Remixing „Kontakthof“. Methode für ein lebendiges Archiv der Performing Arts in digitalen Kulturen

— Martina Leeker, September 2015

Schließlich soll das Remixen des „Kontakthof“ von Pina Bausch einen Beitrag zu Methoden für Archive der Performing Arts in digitalen Kulturen leisten. Im Theaterprojekt „Kontakthof 2.0“ wurde in diesem Zusammenhang der Versuch unternommen, Methoden für ein lebendiges Archiv zu entwickeln, das sich die technischen Möglichkeiten und kulturellen Konfigurationen digitaler Medien zu nutze macht bzw. von diesen konstituiert ist. Mit diesem Anliegen möchte das „Embodiment of Remix“ des „Kontakthofes“ einen Beitrag zur Arbeit des Archivs der Pina Bausch Foundation in Wuppertal leisten, das von ihrem Sohn Salomon Bausch geleitet wird und beispielhaft für den Forschungskontext der Archivierung von Performances und performativen Künsten steht.

Die Foundation erprobt unterschiedliche Formate der Archivierung, Erinnerung und Verlebendigung. Diese reichen von Projekten mit Schulen (PDF, Arbeitsbericht der Pina Bausch Foundation Nr. 2, 2012), in denen Choreografien nachgetanzt werden, bis hin zu einem digitalen Archiv (PDF). Dieses (PDF) wird gemeinsam mit Bernhard Tull vom Institut für Kommunikation und Medien (ikum) der Hochschule Darmstadt entwickelt. Einsatzpunkt der Auseinandersetzung mit diesem Archiv ist nun, dass es als digitale Datenbank nicht online zur Verfügung stehen wird, sondern vor Ort in Wuppertal (PDF, Marc Wagenbach, Pina Bausch Foundation (Hg.), Tanz erben. Pina lädt ein, Bielefeld 2014) zugänglich ist.

Mit dieser Lokalisierung erhält das Archiv eine Exklusivität, die es an Körper zurückbindet. Dies hat den Vorteil, dass Tänzer_innen vor Ort und gegebenenfalls im Austausch mit Tänzer_innen der Company sich das Werk von Pina Bausch sehr nah, physisch und authentisch erschließen können. Es entsteht, im Vergleich zu einem Archiv in Internet, ein Raum von höherem Kontrollwert.

Mit der Praxis des Remixing, die auf Clips aus dem Internet zugreift, wird diese lokale Anbindung nun durch die Arbeit mit einem globalen und mehr oder weniger allgemein zugänglichen Archiv unterbrochen. Mit dieser Wendung wird auch deutlich, dass das, was als Werk von Pina Bausch erinnert, übersetzt und tradiert wird, nicht nur von den Inhalten, sondern auch von den Zugangsmöglichkeiten zu einem Archiv sowie dessen Verfasstheit zusammen. Es wäre mithin eine Forschung zur Archivierung der performativen Künste nötig, in der untersucht wird, welche Auswirkungen das Archiv selbst auf Erinnerung, Kreation und Erneuerung hat. Die hier exemplarisch herangezogenen Archive zu Pina Bausch, das Internet einerseits und das Wuppertaler Archiv in seinem digitalen Part als „Linked Data und semantic Web“ (Bernhard Thull, Kerstin Diwisch, Vera Marz, Linked Data im digitalen Tanzarchiv der Pina Bausch Foundation, Heidelberg 2015) andererseits, verfügen über unterschiedliche Inhalte und Zugangsmöglichkeiten und diese bestimmen wesentlich mit, was tradiert wird und was das Tradierte „erzählt“. Es zeigt sich also, dass auch ein digitales Archiv von kulturellen Einschreibungen abhängt, etwa vom Korpus selbst, von dessen Ordnung sowie der Zugänglichkeit.

Durch das Remixen wird nun das Internet als Archiv stark gemacht und das Mischen selbst als eine Methode der Archivierung und Nutzung vorgeschlagen. Für das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0“ wurde der Bezug zum Archiv „Internet“ dadurch hergestellt, dass die gemixten Clips aus Bauschs Versionen des „Kontakthof“ immer dann gezeigt und mit Referenzierungen versehen wurden, wenn sie auch auf der Bühne ein Verkörperung erfuhren.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.