Methoden bisher

Affirmation/Über-Affirmation, Performen von Theorie, TheorieTheater, Experimente mit Medienwissen, Paranoia, Embodiment of Remix

— Martina Leeker, August 2015

Vor diesem Hintergrund steht es nun an, die bisher in „Re-thinking Methods“ genutzten Methoden zusammenzutragen und im Hinblick auf ihre hermeneutischen Grundannahmen im Kontext eines Mysteriums digitaler Datenverarbeitung zu evaluieren. Es gilt dabei, wie ausgeführt, auf ein „Performing the digital“ zu fokussieren. Bisher stand methodisch das mediengeschichtlich-epistemologische und diskursanalytische Arbeiten im Vordergrund, d. h. Erkenntnis und Verständnis wurden fokussiert und führten auf der praktischen Ebene zu Interventionen. Zugleich zeigte sich in der Arbeit, dass das praktisch-künstlerische Arbeiten nicht schlicht eine Umsetzung von Theorie in Praxis ist, sondern vielmehr erstere einer eigenen Forschung entspricht, die eigene Ergebnisse zeitigt, welche mit einer rein theoretischen Arbeit nicht erscheinen würden. Praktische Forschung mit künstlerischen Methoden wird mithin als wissenschaftliches Arbeiten verstanden, das zum einen Theorie auf den Prüfstein stellt und zum anderen einen eigenen theoretisch-wissenschaftlichen Beitrag leisten kann.

Folgende praktische Forschungen wurde unternommen:

In diesen Arbeiten wurden je andere Methoden im Rahmen der diskursanalytischen Ästhetik genutzt. Sie lassen sich in sechs Kategorien zusammenfassen: (1) Über/-Affirmation, (2) Performen von Theorie, (3) TheorieTheater, (4) Experimente mit Medienwissen, (5) Paranoia, (6) Embodiment of Remix.

Mit der Methode der (1) Affirmation/Über-Affirmation werden insbesondere Medien- und Kulturtheorien einer diskursanalytischen Untersuchung unterzogen. Ziel ist es, die beschriebene Phase einer methodischen und theoretischen Neu-Orientierung in der Kultur- und Medienwissenschaft, etwa in Gestalt des Techno-Ökologismus, der Geheimniskulturen oder der operativen Agenturen, beobachtend zu begleiten. Dabei sollen vor allem deren Konsequenzen für Vorstellungen von Mensch und Technik herausgeschält und diese auf ihre gouvernementalen Optionen hin abgeklopft werden. Die These ist, dass digitale Kulturen einer theoretischen Neu-Orientierung besonders bedürfen, da sie ob der Unübersichtlichkeit in Datenverarbeitungen sowie der komplexen Handlungskooperationen in sozio-technischen Umwelten digitaler Kulturen in ein Erklärungs- und Verstehens-Vakuum geraten. Diesem zu begegnen wurden in der Medientheorie sehr schnell Thesen aufgeworfen und konsolidiert, aber nicht geprüft. Dies zu tun, ist aber ob der skizzierten grundlegenden Rekonfiguration der technologischen Lagen sowie der theoretischen Reaktionen auf diese eine dringliche Aufgabe von „Re-thinking methods“ in digitalen Kulturen, so dass die experimentelle Testung im Praktischen deren integraler Bestandteil ist und sein sollte. Die Über-/Affirmation ist geeignet, durch Überakzentuierung, Überziehen, Übertreibung und Risikobereitschaft die nicht immer offen liegenden Effekte der Re-Orientierungen aufzudecken. Zudem können sich dabei eigene Forschungsbeiträge wie eigene theoretische Erkenntnisse ergeben.

Die Affirmation ist insofern, als sie in praktische Umsetzungen fließt, eng mit der (2) Methode des Performens von Theorie verbunden. Mit dieser Methode wird zugleich die generative Kraft des Performativen als Transformation aufgerufen. Denn im Agieren stellt sich eine eigene Dynamik her, mit der Verhältnisse, Dinge und Subjekte immer auch anderes sein könnten. Das heißt, mit dem Performen und seiner autonomen Handlungsmacht (Vgl. für den Film: Vinzenz Hediger. Einleitung. WAS IST FILMPHILOSOPHIE? Ein Versuch in vier Experimenten, in: Lorenz Engell, Oliver Fahle, Vinzenz Hediger, Christiane Voss: Essays zur Film-Philosophie, München 2015), entsteht ein Ort, an dem Organisationsweisen im Tun erst erzeugt werden. Selbst da, wo vorab bestehende Konzepte oder Ideen z. B. zu einer anderen Ordnung umgesetzt werden sollen, wird sich die Kraft des Performativen in deren Erprobung einbringen und zu einem nicht vorhergesehenen Ergebnis führen, das zugleich konsistent und brüchig sowie porös ist, da mit jeder Aufführung auch wieder etwas anders sein oder geschehen kann. So wie die Über-/Affirmation integraler Bestandteil digitaler Kulturen sein sollte, da sie eine praktische Diskursanalyse betreibt, so kann und sollte das Performen von Theorie als ein integraler methodischer Bestandteil dazu beitragen, dass eine auf Dauer gestellte Einsicht in die Veränderbarkeit, die Prekariarität sowie die Fragilität von Organisationsweisen möglich ist. Dieses Performen unterminiert die Verhärtung von theoretischen Modellen zu ontologischen Beschreibungen und hilft zudem dabei, als eigene wissenschaftliche Forschungsweise aus der Erprobung der Theorie heraus, andere theoretische Erkenntnisse zu erhalten oder unberücksichtige Aspekte zu ermitteln.

Eine Methode, die in der Kategorie des für digitale Kulturen erprobten (3) TheorieTheaters angewandt wird, besteht darin, aus theoretischen Texten eigene Theaterstücke zu schreiben und diese zu performen. Diese Methode wurde in einem noch unveröffentlichten Theaterstück der Autorin erprobt. Im Stück „Wir sind so herrlich neoliberal (AT)“ treten verschiedene Figuren/Positionen neoliberaler Modelle und Verhaltensweisen sowie Theorie-Konstrukte zu digitalen Kulturen auf und agieren miteinander. Diese Begegnungen sind eingelassen in Ausschnitte aus dem Alltag in einem drittmittelgeförderten Lab für die Verbesserung digitaler Kulturen durch die Kreativindustrie. Auf dieser Schnittstelle stehen Figuren/Positionen im Mittelpunkt, an denen der Übergang der so genannten Graswurzel-Bewegung in eine neoliberale Mehrwertigkeit als Symptom des Zusammenspiels von digitalen Kulturen und neoliberalen Politiken verhandelt und ausgelebt wird. Im Zentrum stehen die Zuschauer_innen, die in einer emotionalen und kognitiven Verwirrungsdramaturgie immer wieder zu eigenen Positionierungen gezwungen werden sollen. An der Vereinnahmung der Zuschauer_innen soll auch deutlich werden, dass in einer neoliberalen digitalen Kultur die Individuen da an dieser konstitutiv beteiligt sind, wo sie sich in Selbst-Kontrolle üben. Diese erhofften Effekte können eher durch eine Theateraufführung als durch einen theoretischen Text ermöglicht werden. Zudem können andere Dimension eingespielt werden wie Gefühle, Atmosphären, Affekte, die in digitalen Kulturen in besonderer Weise genutzt, industrialisiert, ausgegrenzt, strategisch eingesetzt und ökonomisiert werden. Im Performen und Verkörpern heißt das, kann man vom Performten erfasst werden und andere erfassen. Diese Methode wurde von Studierenden (Sarah Kresse, Lea Meinersdorfer) in einem Seminar zu TheorieTheater versucht und aufgeführt. Es zeigte sich, dass im Performen eines theoretischen Modells auch hier in Texten abstrakt bleibende Dimensionen verlebendigt wurden. In diesem Vorgang kamen zugleich bisher nicht in der Forschung betrachtete Aspekte zutage. Aus diesem Grund kann TheorieTheater in weiteren Studien zu eigenen Theorieleistungen führen.

Im Umgang mit Medien ist das medienreflexive Arbeiten von entscheidender Wichtigkeit. Denn es entspricht einer Reflexion des Medienwissens, d.h. der technisch-induzierten spezifischen Handlungsfähigkeit, der Diskurse zu Medien sowie der Methoden, diese zu nutzen. Die (4) Experimente mit Medienwissen sind im Bereich „Re-thinking methods“ aus einem weiteren Grund sehr wichtig, da exemplarisch für Lehre und Forschung in digitalen Kulturen mit der Interview Serie: DCRL Questions: What are digital cultures? ein eigener audiovisueller wissenschaftlicher Corpus hergestellt wird. Es ist nämlich davon auszugehen, dass in digitalen Kulturen nicht mehr nur Texte in der Forschung genutzt werden, sondern z. B. auch audiovisuelle Gegenstände. Die Interviews mit ca. 60 Forscher_innen bilden nun einen repräsentativen Querschnitt durch den Stand der Forschung zu digitalen Kulturen und sind mit angemessenen Methoden zu kategorisieren und auszuwerten. Es steht mithin in Frage, wie dieses Material erforscht werden kann. Dabei wird zunehmend mit den Methoden und Medien geforscht, die man untersuchen wollte. Es wird ob dieser Immanenz schwieriger, eine kritische Distanz zur Forschung aufzubauen. Im Forschen selbst wiederholt sich mithin das digitale Mysterium in Gestalt von blinden Flecken. Medienexperimentelles Arbeiten soll dabei helfen, auf diese sowie auf „Medienwissen“ hinzuweisen. Zum einen wurde dazu die mit Datenbanken operierende Software Korsakow von Florian Thalhofer für nicht-lineares Storytelling in Hinblick darauf erprobt, ob und inwiefern sie für die Analyse audiovisueller Gegenstände so genutzt werden kann, dass zugleich ihr Anteil an den Forschungsergebnissen deutlich wird. Dabei wurden eigene Methoden entwickelt, die Software quasi gegen sich selbst einzusetzen und damit ihre Wirkungen auszustellen. Zum anderen werden mit Methoden des Experimentalfilms die Konstitution sowie die Wirkungen des Setting der Interviews sichtbar und analysierbar gemacht.

Als weitere Methode wurde (4) Paranoia genutzt. Sie orientiert sich an dem, was Salvador Dalí Mitte der 1930er Jahre mit der paranoisch-kritischen Aktivität (Salvador Dalí, Die Eroberung des Irrationalen, Frankfurt, Berlin, Wien 1973, hier Kapitel: Phänomenologische Aspekte der paranoisch kritischen Methode) als Methode beschrieben hat:

„1929 […] faßt (Dalí, Einfügung M. L.) die Möglichkeit einer experimentellen Methode ins Auge, die auf dem unmittelbaren Vermögen systematischer, für Paranoia typischer Assoziationen beruht; diese Methode sollte in der Folge zur wahnhaft-kritischen Synthese werden, die sich ‚paranoisch-kritische Aktivität’ nennt. Paranoia: interpretierender Assoziationswahn mit systematischer Struktur – […].“

Salvadore Dalí, Die Eroberung des Irrationalen, Frankfurt, Berlin, Wien 1973, hier S. 14

Dalí legt hier eine Methode vor, die wohl in digitalen Kulturen ob ihrer Konstitution und Politik der Opazität von aller größter Wichtigkeit ist, nämlich eine Art Interpretationswahn, der nicht nur zur Erkenntnis in das führt, was vielleicht verborgen ist. Entscheidend ist vielmehr, dass durch die Betonung der assoziativen Seite, die wahnhaft Unterschiedliches vereint, ungeahnte Erkenntnisse möglich sowie der Denk- und Vorstellungsraum erweitert werden. Dalí schreibt:

„[…] all das, […] sowie unzählige andere […] werden durch die Mechanismen des präzisen Apparates der paranoisch-kritischen Aktivität zu einem unzerstörbaren System wahnhafter Interpretationen politischer Probleme, paralytischer Bilder und mehr oder weniger infantiler Fragen zusammengefaßt, die die Rolle einer Zwangsverstellung spielen. […] Die paranoisch-kritische Aktivität entdeckt durch diese Methode neue, objektive ‚Bedeutungen’ des Irrationalen, sie verschiebt auf greifbare Weise die Welt des Wahns selbst auf die Ebene der Wirklichkeit.“

Salvador Dalí, Die Eroberung des Irrationalen, Frankfurt, Berlin, Wien 1973, hier S. 16

Paranoia ist allerdings nicht nur ein Erkenntnismittel, sondern auch ein Medium der Regierung, das mit Hilfe von Angst regelt und kontrolliert und diese Tätigkeiten schließlich auf ein Subjekt im Sinne einer Selbsttechnologie abschiebt. Auch wenn heutzutage anscheinend völlig unbedacht Daten verausgabt werden, so wird dennoch individuell abgewogen, was veräußert wird und was nicht. In einem paranoiden Umfeld – digitale Infrastrukturen sind wohl als ein solches zu bezeichnen – muss mit paranoiden Methoden geantwortet werden. Es wäre zu prüfen, ob diese Methode gerade für digitale Geheimniskulturen im Zentrum zu stehen hätte. Dies nicht, weil man den verborgenen und sich verbergenden Datenoperationen auf die Schliche kommen wollte, sondern vielmehr als eine Art Ritual des Assoziierens und Interpretierens, mit dem man erstens in seiner Aufmerksamkeit gesteigert und so auf jederzeit mögliche mysteriöse Vorgänge gefasst ist. Zweitens kann Paranoia dazu dienen, sich dem Wissen der Medien zu entziehen, weil Paranoia, wie von Dalí geschildert, in immer neuen Bedeutungen eskaliert und also auch dazu führen kann, je neue Methoden und Einsichten abzuleiten.

Schließlich wurden jüngst Experimente mit der Methode des (6) Embodiment of Remix begonnen. Mit dieser Methode werden digitale Kulturen da ernst genommen, wo sie sich aus dem immer wieder neuen Zusammensetzen von bereits Vorliegendem konstituieren. Bisher wurde die Praxis des Remix (PDF, Felix Stalder, Neun Thesen zur Remix-Kultur 2009) vor allem in der Musik, der Literatur (Helene Hegemann, Axolotl Roadkill), in Software und Software als Service (Alexander Firyn, Software als Service. Kunst als Dienstleistung, St. Pölten 2010) sowie im Film (Christian Marclay, The Clock 2010) genutzt. Im Theater kennt man dagegen die Methode des Reenactment (Jens Roselt, Ulf Otto (Hg.), Theater als Zeitmaschine. Zur performativen Praxis des Reenactments. Theater- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Bielefeld 2012), wie sie vor allem von Milo Rau versiert und pointiert ausbuchstabiert wurde. Was aber geschieht, so die Frage, wenn Material anderer Theatermacher_innen remixt wird, das immer noch unter dem Verdikt des Eigenen, gleichsam Privaten, Authentischen, Spezifischen, Unnachahmbaren steht. Damit werden vor allem die Körper in digitalen Kulturen angesprochen, die noch nicht gänzlich ins Operative überführt wurden und von Apologeten wie Kritikern als Refugium eines Jenseits des Digitalen gelten, vor allem weil sie ein eigenes Mysterium sind. Was bedeutet es, wenn Performtes entwendet und auf fremde Körper überspielt wird. Im Remixen wird dieses Refugium, das sich auf die Genialität von Regisseur_innen oder Choreograf_innen ebenso bezieht wie auf die von Perfomer_innen, angegriffen und ins Funktionale, Serielle und Operative überführt. Diese Methode versteht sich zum einen als eine Kritik an der Nicht-Radikalität der Theorien zum Digitalen, die zwar von einem Ende anthropozentrischer Illusionen sprechen, z. B. von einer Anthropomedialität (Christiane Voss, Kompetenzzentrum für Medienanthropologie, Bauhaus Universität Weimar). In der Behauptung eines unhintergehbaren eigenen Dritten aus Mensch und Medien bleibt aber doch immer noch ein Mensch als ein Spezifikum erhalten. Zum anderen wird im Embodiment of remix durch eine radikale Affirmation von Medien-Anthropologie in digitalen Kulturen eine diskursanalytische Untersuchung zu diesen im Hinblick auf ihre Notwendigkeit eingeleitet. Was wären die gouvernementalen Vorteile eines „Dritten“?

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.