Kontakthof (Pina Bausch) remixen

— Martina Leeker, September 2015

Der „Kontakthof“ kann als ein Original für Kopien angesehen werden. Pina Bausch selbst hat nämlich dieses Tanztheaterstück als reproduzierbares Werk genutzt. So unternahm sie eine ganze Reihe von Reenactments, d. h. ein Nachspielen historischer Ereignisse – in diesem Fall eines älteren Stückes –, indem sie das Tanzstück 2000 mit Senioren 65+ und 2008 mit Jugendlichen 14–18 (wieder-)aufführte. In den Reenactments geht es zwar eher um eine möglichst „original-getreue“ Wiederholung (Vgl. Sandra Umathum, Seven Easy Pieces oder von der Kunst, die Geschichte der Performance Art zu schreiben, in: Jens Roselt, Ulf Otto (Hg.), Theater als Zeitmaschine: Zur performativen Praxis des Reenactments. Theater- und kulturwissenschaftliche Perspektiven, Bielefeld 2012) als um ein erneuerndes Mischen. Durch die Variationen des „Kontakthofs“ wird allerdings auch deutlich, dass jede Wiederholung schon Veränderung ist. Das Reenactment des „Kontakthof“ von Pina Bausch greift allerdings auf einer tieferen Ebene in die Integrität der Darstellenden Künste ein. Mit den Serien von Wiederholung befreit Pina Bausch nämlich das „Werk“ zum einen von seiner Unantastbarkeit und öffnet es so für Reproduktion und Transformation. Zum anderen entstehen zugleich durch die Wiederholungen wiedererkennbare, ikonenartige Versatzstücke von Choreografien, die im Internet, vor allem auf YouTube, kursieren und als solche Marker eine Fixierung des sich auflösenden Werkes sicherstellen. Zugleich werden die Live-Performances allerdings durch diese Abwanderung ins Digitale und ihre globale Verteilung im Internet für ein Remixing präpariert. Denn die Unmengen von Clips, die Mitschnitte von den unterschiedlichen Versionen dieses Stückes ins Internet bringen, sind – wie weiter oben von Stalder (PDF, Felix Stalder, Neun Thesen zur Remix-Kultur 2009) dargelegt – die technische Voraussetzung dafür, dass Remixen im Sinne der Kombination und Variation mit Hilfe digitaler Codierung stattfinden kann.

Diese Disposition wurde im Seminar zum Theaterprojekt „Kontakthof 2.0“ im Rahmen eines Workshops zum filmischen Remixen mit Robert Rapoport erprobt. Es wurde u. a. die Plattform „Popcorn“ getestet, auf der ein Remix aus unterschiedlichen Materialen zum „Kontakthof“ entstand, die im Internet verfügbar sind, wie z. B. Fotos, Clips von Choreografien, Wikipedia-Artikel. Ein weiterer Hinweis auf den besonderen, für das Remixen affinen Status von „Kontakthof“ ist der Film „Pina“ von Wim Wenders. Hier wird direkt auf ein filmisches Remixen abgehoben, da Tänze und Musik aus dem Kontakthof in neue Zusammenhänge gebracht und mit anderen Elementen kombiniert werden. Erste Remixes des Films finden sich im Internet (YouTube und Vimeo) auf der visuellen oder musikalischen Ebene.

Neben diesem Hang zur Reproduzierbarkeit bot „Kontakthof“ sich auf Grund seiner konzeptuellen Ausrichtung für das Remixen an. Von Interesse ist die Position des Subjektes, die in Pina Bauschs „Kontakthof“ aufgerufen wird und mit den möglichen Einspielungen der Subjektivierung durch Remixing verglichen werden kann. Wie in vielen Stücken von Pina Bausch werden auch im „Kontakthof“ die Grenzen zwischen Darstellung und Darstellenden porös. So wird immer wieder die so genannte 4. Wand (Svenja Baumann, Der entfremdete Spieler 2013) des Theaters durchbrochen und die Tänzer_innen wenden sich mit Kommentaren über ihre aktuelle Befindlichkeit in einer Szene oder mit Verlautbarungen zu vermeintlich persönlichen Erlebnissen an die Zuschauer_innen. Die Darstellung zerreibt (PDF, Sabine Huschka, Pina Bausch, Mary Wigman, and the Aesthetic of ‘Being Moved’, in: Susan Manning, Lucia Ruprecht (Hg.): New German Dance Studies, Illinois 2012) sich dabei gleichsam zwischen gesellschaftlichen Einschreibungen in die Körper der Tänzer_innen, die sie als Subjekte konstituieren, und den individuellen Erlebnissen mit diesen. Auf diese Weise werden im Theater Fragen zu Subjektivität aufgeworfen und ausgehandelt, die sich insofern auf dem Weg zu einer Auflösung einer autonomen Subjektivität befinden, als sie gleichsam zu einem Remix aus Individuellem und Gesellschaftlichem wird. Diese Konstitution war ein geeigneter Ausgangspunkt, um die Subjektivierung durch Remixing zu erforschen, die gegebenenfalls, so die These, das Subjekt in eine Kette serieller Operationen ohne Ich-Kern transformiert. Ein weiterer Grund für eine Auseinandersetzung mit dem „Kontakthof“ von Pina Bausch für ein Remixen war schließlich, dass er über beinahe drei Jahrzehnte als Metapher für einen Ort der Begegnung sowie der Anbandelung durch unterschiedliche Generationen wanderte. Die Remixes und Reenactments des „Kontakthof“ erlauben es deshalb, Veränderungen bezogen auf Körper, Kontakt, Beziehung und Kommunikation seit Ende 1970er Jahre bis 2015 abzulesen und im Hinblick auf ihren Zustand in digitalen Kulturen auszuwerten.

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Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.