Zunächst: Kritik der Messiness in den Sozialwissenschaften

— Martina Leeker, August 2015

Seit den 1990er Jahren gibt es bereits eine umfängliche Vorlage an Methoden aus den Sozialwissenschaften, die sich auf den ersten Blick anbieten könnten, mit Nicht-Verstehen, Nicht-Wissen und dem Geheimen umzugehen. Man könnte die Re-Orientierung in den Sozialwissenschaften mit John Law als eine Messiness von Methoden (PDF, John Law: Making a Mess with Method 2007) bezeichnen. Deren Ziel ist es, dass vermeintlich bisher Vernachlässigtes erfasst werden soll. Affekte, Gefühle, Körper sowie auf Grund ihrer Komplexität nicht gänzlich erfassbare und verstehbare soziale Organisation werden zum Sprechen gebracht. Dabei wird immer zugleich die begrenzte Reichweite der Methoden reflektiert. Denn zum einen wird auf Grund der Komplexität von Wirklichkeit immer etwas nicht erfasst werden können. Zum anderen wird betont, dass sich die Forschenden selbst bereits im Forschungs-Setting, etwa durch Fragen, Untersuchungsenvironments, Auswahl der Proband_innen oder eigene Haltungen, und nicht erst in der Darstellung einschreiben und damit Reduktionen und Verzerrungen vornehmen. Diese Ausschnitthaftigkeit sei herauszuarbeiten. Das heißt, es gibt ein Problem in den empirischen Sozialwissenschaften, die von einer konstitutiven Begrenzung von Wissen ausgehen, zugleich aber intensiv und erfindungsreich versuchen, immer mehr von einer Wirklichkeit zu erfassen. Dieses Anliegen geht sogar so weit, dass nach Lisa Blackman auch Stimmenhören und Telepathie (Lisa Blackman, Embodying Affect: Voice-hearing, Telepathy, Suggestion and Modelling the Non-conscious, in: Body & Society, March 2010) zu einer ernst zu nehmenden Erkenntnisquelle werden sollen, aus der schließlich eine neue und komplexe Ontologie des (Nicht-)Wissens entstehe, in der Affekte, Animismen und Gruseleffekte nicht das Andere von Wissen, Erkenntnis und Wirklichkeit seien, sondern deren integraler Bestandteil.

Die methodischen Überlegungen der empirischen Sozialwissenschaft scheinen den hier angeführten zunächst zu ähneln. Es besteht allerdings ein grundlegender Unterschied zwischen beiden Überlegungen und Auseinandersetzungen. Während die sozialwissenschaftlichen Bemühungen eine aufgeklärte Totalität anstreben, bleiben die Methoden der diskursanalytischen Ästhetik sowie die zu entwickelnden Methoden digitaler Geheimnis-Kulturen partiell und der so genannten Wirklichkeit fern. Denn sie sollen erkunden, wie etwas entsteht und nicht, wie es ist. Die Lücken in der Erfassung sollen nicht geschlossen, sondern vielmehr erhalten werden, um die unhintergehbare Begrenztheit methodischer Erfassungen anzuzeigen.

Ein weiterer Unterschied ergibt sich zwischen der zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Methodologie und diskursanalytischer Ästhetik. Erstere will mit ihrem entfesselten Methodenrepertoire nicht bei der Beobachtung allein stehen bleiben, sondern mit Experimenten in Wirklichkeit eingreifen, um diese umzugestalten. Eine diskursanalytische Ästhetik würde dagegen das Experiment selbst diskurskritisch analysieren, während Methoden digitaler Geheimnis-Kulturen wahrscheinlich eher im Geheimen agieren würden statt selbstgewiss zu erscheinen. In den Sozialwissenschaften aber soll zum einen aus praktischer Forschung ein neues, anderes Wissen gewonnen werden. Zum anderen sollen Environments geschaffen werden, in denen andere Erfahrungen gemacht und davon ausgehend möglicherweise andere Wirklichkeiten gestaltet werden. In Gemahnung an die am Menschen durchgeführten Milgram-Experimente wird allerdings darauf hingewiesen, dass die künstlichen experimentellen Environments die Ergebnisse verfälschen können, weil die Probanden sich in diesen anders als gewohnt verhalten. Moralische Bedenken (PDF, vgl. Britta Timm Knudsen, Carsten Stage Introduction: Affective Methodologies, in: Britta Timm Knudsen, Carsten Stage (Hg.), Affective Methodologies. Developing Cultural Research Strategies for the Study of Affect, New York 2015) spielen keine herausragende Rolle und die Experimente am Lebendigen, so Noortje Marres (Noortje Marres, Experiment: The experiment in living, in: Celia Lury, Nina Wakeford (Hg.), Inventive Methods: The Happening of the Social. London 2012), werden in modifizierter Weise entwickelt und erprobt. Kritische Aspekte der Experimente am Menschen sollen dadurch ausgeschaltet werden, dass die Beteiligten gleichberechtigt involviert sind. Das Problem, das sich in der experimentellen Arbeitsweise ergibt, dürfte allerdings weniger mit moralischen Überlegungen zu erfassen oder allein mit einer Beteiligung aller zu kompensieren sein, sondern erschließt sich vielmehr aus einer systematischen und historischen Untersuchung. Denn Experimente entwerfen zum einen ein Environment des Möglichen und nehmen damit eine Reglementierung des Offenen vor. Zum anderen sind Performances und Experimente eine Weise der sozialen Konstruktion und Kontrolle. So hat Katja Rothe in ihren Forschungen zur: „Dramatologie des praktischen Wissens (Theater und seine ‚Anwendungen’ in Arbeitswissenschaft, Managementtheorie, Pädagogik und Soziologie)herausgearbeitet, dass mit dieser erst im Performen ein unsicheres und auf die Zukunft, mithin auf Verhaltensoptimierung orientiertes Wissen entsteht:

„Eine Dramatologie bezeichnet eine relationale Wissensgenerierung auf der Grundlage der (gegenseitigen) Beobachtung von situativen Handlungen der Akteure. Die Dramatologie findet ihre Gegenstände in aufgeführten Handlungen, in der Beobachtung von Praktiken (Praxis von altgriechisch πράξις, ‚Tat‘, ,Handlung‘, ,Verrichtung‘), die ich als theatral bezeichnet habe. Das Beobachten von Handlungsaufführungen wird zum Teil einer ‚Forschungsstrategie’ (Hitzler 1991: 277). Eine Dramatologie bezieht sich also nicht auf eine Philosophie der menschlichen Natur oder Anthropologie des Theaters, sondern auf die Art und Weise der Wissensorganisation, einer Ordnung des Wissens, die ein soziales „Selbst“ beobachtbar macht und damit überhaupt erst konstituiert.“

Katja Rothe, Dramatologien des Wissens? Vortrag 2012, S. 18, auf rothespraxis.de

Auf den zweiten Blick ist also Vorsicht geboten bei der Bezugnahme auf diese Erweiterung und Performativierung der Methoden. Denn, neben den genannten wissenschafts- und wissensgeschichtlichen Bedenken, sind die skizzierten Methoden auf den historischen Moment hin zu befragen, in dem sie auftauchen. Dann fällt auf, dass die Methoden-Explosion sich mit dem Aufkommen digitaler Kulturen ereignet. Es wäre mithin zu vermuten, dass in dem Moment, in dem technische Geräte und Codes digitaler Kulturen immer mehr erfassen können, die Sozialwissenschaften seit den 2000er Jahren mit ihrer Suche nach neuen, u. a. affektiven Methoden (PDF, vgl. Britta Timm Knudsen, Carsten Stage Introduction: Affective Methodologies, in: Britta Timm Knudsen, Carsten Stage (Hg.), Affective Methodologies. Developing Cultural Research Strategies for the Study of Affect, New York 2015) es der Datenekstase in digitalen Kulturen gleich tun. Dann werden die skizzierten Methoden der Messiness lesbar als eine Unterstützung digitaler Technologien, die es darauf anlegen, immer mehr Daten zu erhalten sowie Methoden, sie auszuwerten. Mensch gewöhnt sich daran, Daten zu geben und umfänglich erfasst zu werden. Zudem wird er trainiert, sich mit Unordnung zufrieden zu geben, als die die Daten zumindest auf der Ebene ihrer Darstellungen erscheinen. Entweder man lässt sie ungeordnet oder erfindet immer komplexere Systeme der Ordnung. Die Re-Orientierung der Methoden in der Sozialwissenschaft scheint mithin ein probates kulturelles Feld mit eigenen Kulturtechniken, genannt Methoden, zu sein, in dem mit der spezifischen Konstitution digitaler Kulturen umgegangen wird.

Der Ruf nach immer dichteren Beschreibungen entspricht mithin einem technischen Effekt, der theoretische Erfassungen gründlich erschwert, vielleicht verunmöglicht. An die Stelle von Analyse und Theorie treten Phänomenologie und Beschreibung. Die gleichsam explodierenden und exzessiven Methoden kompensieren derart das Geheimnis und das Nicht-Verstehbare und füttern zugleich die digitalen Oberflächen und technischen Verrechnungen. Es handelt sich um Oberflächen-Methoden der Daten-Exzesse.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.