Digitale Kulturen und Nicht-Verstehen

— Martina Leeker, August 2015

Claus Pias hat vorgeschlagen, eine Theorie digitaler Kulturen zu entwickeln, die deren Konstitution aus dem Nicht-Verstehen oder Geheimnis (Claus Pias, Nicht-Verstehen in Digitalen Kulturen, Vortrag auf der Hyperkult XXV, 2015) nachgeht. Die große Herausforderung digitaler Kulturen sei nämlich ihre Immanenz, da es kein Außen mehr gäbe und man in den Medien sei. Mit dieser Konstitution geht ein epistemologischer Bruch einher. An die Stelle der Hermeneutik träte konstitutives Nicht-Verstehen, das nicht mehr zu ignorieren und dem nicht zu entkommen sei. Dies veranschaulicht er. Auf Grund der undurchschaubaren Datenmengen, die verarbeitet werden, sei kein Verstehen möglich. Die Programme, die diese Daten prozessieren, sind für Programmierer oder Wissenschaftler in ihren Funktionen und Regelhaftigkeiten nicht mehr gänzlich nachvollziehbar. Vernetzungen in Datentransfers sind nicht kontrollierbar und sie können es gar nicht sein, damit sie überhaupt funktionieren. Schließlich arbeiten die technischen Dinge selbst-organisiert ohne Zutun des Menschen. Zu einem Ende käme damit auch eine reflexive Hermeneutik in der Medienwissenschaft, die zwar nicht an ein Verstehen im Sinne innerpsychischen Ordnungen und Prozesse in Individuen glaube, wohl aber an die Möglichkeit, Medien beim Wirken und Werken zuzuschauen, wenn nur auf die Codes geschaut würde. Dieser Orientierung folgten in je unterschiedlicher Weise Marshall McLuhan (PDF, Marshall McLuhan, Understanding Media 1965) und Friedrich Kittler (PDF, Friedrich Kittler, Grammophon, Film, Typewriter 1986). Sie überblickten und kritisierten zwar die Konstitution des eigenen Denkens und Wahrnehmens in Medien, gingen aber noch von einer zumindest retrospektiven Erklärbarkeit aus, die zumeist in Momenten medialer Umbrüche auftrete. Vielleicht aber, so schon McLuhan, könnte Hermeneutik als Theorie des Verstehens ein bloßer Effekt des Buchdrucks (Marshall McLuhan, Gutenberg Galaxy 1962) sein.

Claus Pias plädiert nun für eine Theorie des Mysteriums digitaler Kulturen. Im Gegensatz zum verratbaren Geheimnis (Secreta) bezeichne das Mysterium dessen konstitutionelle Unhintergehbarkeit. Denn es käme aus der Vorstellung eines souveränen Herrschers oder der Kosmologie der Vormoderne, die nicht zu verstehen waren, da die Gründe für Umstände oder Entscheidungen nicht offen lagen und auch nicht dazu gebracht werden konnten, transparent zu sein.

Als Bespiel für ein Mysterium in digitalen Kulturen führt Pias die Klimaforschung (Claus Pias, Die Zeit, die aus der Kälte kam, FAZ 2014) an, deren Berechnungen nicht zu verstehen seien, aber gleichwohl als nicht experimentell überprüfbare Vorhersagen Wirklichkeit bestimmen. An die Stelle des Herrschers oder der Kosmologie träte damit Datenverarbeitung.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.