Performen von Netzwerk-Theorie. TheorieTheater als Methode

— Martina Leeker, September 2015

In der „Netzwerkszene“ werden Teile aus dem Vorwort der Herausgeber des Bandes „Regionen und Netzwerke“ (Monika Bachinger, Harald Pechlaner, Werner Widuckel (Hg.), Regionen und Netzwerke. Kooperationsmodelle zur branchenübergreifenden Kompetenzentwicklung, Wiesbaden 2011) montiert. Das heißt, einzelne Sätze wurden fiktiven Figuren so zugeordnet, dass eine Gesprächsituation entsteht.

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Für die Umsetzung der Szene im Theaterprojekt „Kontakthof 2.0“ wurden die theoretischen Ausführungen in eine imaginierte Vortragssituation verlegt, in der die Rednerin von einem „Kleinkind“ sowie von unaufmerksamen Zuhörer_innen gestört wurde, die mit ihr Schabernack trieben. Dies war die erste Ebene, auf der die Theorie zur regionalen Netzwerken mit a-/sozialen Verhaltensweisen in einer Gruppe konterkariert wurden. Die zweite Ebene stelle sich durch parallel laufende Handlungen her, etwa wenn vier Spielerinnen das Spiel „Twister“ nachempfanden und so ein Netzwerk der Körper ausführten. Nach Auflösung der physischen Verquickungen erschlossen Kommentare wie: „Eigentlich bin ich lieber allein!“ oder „Mir war es zu warm.“ sowie „Ich habe die ganze Zeit überlegt, wie ich wieder herauskomme!“ affektive Bereiche von Netzwerken. Schließlich führte die anschließende Szene mit dem Remix des Tanzes von Nazareth Panadero aus dem Film „Pina“ von Wim Wenders die untergründigen Ebenen von Netzwerken fort. Hier wurde ein Spieler von Spielerinnen berührt und schließlich auf dem Boden abgelegt. Die übrigen Spielerinnen führten die Choreografie aus Wenders Kontakthof zu Juan Llossas Frühling und Sonnenschein aus. Da sie im Raum versetzt ausgeführt wurde, kann dieser Part als Anspielung auf Netzwerke gelten, in denen ein Machtspiel durch das Achten auf die Beteiligten entsteht.

Dieses Aufführen von Theorie, so die These, zeitigt theoretische und wissenschaftliche Erkenntnisse, die ohne die Performance nicht möglich gewesen wären. TheorieTheater im Sinne des Performens von Theorie kann als Methode für digitale Kulturen ausgewiesen werden, die zwei Beiträge leistet. Erstens können mit ihm Ebenen und Sichtweisen eingespielt werden, die ohne das Prinzip der Verkörperung nicht aufscheinen können. Dies betrifft z. B. Affekte, Atmosphären oder Körperlichkeit. Dies kann dazu beitragen, dass Theorie und Wissenschaft ihre Blickwinkel erweitern und ihre Untersuchungen und deren Fragestellungen differenzieren. Zweitens kann das Performen von Theorie eigene Ergebnisse hervorbringen. Im Rahmen des Projektes „Kontakthof 2.0“ wurde z. B. eine Analyse zur Organisation von neoliberalen Regimen möglich. Exemplarisch sind die Erkenntnisse zum Stellenwert der Leuphana. Die diskursive Erzeugung der Leuphana wurde als die Herstellung eines Spielfeldes bezeichnet, auf dem in der Kooperation unterschiedlicher Akteure Umgangsweisen mit der nicht mehr verstehbaren und kontrollierbaren Verfasstheit neoliberaler Regierung erprobt werden. Drittens kann durch das Performen von Theorie diese im Verkörpern überprüft werden. Denn in der Verkörperung wird das theoretische Modell gleichsam vom Kopf auf die Füße gestellt. Wenn theoretische Modelle und Erklärungsweisen in die Performance gelangen, dann werden sie schließlich viertens zugleich ob der Begegnung mit einem Raum des Spiels, des Fiktiven sowie der Künstlichkeit in ihrer eigenen Konstruktivität und Bedingtheit ausgestellt. Indem auf der Bühne mehr Ebenen und Aspekte zum Tragen kommen als in einem Text, verweist die Performance auf die Begrenztheit von theoretischen Modellen und zeigt deren Politik der Ein- und Ausgrenzung. Auf dieser Weise wird im Performen der Theorie auch immer deutlich, dass es mehr Dinge gibt, als geschrieben steht und alles auch anders sein könnte.

Das Performen von Theorie als TheorieTheater ist mithin da eine probate Methode für digitale Kulturen, wo sie zu einem begrenzten Rahmen der Anschauung sowie der Überprüfung werden. In der Emergenz und Evidenz des Spielens und Aufführens wird Theorie porös und brüchig.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.