Embodiment of remix. Methode für digitale (Geheimnis)-Kulturen

— Martina Leeker, September 2015

Es steht nun in Frage, was das Besondere am Embodiment of Remix ist. Denn das Remixen setzt sich, wie bereits aufgeführt, mit einer in digitalen Kulturen weit verbreiteten Praxis (PDF, Felix Stalder, Neun Thesen zur Remix-Kultur 2009) auseinander, die durch die Mobilität und Universalität von digitaler Codierung und Adressierung ermöglicht wird, über die analoge Performances ob ihrer Bindung an Physis aber nicht verfügen. Damit stellt sich auch die Frage, wie Remixen in den Bedingungen von Performances übersetzt werden kann und wie diese wiederum das Remixen verändern könnten. Das Re-Mixen unterhält zudem eine systematische Beziehung zur Serialität, die in jüngster Zeit (PDF, Benjamin Beil, Lorenz Engell, Jens Schröter, Herbert Schwaab, Daniela Wentz, Die Serie. Einleitung in den Schwerpunkt, in: Gesellschaft für Medienwissenschaft (Hg.), Zeitschrift für Medienwissenschaft 07/2/ 2012, Die Serie) ins Zentrum der kultur-, medien- und auch literaturwissenschaftlichen Forschung gerückt ist. Serialität, so Frank Kelleter, bedeutet: „Fortsetzen, abwandeln, weitermachen“ (PDF, Frank Kelleter, Populäre Serialität. Zur Einführung, in: Frank Kelleter (Hg.), Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert, Bielefeld 2012, hier S. 11). Ähnlich wie der Remix avancierte die Serialität zu einem medien-induzierten Paradigma, insbesondere digitaler Kulturen. Dabei steht sie, ähnlich wie der Remix, nicht nur für eine ästhetische Praxis, sondern auch für eine bis tief in die Konstitution von Kultur hineinwirkende Epistemologie, etwa bezogen auf Subjektivität oder Narrativität sowie auf die Konzeption von Geschichte. Wenn Remixen und Serielles ein erfindendes Subjekt aushebeln, so wird Geschichte zu einem Verlauf heterogener Elemente und Ereignisse. Lorenz Engell und Jens Schröter (u. a.) konstatieren:

„Von den technischen und ökonomischen Grundlagen der Industrie- und Konsumkultur her geprägt und sie wiederum – in seriellen Prozessen – be­ständig umbildend, durchwirkt die Form der Serie heute praktisch alle rele­vanten Bereiche des Alltags- und Medienhandelns. Sie trifft dort auf andere Praktiken, denen sie sich einerseits anschmiegt, die sie andererseits verschiebt und verlagert. Sie wird sowohl massenmedial – wie im Fernsehen und der marktgängigen Massenliteratur – ständig reformuliert und ausdifferenziert als auch – wie seit langem in den Künsten, in Musik, Experimentalfilm und Bilden­der Kunst – reflektiert.“

Benjamin Beil, Lorenz Engell, Jens Schröter, Herbert Schwaab, Daniela Wentz, Die Serie. Einleitung in den Schwerpunkt, in: Gesellschaft für Medienwissenschaft (Hg.), Zeitschrift für Medienwissenschaft 07/2/ 2012, Die Serie, hier S. 16, auf e-text.diaphanes.net

In Theater und Performance sind Remix und Serialität allerdings noch nicht signifikant angekommen. Zwar können als Ahnung des Remix verschiedene Dinge in einer Aufführung montiert und Medien in sie integriert werden, wie im seit ca. zwei Jahrzehnten zum Mainstream avancierten so genannten „postdramatischen“ Theater (Martina Haase, Postdramatisches Theater), oder Inszenierungen werden als eine Form der Serialität wiederholt. Bei diesen Praktiken wird allerdings im Unterschied zu den Kulturen des Remix und der Serie immer noch eine Vorstellung von Authentizität und Genialität sowie von unverwandelbarer Physis mitgeführt. Das zeigt sich daran, dass ein körperliches Remixen noch kaum bis gar nicht erprobt und propagiert wird. Theater und Performance können deshalb, so die These, als Bollwerke einer bürgerlichen Kultur der Subjekte und Werke gelten, die in den Brandungen des Digitalen exemplarisch hochgehalten werden.

In dieser Ausgangslage, d. h. bezogen auf den ambivalenten Status von Remix und Seriellem sowie der Abstinenz von diesen im Theater, soll nun an dieser Stelle ein anderer Versuch der Positionierung unternommen werden. Denn es wird explizit ein Embodiment von Remix als eine Methode für digitale Kulturen vorgeschlagen, entwickelt und erprobt. In den Fokus rückt dabei die Frage, welchen spezifischen Beitrag das Verkörpern zu einer Kultur leisten kann, die sich, mit Claus Pias, aus Nicht-Verstehen (Vgl. Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‚Nonsense‘ of Participation, Zürich Mai 2014) in einem so genannten digitalen Mysterium der Datenverarbeitung (Timon Beyes, Claus Pias: „Debatte: Transparenz und Geheimnis“, in: Vorstellungskraft, Zeitschrift für Kulturwissenschaft, 2/2014) konstituiert. Die These ist, dass mit diesem Embodiment eine Reihe von kulturellen und epistemologischen Veränderungen für digitale Geheimniskulturen modelliert und erprobt werden, wie sie auch im Aufsatz „Mit Foucault im digitalen Mysterium? Ein Zwischenbericht zur diskursanalytischen Ästhetik als Methode in digitalen Kulturen“ ausführlich diskutiert wurden. Sie beziehen sich auf unterschiedliche Aspekte. Mit dem digitalen Nicht-Verstehen gerät etwa Hermeneutik als Wissenschaft des Verstehens in einen prekären Zustand. Denn es entstehen im Remixen Narrationen (PDF, Frank Kelleter, Populäre Serialität. Zur Einführung, in: Frank Kelleter (Hg.), Populäre Serialität: Narration – Evolution – Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert Bielefeld 2012), die nicht mehr von einem auktorialen Erzähler aus gedacht werden können, sondern sich in Assemblagen, Zufällen, Wiederholungen, Variationen und Konnektiven ereignen, statt ein kohärentes Werk zu bilden. Eckart Voigts (Eckart Voigts, Mashup und intertextuelle Hermeneutik des Alltagslebens: Zu Präsenz und Performanz des digitalen Remix 2015) spricht in diesem Zusammenhang von einer „performativen Hermeneutik“. Das heißt, ein Embodiment of Remix könnte dazu beitragen, auch bezogen auf Körperlichkeit, mithin einem intimen Bezugrahmen von Subjektivität, eine Hermeneutik und Narration für digitale, a-hermeneutische Kulturen zu entwickeln und diese aus- und aufzuführen. Indem dabei Werke anderer Macher_innen verkörpert werden, kann zudem eine Weise der Subjektivität modelliert und ausgeübt werden, in der sich ein Subjekt erst aus seriellen Operationen und Mischungen herstellt und damit als Teil einer konnektiven Gemeinschaft. Während nämlich z. B. bei Pina Bausch die Tänzer_innen, wie bereits ausgeführt, noch ihr privates Material eingeben, das zwar aus einer gesellschaftlichen Codierung stammt, aber doch in der physischen Reibung des Embodiment authentisch erscheinen kann, zu einer zweiten Heimat wird, werden im Embodiment eines Remix diese Reibungen heruntergefahren. Denn bei Pina Bausch gibt es eine referenzierbare Ich-Größe. In den Remixes der Tänze aber muss von einer Leerstelle ausgegangen werden, da die Erfinder_innen z. B. einer Tanzsequenz abwesend sind. Während also Pina Bausch mit Fug und Recht als Verfechterin eines modifizierten Subjektbegriffes bezeichnet werden kann, der aus Remixes besteht, ist im Embodiment of Remix in deren Verkörperung ein serielles Operieren auf den Plan gerückt. Als letzter Aspekt ist schließlich zu erwähnen, dass Claus Pias und Timon Beyes in ihren Arbeiten zum digitalen Mysterium (Timon Beyes, Claus Pias: „Debatte: Transparenz und Geheimnis“, in: Vorstellungskraft, Zeitschrift für Kulturwissenschaft, 2/2014,) betonen, dass diese Lage digitaler Kulturen mit Begriffen der Vormoderne zu beschreiben sein könnten. Ein Performing oder Embodiment des Remix könnte hierzu entsprechende Praktiken erzeugen, die nicht mehr an Subjekte, an Verstehen und Werke oder an Repräsentationen gebunden sind. Vielmehr treten nun Praktiken der Assemblage, des Rituellen, der Wiederholung sowie der Veränderung in den Fokus, mit denen nichts mehr repräsentiert wird, sondern ein Konnektiv im Prozess der Ausführung erst entsteht und nach Gesetzen der Serie auch nicht zwingend beendet sein wird. Konnektive lösen autonome Künstlerpersönlichkeiten ab.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.