Mindere Mimesis (Friedrich Balke, Maria Muhle) digitaler Kulturen

— Martina Leeker, September 2015

Im Embodiment of Remix werden dagegen genau diese Funktionen erzeugt und beschleunigt. Etwaig auftretende Verweise auf die Herkunft eines Versatzteiles dienen zwar der Rückbindung an Quellen. Sie entfesseln aber zugleich ein unüberschaubares kulturelles Gedächtnis. Oder sie verweisen auf die literarische Unzitierbarkeit in digitalen Archiven, wenn z. B. in „Kontakthof 2.0“ eine kryptische Internetadresse als Quellenverweis verlesen wird. Dieser ist maschinen- aber nicht menschenlesbar. Es geht mithin um unüberschaubare Archive, die sich der Nutzer erst erschließen und mit Sinn belegen muss. Des Weiteren werden die „heiligen“ Werke der Performing Arts vermischt, verschmutzt, ihrer Reinheit enthoben. Anknüpfungen können gleichsam wie in der digitalen Konnektivität rein strategischer, technischer Art sein, ohne weiteren Sinn. Sie mit Sinn zu belegen und dabei die Vergänglichkeit dieses Vorgangs durch die Vergänglichkeit des Performens auszustellen, ist Aufgabe des verkörperten Remixens. Es geht mithin um Konnektionen und Konnektive, um Serien sowie um Operationen, in denen kein Subjekt mehr agieren oder regieren muss, sondern vielmehr kulturelle Muster, technische Optionen und Sammlungen sowie ein bisschen auch der Zufall. Dieses „Performing the Digital“ leiht den Operationen seinen Körper und transformiert ihn dabei in eine wunderschöne Gefüge- und Anschlusskonstellation.

Schließlich ist das Embodiment of remix auch eine Option für Laienkultur. Da das Material im Internet allen erdenklichen Nutzer_innen zur Verfügung steht, kann es auch hemmungslos genutzt werden. Damit partizipieren Performance und Theater an einer sich ausbreitenden Laienkultur und sind so ein Affront gegen die Genialität von Menschen und Machern und die Heiligtümer des Theaters. Wenn Marina Abramović in Seven Easy Pieces die wegweisenden Performances anderer bekannter Künstler_innen ausführt, dann sind diese gleichsam durch die Künstlerin geadelt. Wenn allerdings unbekannte Laien sich an das Embodiment von fremden Choreografien oder Inszenierungen machen, zudem noch von Pina Bausch, die als Ikone des Tanztheaters zu gelten hat, und diese neu zusammensetzen, dann kommt dies einer Annmaßung und Entwendung, ja einer Entweihung gleich. Es wird eine mindere Mimesis praktiziert, wie u. a. Friedrich Balke und Maria Muhle sie ausformulieren:

„Kopieren, Zitieren, Paraphrasieren, Montagen, Remakes, Samplings, Serialisierung – diese Praktiken gehören zum medialen Alltag. Wer sie verwendet, macht von der Mimesis (altgriechisch für ‚Nachahmung’) Gebrauch. Die Forschergruppe untersucht diese seit der Antike bekannte Kulturtechnik, die sich in der Moderne im Spannungsverhältnis zwischen kreativen und nachahmenden Prozessen bewegt. Dabei geht sie von der leitenden These aus, dass die mimetischen Techniken nicht im Gegensatz zu Originalität stehen, sondern sie überhaupt erst möglich machen. Damit revidiert die Forschergruppe das weit verbreitete Klischee, dass die Moderne anti-mimetisch sei – eine Annahme, die vor allem in der Ästhetik und Kulturtheorie weit verbreitet ist. Mimesis und imitatio werden nicht länger in die Perspektive einer zu überwindenden Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen und seiner Werkherrschaft gestellt. Statt die Mimesis in einen Gegensatz zur modernen Technik und der auf ihr beruhenden Zivilisation zu manövrieren und sie als mit dem konstruktivistischen Selbstverständnis der Neuzeit grundsätzlich unvereinbar anzusetzen, verfolgt die Forschergruppe auf unterschiedlichen Ebenen die kultur- und sozialitätskonstitutive Funktion mimetischer Praktiken.“

ruhr-uni-bochum.de

Über uns

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Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.