent, telefonierend in Statements zu direkten Kopplungen von Mensch und Maschine zum Zwecke der Erstellung konnektiver Intelligenz (Derrick de Kerckhove Text, Kontext, Hypertext. Drei Sprachzustände, drei Bewusstseinszustände, in: Karin Bruns, Ramón Reichert (Hg.), Reader Neue Medien 2002). Hiermit wird eine andere Seite der Medienwissenschaft eingespielt, von der sich Kittler explizit abwandte. Denn im Gegensatz zu Kittler gehen McLuhan wie auch de Kerckhove davon aus, dass Medien Extensionen des menschlichen Körpers seien und als solche im Umgang mit ihnen auf diesen zurückwirken würden. Im so genannten elektronischen Zeitalter ist nun nach McLuhan das gesamte Nervensystem nach außen gestülpt, so dass eine hoch elektrifizierte Umwelt umfänglich an den Körper ansetzen und den Menschen in ein mediales Environment integrieren könne. Schrebers Disposition zur Erkrankung, die der von ihm entworfenen Resonanz von Körpern, Nerven, Ätherwellen und technischen Medien entsprach, scheint sich um 1960 – und im Zuge des Techno-Ökologismus vielleicht auch heute – in Entwürfen zum direkten Anschluss von Mensch und Maschine fortzustezen: man-machine-direct-connect.

Steckomanie

Idee und Performance: Annekathrin Knigge (Sybille Krämer)

Eine „Sybille Krämer“ (PDF, Medien, Boten, Spuren) schließlich berichtet von Medien als engelartigen Dingen, während sie Stecker in große Schaltbretter stöpselte. Wo Medien Engeln gleichen und nur Spuren hinterlassen, wird ein Mysterium aufgerufen.

Äther-Funken und Relais Körper

Idee und Performance: Martina Kellner (Loie Fuller), Johannes Schwerdtfeger (Heinrich Hertz) , Hanchao Zhu (Chinesisches Medium)

Auf einer weiteren Spielfläche schließlich fanden sich drei Experten des Medienseins aus der Ätherphysik (PDF, Solveig Ottmann, Die kommunizierenden Röhren zwischen Gothic und den Anfängen des Radios – Welle: Erdball und die Verbindung zum Ätherparadigma 2007) um 1900 vereint. Im Hörspiel ist diese nicht nur vertreten durch ihre paranoide Überformung in Schrebers Wahnsinn, sondern auch durch die ätherphysikalischen Erklärungsmodelle von William Crookes (Track „Kittler Sprache; 00:27–00:58 Krämer Engel; 00:59–02:08 William Crookes; McLuhan Elektrizität“, Part 3, 00:59–02:08 – Crookes), der als eine Ikone spiritistisch-mystizistischer Physik und Medientheorie (Wolfgang Hagen, Das Radio. Zur Geschichte und Theorie des Hörfunks – Deutschland, USA. München 2005, S. 43) gelten kann. Er war im ausgehenden 19. Jahrhundert Präsident der Society for Psychical Research, 1882 in London zur Erforschung parapsychologischer Phänomene gegründet. Crookes, dem wichtige Entdeckungen im Rahmen der Erforschung der Elektrizität und ihrer medientechnischen Nutzung zu verdanken sind, wollte eine „vierte Materie“ der Strahlen nachweisen. Genutzt wurde dazu die „Crookes’schen Röhre“, die, zwar modifiziert, später u. a. zur Entdeckung von Röntgenstrahlen beitrug. Wolfgang Hagen schreibt zum Mystizismus dieser Physik und Medientheorie:

„Dabei sollte nicht vergessen werden, dass es Experimentiergeräte eines schillernden, okkultistischen Forschers waren, der an Gedankenübertragung glaubte, sich von einem jungen Klopfgeistmedium namens Katie King in seinem Badezimmer verführen ließ, die Telekinesen und Materialisation in den Seancen des Mediums Donald Dunglas und Henry Slade beschrieb und schwebende Tische ebenfalls für wissenschaftlich ernstzunehmende Dinge erachtete.“

Wolfgang Hagen, Das Radio. Zur Geschichte und Theorie des Hörfunks – Deutschland, USA. München 2005, S. 43, auf digi20.digitale-sammlungen.de

Die Bruchstelle zwischen Crookes’scher Physik und dem Schritt hin zu Erklärungsmuster jenseits des Äthers bildet Heinrich Hertz (Wolfgang Hagen, Fotofunken und Radiowellen. Über Feddersens Bilder und die Hertzschen Versuche 2001), der auf seiner Spielfläche während der Performance nach elektromagnetischen Wellen suchte und mit einem Zollstock vermaß. Hertz hatte diese Wellen 1887/88 entdeckt, sie als Grundlage des technischen Mediums Radio aber verkannt. Auf der Spielfläche agiert zudem eine Darstellerin der Licht- und Tuchtänzerin Loïe Fuller (Wolfgang Hagen, Loie Fuller. The Shock of Electricity and the Technological History of Modern Dance or the Overwhelmingness of Technology and the Possi­bilities of Art, in:, Söke Dinkla, Martina Leeker, Dance and Technology 2002). Fuller kann als Sinnbild eines spiritistisch-animistischen Tanzes (Martina Leeker, Weibliche Medien um 1900. Über okkulte Herkünfte der Medienwissenschaft, in: In: Hg. Hedwig Wagner. Gender Media Studies. Zum Denken einer neuen Disziplin, Weimar 2008) gelten, wenn sie meint, auf ihren Tüchern Äther zu fangen und ihn selbst zum Leuchten zu bringen. Medientheater fände mithin im Mysterium zu sich selbst. Schließlich war ein menschliches Medium präsent, das während der Performance mehrmals von Geistern – welcher Art auch immer – heimgesucht wurde.

Medien-Performance. Schreib Schrift

Projekt: Katharina Karcher

Ein letzter Part der Performance/Installation waren Auftritte von technischen Medien, in denen deren Kraft als Welt bildende Apparate (PDF, Sybille Krämer, Erfüllen Medien eine Konstitutionsleistung? Thesen über die Rolle medientheoretischer Erwägungen beim Philosophieren, in: Medienphilosophie, hg. v. Stefan Münker, Alexander Roesler und Mike Sandbothe, Frankfurt 2003, S. 78–90) nachvollziehbar gemacht werden sollte. Exemplarisch ist die Arbeit von Katharina Karcher über die Herausforderungen des linearen Vokalalphabets für die Wahrnehmung, die nach einem Text von Sybille Krämer (PDF, Sybille Krämer, ‚Operationsraum Schrift’ Über einen Perspektivenwechsel in der Betrachtung der Schrift, 2005) entstand. Was geschieht, wenn Schrift nicht wie gewohnt von links nach rechts, sondern von rechts nach links geschrieben wird, oder in Versalien ohne Zwischenräume auftaucht?


Im Krankensaal von Radio Schreber konnten mithin zeitgenössische Medientheorien nicht gegen die parasitäre und obsessive, menschengemachte Besiedlung durch Medien helfen. Besserung sollte erreicht werden, so das Ziel der Performance/Installation, durch die Nutzung eines Ortes der Anschauung und Reflexion, in dem im MedienTheorieTheater Medientheorien bei der Arbeit zugeschaut werden konnte. Ob der hoffentlich einsetzenden Erschütterung durch die Konsequenzen der vorgeführten eulenspiegeleienden Verkörperungen könnte man forthin wissen, dass nur die Fremdheit der Medien und der Medientheorien uns vor der Vereinnahmung durch beide schützen könnte.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.