Best Practices – Trickster – Embodiment of Remix – Affirmation, for digital cultures

— Martina Leeker, August 2015

Diese grundsätzlichen und systematischen methodischen Überlegungen sollen in konkreten Projekten erprobt und ausbuchstabiert werden. Dazu gehören zum jetzigen Stand: (1) Living Archives für Best Practices zu Geheimnissen/Nicht-Wissen/Nicht-Verstehen (2) Trickster-Recherchen, (3) Experimente mit Embodiment of Remix, (4) Ambivalente Affirmationen.

In einem (1) „Living Archive“ sollen Methoden zum Umgang mit digitalen Kulturen gebündelt werden. Erstens sollen Orte des Geheimnisses entstehen, in denen Ausgegrenztes, Vergessenes, Abgewertetes oder Nicht-Stattgefundenes versammelt wird. Ein wichtiges Zentrum dürfte es sein, die Politiken des Geheimnisses zu benennen sowie erste Erfahrungen dazu, mit diesen umzugehen. Dabei geht es nicht nur darum, dieses zu erhalten, sondern vielmehr soll eine Verschärfung des Geheimnisses unternommen werden, indem geheime Dinge versammelt werden und damit das Geheime entmystifiziert wird. Derart wird eine Methode vorgeschlagen, produktiv mit entstehenden Wissens- und Verstehenslücken umzugehen. Zweitens sollen in den Living Archives Best Practices gesammelt werden, wie mit dem Geheimen, Verborgen, dem Nicht-Verstehen anders als durch Aufdeckung umgegangen werden kann. Dieses Projekt greift u. a. auf einen Workshop zu WYSIWYG (What you see is what you get) im Smart House Hamburg zurück, in dem Methoden gesucht wurden, wir man sich vor nicht-verstehbarer Technik schützen kann. Es entstanden Geschichte, Performances und Geheimnis-Schutz-Methoden, die in einer eigenen Plattform zu Verfügung gestellt werden und die im Web erweitert werden soll.

Die Figur des (2) Tricksters soll in zweifacher Weise als Methode für eine Auseinandersetzung mit einem angenommenen digitalen Mysterium fruchtbar gemacht werden. Sie steht für Zwiespältigkeit, markiert eine Konstitution, die unhintergehbar jenseits binärer Strukturen liegt, und ist mithin ein Ordnungs- und Denkmuster der Ambivalenz und Ambiguität, mal gut und mal böse, und zwar beides zugleich (Erhard Schüttpelz, Der Trickster, in: Eva Esslinger, Tobias Schlechtriemen, Doris Schweitzer, Alexander Zons, (Hg.): Die Figur des Dritten. Ein Paradigma der Kulturwissenschaften, Frankfurt/M. 2010). Der Trickster steht dabei in einer Reihe mit Boten, Parasiten, Dolmetschern, Doppelagenten oder Cyborgs (PDF, Albrecht Koschorke, Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften, in: Eva Esslinger, Tobias Schlechtriemen, Doris Schweitzer, Alexander Zons, (Hg.): Die Figur des Dritten. Ein Paradigma der Kulturwissenschaften, Frankfurt/M. 2010), die Botschaften – sich in sie einmischend – immer auch verfälschen, auf Übersetzungen aufmerksam machen sowie darauf, dass Medialität schon immer im Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen konstituiert war. Die Figur des Tricksters kann nun erstens ein Konzept liefern, um Regierung und Machtbeziehungen in digitalen Kulturen im Hinblick auf unverratbare Geheimnisse zu analysieren. Denn, wie Albert Koscherke (Albrecht Koschorke, Institutionentheorie, in: Eva Esslinger, Tobias Schlechtriemen, Doris Schweitzer, Alexander Zons, (Hg.): Die Figur des Dritten. Ein Paradigma der Kulturwissenschaften, Frankfurt/M. 2010 ) gezeigt hat, steht diese Figur für Irritation und Institution in gleicher und unentscheidbarer Weise. Es bedarf in der sozialen Organisation immer eines Dritten, der unterbricht und damit Ordnung schafft. Diese Orte und Personen der Schwelle sind unhintergehbar mit Verschwiegenheit und Nicht-Wissen ausgezeichnet und bieten deshalb eine Folie für ein Verstehen komplexer sozialer und politischer Verhältnisse an, für die das Geheimnis konstitutiv ist. Es wäre mithin zu prüfen, ob und inwiefern der Trickster zur neuen Figur des Aktivisten werden kann. Die Figur des Tricksters kann zweitens ein Paradigma dafür sein, wie man mit Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen umgehen kann, denn er setzt diese operativ ein, zum Guten wie zum Schlechten, indem er sich selbst unverstehbar macht. Es sollen Sammlungen mit Beschreibungen und Geschichten zu Trickstern und anderen Ikonen der Zweischneidigkeit angelegt werden, die als Beispiel für Methoden dienen können. Schließlich sollen eigene ästhetische Experimente mit Trickster-Environments vorgenommen werden.

Es sollen (3) Experimente mit Embodiment of Remix fortgesetzt werden, um Typen sowie Weisen der Narration und Kommunikation für die Geheim-Kulturen des Digitalen zu erkunden. Diese können nicht mehr von Verstehen, Innerlichkeit oder Wissen ausgehen und so sollen Formate erprobt werden, wie ein offenes, rein äußerliches und operatives Vor- und Umgehen mit digitalen Kulturen entstehen kann. Bevorzugter Ort werden Performances sein, da sie im Verkörpern sowie in der Doppeltheit von Entwendung und Verwendung tradierte Vorstellungen von Körper, Öffentlichkeit, Handlungsfähigkeit und Subjekt unterlaufen.

Statt wie bisher die Methode der Affirmation zu diskursanalytischen Ästhetik zu nutzen sollen (4) Ambivalente Affirmationen erprobt werden. Sie sollen das Für und Wider von Handlungen und Zuständen erkunden und diese unhintergehbare Doppeltheit als allgemeine epistemologische Haltung in digitalen Kulturen präsentieren. Ein erstes Projekt wird eine Ausstellung mit versehrten technischen Dingen sein, die zum einen die Anthropomedialität kritisch befragt, indem sie affirmiert wird. Wenn Mensch und Dinge eine Agentur bilden, welche Verantwortung hat man dann für versehrte Dinge, die eher für die Pflege kranker Menschen gedacht war, als umgekehrt? Zugleich sind grundlegende Veränderungen der tradierten Epistemologie des Anthropologischen nötig, die vielleicht in Richtung einer diskursanalytisch durchgearbeiteten Techno-Ökologie gehen müssen, wenn experimentell der Horizont eines Post-Anthropozäns (Benjamin Bratton, Some Trace Effects of the Post-Anthropocene: On Accelerationist Geopolitical Aesthetics 2013), einer Welt ohne Menschen, angenommen wird.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.