Stattdessen: Methodologie des Geheimen und der Ambivalenz/Ambiguität

— Martina Leeker, August 2015

Diese Sondierung soll helfen, Methoden für die Untersuchung von sowie den Umgang mit den digitalen Kulturen des Geheimnisses und Nicht-Verstehen zu entwickeln. Weder kann der Explosion von Methoden hin zu einer Vielfalt noch dem Anliegen gefolgt werden, so viel wie möglich von der Wirklichkeit zu erfassen, wie in der sozialwissenschaftlichen Experimenten vorgeschlagen. Letzteres schließt sich im konstitutiven Nicht-Verstehen aus. Hier soll vielmehr eine doppelte Methodologie vorgeschlagen werden, die sich zunächst vor allem epistemologischen Einstellungen widmet. Erstens wäre eine Methodologie des Geheimen und Nicht-Verstehens zu entwickeln und zu erproben. Statt also Transparenz gegen das Geheimnis zu fordern, wäre auf das Geheime mit Geheimem etwa in Gestalt von Exzessen des Verbergens, des Schweigens oder der Verweigerung zu antworten. Diese Verhaltensweisen und Handlungen können den Umgang mit Daten und Identität ebenso betreffen wie politische Aktivitäten, die an Traditionen der Guerilla-Taktiken anschließen können. Grundlage und Wertungsrahmen für die konkrete Ausformulierung der Geheim-Methodologie ist zweitens eine konstitutive Haltung der Ambivalenz und Ambiguität zu entwickeln und zu befördern, die die Erkundung von Methoden für die theoretisch-wissenschaftliche Forschung ebenso leiten soll wie die praktisch-künstlerischen. Damit folgt diese Methodologie zugleich der Verfasstheit digitaler Kulturen. Sie scheinen nämlich auf der einen Seite das Geheimnis insofern zu bekämpfen, als z. B. Wissen in den Infrastrukturen des Web immer zugänglich ist, unübersehbar viele Daten abgenommen und verarbeitet werden können und Information für einen individuellen Nutzer immer spezifischer werden. Auf den digitalen Oberflächen erscheinen mit unterschiedlichen Repräsentationsformen immer mehr „Informationen“ über die bis dato nicht sichtbaren Dinge der Welt. Auf der anderen Seite aber liegt unhintergehbar im Verborgenen, wie Daten ausgewertet und verteilt werden und auf welchen technischen Grundlagen dies geschieht. Als methodische Orientierung wird in dieser Lage eine „Methodologie der Ambivalenz/Ambiguität“ vorgeschlagen, denn digitale Kulturen sind weder nur „gut“, noch nur „negativ“. Sie sind immer beides und das zur gleichen Zeit. Jeder Vorteil ist zugleich ein Nachteil, jeder Verlust zugleich ein Gewinn, und je umgekehrt. Diese konstitutive Ambivalenz/Ambiguität entspricht zugleich der Epistemologie und Gouvernementalität digitaler Kulturen, denn Ambivalenz/Ambiguität absorbiert Kraft und irritiert das Denken und Handeln. Wenn Ambivalenz/Ambiguität der Konstitution digitaler Kulturen entspricht und diese zugleich zur Methodologie erhoben wird, dann steckt man also einmal mehr in der Zwickmühle der Immanenz, da man die Methoden nutzt, die man analysieren wollte. In digitalen Kulturen dürfte diesem Dilemma nicht mehr zu entgehen sein: Man ist immer „drin“.

Ambivalenz und Ambiguität können aber auch gleichsam gegen ihre gouvernementale Evidenz genutzt und digitalen Kulturen dadurch auf die Schliche gekommen werden, dass man sich ihnen im „Für und Wider“ produktiv annähert. Wird nämlich aus jedem Für ein Wider und umgekehrt, so kann je eine Position der Beobachtung eingenommen werden. Jede Performance verlangt eine Counter-Performance, jedes Experiment ein Gegen-Experiment. Es wird nicht darum gehen, alles zu verstehen, die Black Boxes zu öffnen, wohl aber ihnen produktive und erkenntniskritische Seiten abzugewinnen und immer wieder das Offene und Anderssein präsent zu halten.

Die „Methodologie der Ambivalenz/Ambiguität“ für digitale Kulturen wird zudem eine der Zeit sein, da sie sich auf immer neue Entwicklungen einstellen muss. Es kann also nicht davon angegangen werden, dass ein Projekt auf lange Zeit durchgezogen wird. Vielmehr gleicht die „Methodologie der Ambivalenz/Ambiguität“ einer wandernden, lokalen und vernetzten Akademie, die sich immer neuer Methoden, Projekte, Experimente und Erkenntnisse widmet.

Zusammengefasst heißt das: Mit einer Methodologie des Geheimnisse in der Haltung der Ambivalenz/Ambiguität soll auf das digitale Mysterium reagiert werden. Diese Kombination gleicht einem getanzten Kampfsport, in dem sehr wach die Umwelt sondiert wird und eine Art auf Dauer gestellte Taktologie inszeniert wird. Finten, Hakenschlagen, Überholen, Verstecken, So-Tun-Als-Ob, Anfüttern, Enttäuschen, Gleich-Gültigkeit u. ä. wären Begriffe für Praxen zu es zu erkunden und zu pflegen gälte. Dies kann derzeit zunächst nur auf dem Level experimenteller Forschung geschehen.

Es macht mithin Sinn, die „Methodologie des Geheimen und der Ambivalenz/Ambiguität“ als ein „Performing the Digital“ umzusetzen: Es performt das Digitale und das Performen menschlicher Akteure wird von diesem konfiguriert. Dieses doppelte Performen tritt in den Fokus, weil Erkenntnis ob der Unsichtbarkeit der Technik in digitalen Kulturen vor allem aus Praktiken abzuleiten ist und durch diese zu gewinnen. Kristin Veel hat für diesen Zustand entwendeter Verstehbarkeit und Privatheit einen Typus (PDF, Nothing to Hide and Nothing to See. The Conditions of Narrative and Privacy in Jennifer Egan’s Black Box 2014) ausgemacht, nämlich die Hauptfigur aus Jennifer Egans Twitter-Roman: Black box. Kristin Veel schreibt:

I have argued that reading Egan’s Black Box provides an entry point for understanding a contemporary condition of information procesing and its implication for our conception of privacy. […] In a condition of perpetually open eyes – of information excess – we endure the gazes of others and our own company by black boxing them, letting them merge with the context in a state of perpetual simultaneity. There is nothing to hide, but also there is nothing to see, in the sense that interiority is black-boxed, and we remain on an ambigious footing as to how we relate to this interiority, oscillating between curiosity and indifference. […] the condition of information excess in which we are immersed today seems to find an appropriate form in the Twitter-medium’s contextually and collectively embedded form of communication, one that is able to capture the ambiguity with which privacy is surrounded today.”

Nothing to Hide and Nothing to See. The Conditions of Narrative and Privacy in Jennifer Egan’s Black Box 2014, S. 26, auf ntik.dk

Es geht also auch hier ums das Aushalten und Produktiv-Machen von Ambiguität und Ambivalenz sowie von Geheimem, durch die alles durchlaufen und die performativ und situativ zu Sinnbündeln werden. Aus den immer dichteren Beschreibungen in der Sozialwissenschaft mit ihren explodierenden und exzessiven Methoden kann gleichsam unter Umkehrung der Vorzeichen eine Theorie der Beschreibung sowie eine Methodologie des kritischen Performens werden, die nicht mehr das Geheimnis lüften und das Nicht-Verstehbare kompensieren und dabei zugleich füttern will. Vielmehr geht es darum, diese zu entwenden, um sie für sich zu verwenden. Aus Daten-Exzessen kann so ein Krimi um das Versteckspiel mit Daten werden.

Die grundlegende Veränderung zu den bisher in „Re-thinking methods“ genutzten Methoden wird nun darin bestehen, dass – über die diskursanalytische Arbeit hinaus – exemplarische GeheimnisAmbivalenz/Ambiguitäts-Trainings erarbeitet werden, die von diskurskritischen Analysen ausgehend praktische Erprobungen durchführen und der digitalen Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Diese Trainings implizieren eine Reflexion bezogen auf die methodischen Entscheidungen und ihrer Effekte. Statt diskurskritischer Interventionen sollen nun Experimente unternommen werden, die auch konkrete Methoden vorschlagen, statt wie Interventionen „nur“ zu beobachten und aufzuzeigen. Gleichwohl wird eine diskursanalytische Arbeit bestehen bleiben müssen, denn auch das digitale Mysterium ist ein Diskurs.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.