Der Innovations-Inkubator und die neoliberale Offensive

— Martina Leeker, September 2015

Die erste Aufgabe im Theaterprojekt bestand darin, einen gemeinsamen Bezugrahmen für die Studierenden und die Mitarbeiter_innen herzustellen, so dass das Theaterprojekt als Verabschiedung funktionieren konnte. Dazu war eine Analyse der Leuphana Universität und des Innovations-Inkubators nötig. Es stand in Frage, wie der Bezug konfiguriert sein muss, damit das Theaterprojekt nicht Teil eines in der Vorbereitung identifizierten Diskurses um die Leuphana wurde. Denn mit diesem wird diese Universität als Ikone des Neoliberalen stilisiert und damit von einer umfänglichen Analyse des neoliberalen Systems abgelenkt.

Der Innovations-Inkubator war ein mit 89 Millionen Euro von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung (Holm Keller – Im Gespräch 2012). Einen Schwerpunkt bildeten Digitale Medien, dessen Aufgabe Holm Keller beschreibt:

„Mit dem Schwerpunkt Digitale Medien greifen die Forscher den dramatischen Wandel der Medienproduktion und des Medienkonsums auf. Sie gehen der Frage nach, wie vor dem Hintergrund einer ständig wachsenden Internet-Nutzung das Fernsehen der Zukunft, also die Produktion und der Konsum bewegter Bilder aussehen kann. Zuschauer könnten dabei künftig selbst zu Produzenten werden. Möglich wird das durch die fast flächendeckende Verfügbarkeit des Internets und neue kostengünstige Technik für mobile Onlinegeräte und Videoproduktion.“

bildungsxperten.net

Ziel war es, im „Innovations-Inkubator für digitale Medien“ Wissenschaftler_innen und Praktiker_innen zusammenzubringen, um Geschäftsmodelle für die entstehenden digitalen Kulturen zu entwickeln und umzusetzen, so die Erläuterung auf der Website der Leuphana:

„Der digitale Wandel verändert die Welt. Ganze Industrien und gesellschaftliche Aufgaben werden neu gedacht – vom akademischen Publizieren bis zu öffentlich-rechtlichen Medien. Der Schwerpunkt Digitale Medien des EU-Wirtschaftsförderungsprojektes Innovations-Inkubator Lüneburg erforschte diesen Wandel und seine wirtschaftlichen Chancen: Wie haben sich Nutzung, Produktion und Distribution digitaler Inhalte geändert? Der Inkubator-Schwerpunkt Digitale Medien schuf einen experimentellen Raum, in dem Partner aus Wissenschaft und Praxis Konzepte für digitale Formate und Anwendungen erprobten.“

leuphana.de

Diese Konzepte stehen im Kontext einer breiteren Bewegung der Auseinandersetzung mit digitalen Kulturen, in der es darum geht, dass Deutschland den Anschluss an globale technische Entwicklungen nicht verliert. Ein Kompendium der Allianz der Wissenschaftsorganisationen der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) umreißt die Aufgaben ihrer Agenda Hightech-Strategie 2020, in dem Anette Schavan im Grußwort formuliert:

„Die Innovationsprozesse haben in den vergangenen Jahren deutlich an Dynamik gewonnen. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die ‚Hightech-Strategie für Deutschland’. Mit ihr wurde in der vergangenen Legislaturperiode erstmals ein nationales Gesamtkonzept vorgelegt, das zu einer neuen Qualität der Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik geführt hat. Mit der Weiterentwicklung der Hightech-Strategie werden bewährte Maßnahmen fortgeführt, aber auch neue Akzente gesetzt. Die ‚Hightech-Strategie 2020’ konzentriert sich auf fünf große Bedarfsfelder: Klima und Energie, Gesundheit und Ernährung, Mobilität, Sicherheit, Kommunikation. Das Ziel: Deutschland durch gezielte Impulse für neue Technologien, Innovationen und durch die Bündelung der Kräfte von Wissenschaft und Wirtschaft zum Vorreiter bei der Lösung der drängenden globalen Fragen zu machen.“

dfg.de (PDF)

Es wäre von Interesse, eine Landkarte der Kopplungen von Politik, Wirtschaft und Forschung zu erstellen, denn diese bestimmen mit, was gefördert und damit als wichtige Themen und Methoden angesehen wird. Die „trading zone“ (PDF, eter Galison, Trading Zone 1997) dürfte der Begriff der „Innovation“ sein.

Diese u. a. in den Drittmittelaktivitäten sichtbar werdenden Bestrebungen der Ökonomisierung von Bildung werden in der Forschung (Torsten Bultmann, Bildungskonzepte im Neoliberalimus, 1998) sowie in der journalistischen Kritik als neoliberale Konzepte analysiert. Die „Leuphana“ gilt geradezu als Symptom neoliberaler Hochschulpolitik (Thorben Peters, Kevin Kunze, „Leuphana“ als Symptom neoliberaler Hochschulpolitik 2015). Hochschule würde zu einem Unternehmen (Christoph Stark, Exzellenz des Marktes. Die Leuphana Universität Lüneburg 2015) und Bildung und Forschung einer marktwirtschaftlichen Verwertungslogik (PDF, Markus Lange, Neoliberale Bildungskonzepte – Ausgewählte Beispiele und ihre Umsetzung. Diskursethische Analyse unter besonderer Berücksichtigung der Einführung von Finanzierungs- und Wirtschaftlichkeitskonzepten durch die Bertelsmann Stiftung 2009) unterworfen. Peters und Kunze führen aus eigenem Erleben als Studierende an der Institution aus:

„Charakteristisch für das neoliberale (Un-)Wesen unserer Zeit ist die Unterwerfung aller gesellschaftlichen Bereiche unter die Logik des kapitalistischen Unternehmertums. Diese sollen privat organisiert und in Konkurrenz zueinander möglichst ungehindert nach Profit streben in dem Glauben, Gewinner und Verlierer seien naturgegeben. Der Staat dient hierbei der Ermöglichung und Aufrechterhaltung dieser Konkurrenz, indem er die notwendigen marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen schafft und erhält. […] Hochschulen sind zu outputorientierten Dienstleistungsunternehmen verkommen, deren Ziel es ist, möglichst schnell verwertbare Arbeitskräfte zu produzieren.“

Thorben Peters, Kevin Kunze, „Leuphana“ als Symptom neoliberaler Hochschulpolitik 2015 auf bdwi.de

Die Hochschule selbst antwortet auf solche Kritik und Analyse u. a. mit unternehmenswissenschaftlichen Auseinandersetzungen, so Holm Keller und Felix C. Seyfarth:

„Dieser Strang der Kritik vermutet eine schrittweise Ökonomisierung neoliberaler Prägung – oder etwas schlichter: den Ausverkauf – hinter dem Begriff des Hochschulmarketing und möchte Hochschulkommunikation auf im staatlichen Kontext etablierte Formen von Pressearbeit reduziert wissen. […] Diese Kritiken sind in sozio-kulturellen Erfahrungen oder historischen Entwicklungen begründet, die an anderer Stelle ausführlich beleuchtet worden sind. Sie tragen jedoch ein verkürztes Bild dessen, was Marketing will, im Hinterkopf: Modernes Marketingverständnis zielt jedenfalls nicht auf Umsatz- oder Gewinnmaximierung, sondern allgemein auf die Kommunikation zur Förderung von Austauschbeziehungen zwischen Individuen oder Organisationen zum gegenseitigen Nutzen (American Marketing Association, 2004).“

Holm Keller, Felix C. Seyfarth, Eine Universität erneuert sich grundlegend: Leuphana Universität Lüneburg, in: Klaus Siebenhaar (Hg.) Unternehmen Universität. Wissenschaft und Wirtschaft, Wiesbaden 2008, hier: S. 77 auf alexandria.unisg.ch (PDF)

Von Interesse für die Auseinandersetzung mit neoliberalen Kulturen und Regimen im Theaterprojekt war nun aber nicht die Leuphana selbst. Sie diente vielmehr als Zugang zum Problemfeld, gleichsam als sein Medium. Dass die „Leuphana“ nicht in den Mittelpunkt rücken konnte, liegt an ihrem diskursiven Stellenwert. Mit Blick auf den Hype auf die „Leuphana“ stellt sich nämlich die Frage, warum diese Universität von einem solch hohen öffentlichen Interesse ist und diskursiv als Symptom einer neoliberalen Bildungspolitik erzeugt wird. Aus dieser Perspektivierung rückt die Konstruktion eines Netzwerkes in den Fokus, in dem unterschiedliche Player, Agenten und Doppelagenten an einem selbstbezüglichen und eigensinnigen System eines neoliberalen Schreckgespenstes bauen. Zu diesem gehören z. B. verwaltende Vertreter der Hochschule, ihre Wissenschafler_innen, die Studierenden ebenso wie die Presse, die Förderinstitutionen, das Internet, die Kritiker und die Befürworter, die an Projekten beteiligten Unternehmer. Die Hypothese ist, dass im genannten Gefüge im Kleinen ein medialer und ökonomischer Wandel vollzogen wird, um damit einen viel Größeren zu kompensieren, der von weitaus mächtigeren Playern betrieben und kontrolliert wird, die nicht mehr durchschaubar sind. Die „Leuphana“ ist dabei eine Art exemplarischer Spielgrund, auf dem Strategien, von denen man vermutet, dass sie im größeren Ganzen vor sich gehen könnten, projiziert und ausagiert werden. Das gehypte Spielfeld scheint zum einen überschaubarer und vermittelt die Illusion von Verstehen und Kontrolle. Zum anderen ist es ein Ort des Geheimnisses, der Unberechenbarkeit und der Nichtplanbarkeit, durch den man eine Art latenter Paranoia erlernen und trainieren kann, die wiederum wie ein Schutzschild gegen das große neoliberale Nicht-Verstehen gelten kann. Denn diese paranoide Grundhaltung hilft dabei, Erklärungsmodelle aufzubauen und vermittelt damit die Illusion, für etwaige Überraschungen gefeit zu sein, weil sie schon vorgedacht wurden. Diesen Operationen scheinen alle am System Beteiligten ausgesetzt, auch die, die mehr Macht haben, aber in einer spiralartigen Drehbewegung, z. B. in der Beantragung von großen Projekten oder der Auseinandersetzung mit der Presse, auf einer höheren und undurchsichtigeren Ebene selbst in unterlegener Position sind. Das heißt, die „Leuphana“ wurde und wird so markant beobachtet und analysiert, weil sie einer Hoffnung auf Kontrolle der nicht-verstehbaren Operationen neoliberaler Regime in digitalen Kulturen entspricht.

Diese Konstitution sollte im Theaterprojekt nicht thematisiert werden, um nicht Teil dieses Spiels zu werden, indem man sich an der Erzeugung und Diskussion von weiteren Geschichten beteiligt. Weil die Leuphana aber einen hohen Bekanntheitsgrad hat und als Symptom für eine neoliberale Kultur verhandelt wird, galt es an dieser Stelle, auf diesen Umstand Bezug zu nehmen und zu erläutern, warum die Leuphana gleichsam gemieden wurde. Die „Leuphana“ sollte vielmehr als eine Art common ground des Neoliberalen gelten, auf dem die Studierenden und die Mitarbeiter_innen des Innovations-Inkubators wie in einer gemeinsamen „Lebenswelt“ trotz aller Unterschiede bezogen auf eine je individuelle Lebenssituationen zusammengeführt werden konnten.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.