Environments und Infrastrukturen

— Martina Leeker, Oktober 2014

Digitale Kulturen konstituieren sich aus komplexen Systemen sozio-technischer Umgebungen unter anderem für Transport, Wissen, Verwaltung oder Kommunikation. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich selbst organisieren können und Menschen als Datenträger in sich integrieren. Zu denken ist etwa an so genannte Smarthouses in Smart Cities (PDF), an Verkehrssysteme (PDF) der Autos, Züge und Schiffe, oder an die IT-Ausstattung eines Unternehmens sowie die Organisation der Transport- und Arbeitsabläufe in Warenlagern und Schlachthöfen. Grundlage dieser Umgebungen sind Infrastrukturen (PDF), die aus einem Zusammenspiel (PDF) bestehen von: Hardware, wie etwa Kabel, Interfaces, Router, Straßen, elektromagnetische Wellen oder Transportbänder, Software, die z. B. Betriebssysteme , Datenbanken, Algorithmen und Clouds beinhaltet, und sozio-technischen Praxen wie Arbeiten, Reisen, oder Erziehen und Bilden. Die Infrastrukturen der großen und kleinen Systeme (PDF) sind global vernetzt und zugleich lokal wirksam, so dass jede Veränderung an einer Stelle sich auf das Gesamte auswirkt. So entsteht eine Umwelt, deren Materialität und Funktion zugleich sichtbar und unsichtbar sind und der nicht zu entkommen ist. Aus diesem Wechselspiel von Un-/Sichtbarkeit, Un-/Kontrollierbarkeit und Un-/Entrinnbarkeit beziehen die systemischen Infrastrukturen ihre epistemologische, subjektbildende und gouvernementale Wirkung. Sie sind angelegt auf ein Weltganzes, das bei größter Unordnung und Unwahrscheinlichkeit, Ordnung und Kontrolle verspricht und dabei menschliche Bestandteile operationalisiert und zugleich mit dem Anschein autonomer Handlungsweisen versorgt.

Diese Verfasstheit legt es nahe, die Medien- und Technikgeschichte digitaler Kulturen als eine Geschichte der Logistik, d. h. der Herstellung, Organisation und Optimierung sozio-technischer Systeme zu lesen. Damit treten Theorie und Praxis der Organisation und Optimierung des Transportes, des Austausches sowie der Transformation von Daten, Zeichen, Dingen, Waren und Menschen in den Vordergrund. Statt um eine Fokussierung auf Einzelnes, wie etwa Endgeräte, Software oder Versatzstücke der Hardware, geht es in dieser Mediengeschichte und -theorie darum, wie Bestandteile qua Logistik, als Medium der systemischen Organisation und Vernetzung, zu einer technischen Umwelt im Sinne einer unhintergehbaren und umfänglichen Ökonomie und Ökologie zusammengeführt werden.

Der Forschungsschwerpunkt Re-thinking methods des DCRL möchte einen Beitrag zu dieser Forschung leisten, indem insbesondere auf die wissens- und mentalitätsgeschichtlichen Aspekte der Entwicklung und Organisation (Logistik) von Systemen und Infrastrukturen und deren Zusammenspiel mit technologischen Bedingungen geachtet wird. Mit diesem Anliegen wird in diesem Bereich von Re-thinking methods zugleich explizit und exemplarisch für Methoden der Untersuchung digitaler Kulturen eine historisch-epistemologischen Forschung vorgeschlagen und durchgeführt. Der spezifische Beitrag zu Methoden der Untersuchung komplexer System liegt dabei nicht nur in der Perspektivierung der Forschung, sondern auch darin, dass und wie Formen der Forschung und Darstellung entwickelt werden, die komplexe Zusammenhänge skizzieren können, ohne sie abschließend zu einer großen Theorie zusammenzufügen und damit unbemerkt dem logistischen Regime Folge zu leisten. Die Untersuchung setzt bei Technik und Epistemologie des Systems Engineering seit den 1930er Jahren an, die als Vor-Geschichte zeitgenössischer Umwelten smarter Infrastrukturen herausgearbeitet werden. Mit dieser Datierung zeigt sich z. B., dass für das logistische Regime in den 1950/60er Jahren die Verbindung von Kunst und Performance mit Technik und Industrie (PDF) eine entscheidende Funktion hatte, so dass zu erkunden wäre, ob und wie sich dies in aktuellen Infrastrukturen fortsetzt. In diesen Begegnungen wurden nämlich entscheidende Schritte unternommen, um die Logistifizierung der Systeme und Infrastrukturen auf der Ebene von Körper, Wahrnehmung, Affekten, des Imaginären sowie der Bindungen an Technik zu ermöglichen und zu befördern. Dazu gehört u. a. die Deplatzierung eines menschlichen Subjektes hin zu einem freudvollen Bestandteil kybernetischer Regelungen; die Environmentalisierung von Technik als Raum von Resonanzen sowie ätherischen und animistischen Faszinationen, mit der Bindungen in smarten Umwelten sowie die zu ihnen hergestellt werden; und schließlich eine das Subjekt erzeugende und in letzter Konsequenz entmachtende Selbst-Illusionierung, die über Verausgabung und Paranoia geregelt wird. Diese Rekonstruktion soll in einem geplanten, partizipatorischen Online-Archiv zu “Performing Systems. Art, Technology and Industry” skizziert werden. Dieses Archiv soll in Kooperation von einschlägigen Forscher_innen sowie am Thema Interessierten entstehen und Material aus dem Internet zusammenfügen und kommentieren. Dabei sollen Verfahrensweisen der 1950/1960er Jahre mit aktuellen Tendenzen so zusammengebracht werden, dass erstere als mögliche Genealogie zeitgenössischer infrastruktureller Logistik entdeckt und zur Grundlage dafür werden können, aktuelle Medienfaszinationen zu verstehen. Mit diesem Format und der Methode der fragmentarischen Assemblage sollen Anregungen geschaffen werden, die Geschichte(n) zu rekonstruieren, ihnen aber nicht eine Deutung aufzuzwingen.

Diese Recherchen werden als wichtig angesehen, geht es darum, über Kritik und Widerstand nachzudenken. Diese werden nämlich derzeit z. B. über Interventionen in das logistische Regime der Systeme und Infrastrukturen erprobt, für die auch immer wieder künstlerische Praxen genutzt werden. Erst wenn allerdings die Vor-Geschichte der infrastrukturellen Regelung und Epistemologie sowie die Rolle der Künste dabei herausgearbeitet wurde, kann verhindert werden, einmal mehr der Regelung zuzuarbeiten. Erprobt werden in diesem Bereich etwa Interventionen im urbanen Raum oder in Organisationen.

Schließlich stellt sich die Frage, welche Rolle Körperlichkeit und Performances (PDF) in der Logistik der Infrastrukturen spielen. Wurden erstere bis vor kurzem noch als Widerstand gegen die technischen Umwelten gesehen und eingesetzt, so ist seit einiger Zeit eine Wende zu beobachten. Nunmehr erscheinen Körper und Performances eher als Teil technologischer Performanzen, in denen sozio-technische Umwelten überhaupt erst Relevanz und Wirkung erhalten. Es geht mithin um ein “Performing the digital“, das in einem Symposium untersucht werden soll.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.