Techno-Ökologien im Aufwind

— Martina Leeker, August 2015

Es gibt eine zweite aktuelle Strömung innerhalb der Medien- und Kulturtheorien, die von einem Obsolet-Werden tradierter Vorstellungen hermeneutischen Verstehens ausgeht und einen Rekurs auf die Vormoderne nimmt. Sie soll hier unter dem Begriff der „Techno-Ökologien“ im Kontext einer Spiegelung des Schreberschen Medienanimismus zusammengefasst und skizziert werden. Zu ihnen wären in der Tradition von Gilbert Simondon z. B. zu zählen die Allgemeine Organologie (PDF, Pieter Lemmens, „This System does not produce pleasure anymore“. An interview with Bernard Stiegler, 2011) von Bernard Stiegler, die Agency-Modelle (PDF, Ingo Schulz-Schaeffer, Akteur-Netzwerk-Theorie. Zur Koevolution von Gesellschaft, Natur und Technik, 2000) von Bruno Latour oder die Formulierung einer Theorie der Kooperation in digitalen Kulturen, die federführend von Erhard Schüttpelz, nunmehr in Gestalt eines SFB, an der Universität Siegen ausformuliert werden soll. Exemplarisch soll an dieser Stelle die Theorie einer „Allgemeinen Ökologie“ (PDF, A Thousand Ecologies: The Process of Cyberneticization and General Ecology, in: The Whole Earth. California and the Disappearance of the Outside, (Hg.) Diedrich Diederichsen, Anselm Franke, Berlin: Sternberg Press, 2013, S.121–130) von Erich Hörl herangezogen werden, die er 2014 konzise in einem Gespräch (Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen”, in: Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Marita Tatari (Hg.), Zürich-Berlin 2014: diaphanes, S. 43-63) mit Marita Tatari unter dem Schlagwort einer „technologischen Sinnverschiebung“ dargelegt hat. Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Theoriegebäude und Erklärungsweisen in dieser Strömung weisen sie doch eine gemeinsame Sicht auf die Konstitution von Mensch und Technik als Bestandteile einer dem Menschen vorgängigen technischen Umwelt auf. Diese Sicht, die ausdrücklich aus der Lage des Menschen im Sein mit smarten technischen Dingen und Infrastrukturen digitaler Kulturen abgleitet wird, soll aus zwei Gründen an der Folie des Schreberschen Medienanimismus gespiegelt werden. Zum einen gehen diese Ökologien nämlich von einer unhintergehbaren Affiziertheit menschlicher Akteure durch Medien in digitalen Kulturen aus. Zum anderen werden zur Beschreibung der intensiven partizipativen Umweltlichkeit animistische Vorstellungshorizonte z. B. indigener Gruppen herangezogen. Welche Auswirkungen dieses Modell der unhintergehbaren Umweltlichkeit haben könnten und in welchen Kontext sich dieses aus techno-logischer Sicht einschreibt, lässt sich mit Christoph Engemanns und Florian Sprengers Ausführungen zu Totalitätsfantasien zum Internet der Dinge formulieren:

„Die Totalitätsfigur der Ubiquität und ihres Anspruchs eines totalen Einschlusses in eine Welt der Adressierbarkeit verweist auf historische Formationen von Allwissen- und Weltschliessung, die in ihren theologischen, aber auch geschichtsphilosophischen Dimensionen bislang kaum reflektiert wurden. Gegenwärtig nach diesen Dimensionen des Internets der Dinge zu fragen, ist deswegen so dringlich, weil in diesem Kontext über alle technischen Entwicklungen hinaus ein neues Verhältnis von Mensch und Maschine und damit nichts weniger als ein neues Verständnis des Technischen verhandelt oder einfach durchgesetzt wird.“

Christoph Engemann, Florian Sprenger, Im Netz der Dinge. Zur Einleitung, in: Hg. Christoph Engemann, Florian Sprenger, Internet der Dinge. Über smarte Objekte, intelligente Umgebungen und die technische Durchdringung der Welt, Transcript: Bielefeld 2015, S. 7–58, hier S. 58

Der Argumentationszusammenhang, der auf die Notwendigkeit verweist, diese genealogische Disposition der Techno-Ökologien im Auge zu haben, sei im Folgenden exemplarisch an der Modellbildung von Erich Hörl umrissen. Er formuliert paradigmatisch die Ausgangslage der von ihm aufgerufenen technologischen Bedingung:

„Und ich betone wesentliche Umweltlichkeit im Sinne von ursprünglicher, primordialer, unhintergehbarer Umweltlichkeit. Also nicht Umweltlichkeit eines je schon konstituierten Individuums, das eben in seiner Umwelt drinsteckt und die es umgibt, das sich dieser anpasst oder sich umgekehrt die Umwelt anpasst, das wäre ein einseitiges, adaptives Verhältnis. Sondern es handelt sich um ein ursprüngliches Milieu von Bezügen, Spannungen und Intensitäten […].“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 45

Auslöser dieser neuen Befindlichkeit ist nach Erich Hörl Technologie:

„Der Mensch ist jetzt, wie Simondon sagt, nur noch eingelassen in ein Gefüge von Bezügen. […] Das erkennen wir heute stärker denn je: Wir sind durch die Technologien mit einer Explosion von Wirkmächten konfrontiert, die alle Zweckhaftigkeit heillos überborden, sie zerstreuen, unsere technologischen Umwelten sind, mit anderen Worten, mit agency, gesättigte Milieus und sie führen uns überhaupt zur (Wieder)Entdeckung von nicht-menschlicher agency, die im teleologischen Rahmen verdeckt und verleugnet worden war.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 45

Mit den technischen Entwicklungen seit den 1950er Jahren wird aus Technik, so Erich Hörl (ebda.) Technologie, die als ein Draußen (ebda. S. 58–59) und eine Exteriorität zu verstehen ist, da sie nicht mehr als Instrument des Menschen zu denken ist. Erich Hörl fährt zu dieser Instrumentalisierung von Technik fort:

„Meine These lautet […], dass in dieser Zeit genau der Schritt von der Technik zur Technologie stattfindet, insbesondere durch die Kybernetisierung und durch die Computerisierung, wo Technik nicht mehr ein Mittel für einen bestimmten Zweck darstellt, wie es für Instrumente, Werkzeuge, mechanische Maschinen letztlich noch denkbar und gültig war, sondern gleichsam in einem evolutiven Sprung – wie ich im Anschluss an Gilbert Simondon denke – als Technologie zu einem Gefüge wird, zu einem Gefüge von Bezügen, infolge einer enormen Vervielfältigung, Wucherung, Zerstreuung, Zersetzung von Zwecken nunmehr jenseits einer Ordnung der Zwecke, jenseits aller teleologischen Schematisierung, also Technologie als Überschreitung der Ordnung der Zwecke; am Ende ein nicht mehr von Zwecken verstelltes Klaffen des Bezugs.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 45

Technik wird mithin etwas Eigenes, womit sich zugleich folgerichtig eine auf einer Zweckrationalität begründende Sinnkultur auflöse. Es kommt aber nicht zu einem Ende des Sinns, sondern zu dessen grundlegenden Neufassung, so Erich Hörl:

„(…) und deshalb spreche ich in diesem Zusammenhang von einer allgemeinen Ökologie des Sinns, wenn man den Sinn von diesem Milieu ausgehend denkt, also von Spannungen, Intensitäten, Kräften. Wir sind in einem Milieu von Relationen, das ist nichts anderes als Ausdruck einer radikalen umweltlichen Verteiltheit von Subjektitäten, Objektitäten, als grundlegende Strukturierung.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 62–63

Nach Erich Hörl folgt aus dieser unhintergehbaren Konstitution nicht nur die neue Form von Sinn, sondern auch eine der Partizipation. Sie entwickelt sich aus dem Bezugsgefüge des neuen Sinns sowie der technologisch induzierten Umweltlichkeit des Seins:

„Die allgemeine oder, ich scheue mich fast zu sagen: die echte Partizipation, aber jedenfalls die intensive (oder mit Lévy-Bruhl und Bataille: die intime) Partizipation, sie hat einen anderen Status: Sie kann nur in einem Moment stattfinden, für einen Augenblick und auch nur in einem dadurch herausgehobenen Moment, ist nichts Automatisierbares und streng genommen auch jenseits jeder Intention.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 54

Diese Form der Partizipation unterscheidet Erich Hörl von der in Hyperkapitalismus und Hyperindustrie, die weiterhin am Zweckrationalen orientieren Sinnkulturen entsprechen und formuliert:

„Konzerne von Google bis Facebook und Amazon sehen sich selbst als Unternehmen, die die Partizipation befördern. […] hier wird nur ein beschränkter und nihilistischer Begriff der Partizipation, eine restringierte Auffassung von Partizipation in Umlauf gebracht, die tatsächlich nichts anderes ist als ein Partizipationsverlust, eine Industrialisierung und Ausbeutung von Partizipation durch ein hochlukratives Bündnis von Kapitalismus und Technologie. […] Hier gibt es serialisierte Individuen für die normalisierende Social Media-Industrie, für die Hyperindustrie, wie Stiegler das nennt. […] Über die Netzwerke werden sogenannte partizipative Beziehungen ermöglicht, die statt einen Moment lang ein alle sozialen Funktionalismen und Zweckmäßigkeiten durchbrechendes Wir, ein transindividuelles Kollektiv zu kreieren, bloß Selbste optimieren, Daten generieren, Beziehungen konsumieren. […] Die von den Hyperindustrien ins Werk gesetzte Partizipation ist hingegen die Form der zeitgenössischen Gouvernementalität: ‚Partizipiere!‘ lautet der Befehl.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 51–52

Auffällig ist nun ein Rekurs auf animistische Traditionen, wenn Erich Hörl ausführt:

„Vielleicht kann man sagen, dass heute unter technoökologischen Bedingungen eine Wiederentdeckung dieser umweltlichen Verteiltheit stattfindet – so sehen das jedenfalls die Ethnologen und Sozialanthropologen und in ihrem Gefolge Latour –, denn in animistischen oder multiperspektivischen Systemen hat immer schon diese Art von Verteiltheit geherrscht, animistische Systeme sind in gewisser Weise Formalisierungen und Strukturierungen dieser Verteiltheit, deshalb sind sie Systeme der Partizipation. Und wenn heute eine Entdeckung oder Wiederentdeckung dieser umweltlichen Verteiltheit stattfindet, so meine ich, dass die Technologie uns radikaler als jemals zuvor vor dieses Problem bringt.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 62–63

Es wäre also zu untersuchen, ob der Techno-Ökologismus animistische Traditionen der europäischen Medien- und Kulturgeschichte fortführt. Zwar hat die Partizipation nach Erich Hörl nichts mit einer unreflektierten Unmittelbarkeit und Verschmelzung gemein:

„[…] mit Verschmelzung zum Beispiel hat die Partizipation nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Es gibt sie nur durch und qua Teilung, nur Geteiltes kann partizipieren. Partizipation ist niemals jenseits oder vor aller Vermittlung, hat nichts mit Unmittelbarkeit zu tun. Sie ist die intensive Erfahrung von radikaler Vermitteltheit als solche. Nur der Durchgang von Partizipation sein, aber nie und niemals aufgehoben sein in ihr. Das heißt alle Vorstellungen von Partizipation, die Partizipation mit irgendeiner Form von Aufhebung von Subjekt und Objekt denken, beziehungsweise feiern, liegen falsch. Partizipation ist vollkommen jenseits von jeder Figur von Aufhebung.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 61

Gleichwohl ist es dieser Kontext einer animistischen und spiritistischen Vorgeschichte von Medienwissenschaft und Medientheorie, der aufhorchen lässt. Er ist Anlass, auch die Techno-Ökologien vor der Folie der Schreberschen Wahnsinns zu spiegeln, der jenseits instrumenteller Mediennutzungen als eine Agency eines in die technische Umwelt eingelassenen Menschen mit anderen Dingen und Kräften gelesen werden kann. Mit Jens Schröter ließen sich zwei Gründe anführen, warum eine kritische Revision dieser Aspekte der Techno-Ökologien nötig ist. Jens Schröter unternimmt erstens eine Kritik des sozialen Status technischer Dinge, die er an den Vorstellung von Mark B. Hansen (Hansen, Mark B. N., „Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung“, in: Erich Hörl (Hg.): Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Frankfurt/M. 2011, S. 365–409) ausführt:

„Das ist alles richtig – wie wir z.B. von unseren hilfreichen ‚Smartphones‘ (S. 372) wissen. Doch gibt es keinen Grund a priori anzunehmen, dass die technischen Akteure, die ‚unabhängig und autonom von unserer Handlungsmacht operieren‘ immer mit uns ko-operieren – könnten sie nicht auch mit uns konkurrieren?“

Jens Schröter, Die Zukunft der Medien, die neue Medienökologie und ihr Ökonomisch-Unbewusstes, 2015, hier S. 14, auf academia.edu

Es dürfte also angemessen sein, auch eine andere Geschichte der smarten Dinge und Umwelten zu rekonstruieren. Mit Blick auf das Engineering großer Systeme seit den 1950er Jahren wäre davon auszugehen, dass Konzepte von Agency und Umweltlichkeit aus der Geschichte eines tiefgreifenden und weitreichenden Kontrollproblems kommen. Es entsteht mit diesen Systemen nämlich ein technisches und logistisches Feld, in dem Handlungsmacht an technische und menschliche Stellvertreter delegiert werden muss, sollen sie noch Kontrolle in der Ferne garantieren (Vgl. auch: Martina Leeker, Just do it. Mimesis in technischem und künstlerischem Systems Engineering, in: Hg. Friedrich Balke, Bernhard Siegert, Joseph Vogl, Mimesis, Archiv für Mediengeschichte, Bd. 12, 2012, S. 153–166). So schreiben auch Christoph Engemann und Florian Sprenger:

„Agency bestimmt demnach, inwieweit ein Akteur zwischen autonomem und vorgegebenem Handeln pendeln darf, wenn Kommunikation mit den übergeordneten Instanzen aufgrund räumlicher Entfernung zu lange braucht, um auf lokale Ereignisse adäquat zu reagieren. Das Konzept der Agency, das in gegenwärtigen Debatten um die Actor-Network-Theory und in den Science and Technology Studies diskutiert wird, aber auch die jüngste Rückkehr zu den Dingen in objektorientierten Philosophien anleitet, hat einen seiner historischen Orte also in diesem Kontrollproblem. Es wird seit der Mitte des 20. Jahrhunderts kybernetisch formuliert, heute mit dem Internet der Dinge und mit Ubiquitous Computing neu bearbeitet […]. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte kann man das Internet der Dinge als Versuch verstehen, Kontrolle auf ungekannte Weise räumlich auszudehnen, indem alle Dinge zu Stellvertretern werden und somit über Agency verfügen. […] So zeigt sich eine bislang unterbelichtete Dimension von kontrollierter und kontrollierender Handlungsmacht in industriellen Infrastrukturen.“

Christoph Engemann, Florian Sprenger, Im Netz der Dinge. Zur Einleitung, in: Hg. Christoph Engemann, Florian Sprenger, Internet der Dinge. Über smarte Objekte, intelligente Umgebungen und die technische Durchdringung der Welt, Transcript: Bielefeld 2015, S. 7–58, hier S. 33

Das zweite Argument von Jens Schröter ist, dass die animistischen Reminiszenzen zu einer Faszination führen, mit der real-politische Konsequenzen ausgeblendet werden. Er bezieht sich auf die politischen und ökonomischen Auswirkungen und Vereinnahmungen der Umweltlichkeit erwirkenden smarten und ubiquitären Technologien:

„Meines Erachtens wird hier unter der Hand eine prästabilisierte Harmonie zwischen den neuen – ‚smarten‘ – medialen Infrastrukturen und der Form der Gesellschaft erschlichen. Ein Konflikt zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen wird von vorneherein unbegründet negiert.“

Jens Schröter, Die Zukunft der Medien, die neue Medienökologie und ihr Ökonomisch-Unbewusstes, 2015, hier S. 15, auf academia.edu

Problematischer Effekt ist nach Jens Schröter:

„[…] die Zukunft immer nur als Fortschritt der Technologie vor einem stabilen sozialen Hintergrund, einem Ökonomisch-Unbewussten, beschreiben zu können. Dadurch wird aber notwendiges kritisches Potenzial verschenkt (vgl. z.B. Mosco, 2004), das mit Blick auf die von schweren Turbulenzen und Zerfallserscheinungen geprägte kapitalistische Weltökonomie bitter notwendig wäre, ganz zu schweigen davon, dass es große Teile der Welt gibt, die ganz andere Sorgen haben als jene, ihre Umgebungen mit smartem ‚ubiquitous computing‘ zu durchdringen. Die Zukunft der Medien ist immer die Zukunft der Medien in einer zukünftigen Gesellschaft. Hansens Text ist ein wichtiger Beitrag zur philosophischen Beschreibung einer Welt, in der ‚smarte‘ Geräte immer ‚ubiquitärer‘ werden – aber ohne die kritische Frage nach den sozialen Formen drohen solche und ähnliche Texte allzu affirmativ zu werden.“

Jens Schröter, Die Zukunft der Medien, die neue Medienökologie und ihr Ökonomisch-Unbewusstes, 2015, hier S. 15, auf academia.edu

Es wäre mithin die Frage zu stellen, woher und wozu der Drang zum Umweltlichen, zum Nicht-Anthropologischen und zu relationellen Sinnkulturen auftaucht und ob die beiden hier dargelegten Strömungen aufeinander bezogen sein könnten. In der Auseinandersetzung mit dieser Frage gerät dann auch in den Blick, dass sowohl bei den Techno-Ökologien als auch in der Geheimniskultur eine starke Auseinandersetzung mit dem Hermeneutischen stattfindet. So ruft Erich Hörl die durch Kittler betriebene, durch die technologischen Entwicklungen des Digitalen ausgelöste Austreibung des Sinns aus der Geisteswissenschaft auf:

„Der gegenhermeneutische Aufbruch der Kultur- und Medienwissenschaften, das damals neu erwachte Interesse an den Materialitäten, Techniken, Institutionen, später die Kulturtechniken, die Aufmerksamkeit für all das, was die diversen Hermeneutiken verschwiegen und durch ihre grenzenlose Sinnfaszination verdeckt haben, dieser ‚glückliche Positivismus’, wie man ihn im Gefolge Foucaults feierte, hat sich vor allem bei Friedrich Kittler maßgeblich über diese Figur konstituiert. Kittler ist hier zweifelsohne der entscheidende Denker, der die Kraft hatte, den Abschied von den philosophischen Hermeneutiken theorie- und begriffspolitisch ebenso prägnant wie weitreichend zu formulieren: Die Austreibung des Geistes und des Sinns aus den Geisteswissenschaften – das war Kittlers Programm, das dann viele nachgebetet haben, ohne noch genau zu wissen, wovon sie sich eigentlich absetzen – findet durch Technologie und in ihrem Angesicht statt, vor allem durch den Computer.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 46

Erich Hörl geht also nicht wie Claus Pias und Timon Beyes von einem technologisch bedingten Ende der Hermeneutik aus. Vielmehr konstatiert er, dass der anti-hermeneutische Impuls und der mit ihm verbundene Nihilismus den kybernetischen Kapitalismus befördern würden.

„Denn bei allem, was sie sonst noch gewesen sein mag, affirmiert diese Position im Grunde auf verstörende Weise immer auch die nihilistische Verschmelzung von Technologie und Kapitalismus, die genau in jenen Jahren unter den Auspizien der Kybernetik stattfindet, ja sie ist ein Stück weit auch eine Einschreibung des ‚Kybernetischen Kapitalismus‘, von dem Tiqqun spricht, in die Theorie und dessen Symptom.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 47

Denn, so Erich Hörl weiter, diesem sei, wie dem aktuellen Kapitalismus alles äquivalent und gleichgültig:

„Wenn zumindest der zeitgenössische Kapitalismus nun also auf den ersten Blick permanent gegen die Gestalt des Sinns namens Bedeutung angeht, die zum allgemeinen Äquivalent gehört, sie nihilistisch unterhöhlt, so weit es nur geht, so scheint er sie doch auch umgekehrt zu brauchen. Wenn ich jetzt für einen Moment lang in das Begriffsregister von Deleuze und Guattari wechsle: Der Kapitalismus, der im Anti-Ödipus als die große deterritorialisierende Kraft erscheint, die alles verflüssigt, um es dem Gesetz der allgemeinen Äquivalenz unterstellen zu können, muss sich eben auch unausgesetzt an all den beschränkten Figuren des Sinns reterritorialisieren, um überhaupt als Kapitalismus zu funktionieren und zu überdauern.“

Erich Hörl, „Die technologische Sinnverschiebung. Orte des Unermesslichen“, in: Hg. Marita Tatari, Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Zürich-Berlin: diaphanes 2014, S. 43–63, hier S. 53

Wo Erich Hörl gegen die Enthermeneutisierung eine neue Art von Sinn setzt, gehen Claus Pias und Timon Beyes, wie ausgeführt, davon aus, dass Erkenntnismöglichkeit unter den technologischen Bedingungen digitaler Kulturen unmöglich geworden ist und fordern von hier aus eine Rückbesinnung auf das Geheimnis der Vormoderne. Auffällig ist, dass derzeit beide Theorieströme mit ihren Zweifeln am alleingestellten Menschen, an der Instrumentalität der Technik sowie der tradierten Hermeneutik zeitgleich laufen. Es wäre deshalb künftig zu prüfen, ob die beiden hier angeführten sowie andere, ähnliche Versuche der Neubeschreibungen von Menschen, Technik, Verstehen und Sinn in digitalen Kulturen zusammenspielen als eine Welle diskursiv erzeugter, groß angelegter Umwälzungen. Die Verabschiedung von Sinn im Theoriemodell digitaler Geheimniskulturen könnte nämlich deren Neuerzeugung in den Techno-Ökologien gleichsam bedingen und beide Bewegungen sich im Animistischen treffen. Während dabei bei den Techno-Ökologien das Animistische in aufgeklärter Form immer schon mitschwingt, könnte es in den Geheimniskulturen gleichsam durch die Hintertüre hineinschreiten, etwa wenn Mystizismus zur Regierungsform wird. Die nahe Zukunft wird weisen, ob die Theoriegebäude auch und gerade da, wo sie sich auszuschließen scheinen, in einem Zusammenspiel stehen, das vor allem dazu dient, techno-logische Bedingungen erklärbar und regierbar zu machen und sie in einer noch zu verstehenden Weise menschlich zu erhalten und zu gestalten.

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Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.