Versehrte Dinge

Eine Ausstellungs-Performance im Übergang zum Technosphärischen

— Martina Leeker, November 2016

Überblick

Unsere technologische Lage sei, so heißt es, davon bestimmt, dass wir mit smarten technischen Dingen (z. B. Handys, Tablets, Kühlschränke, Mixer, Fitness Tracker und GPS Uhren), die oft mehr von uns wissen als wir selbst, in gleichberechtigten Handlungsagenturen leben. Haben die Dinge und technischen Umwelten (wie etwa: Verkehrssysteme, Smart Cities, Einkaufszentren) nun ein eigenes Recht und Handlungskompetenz, können wir dann zum Beispiel Versehrtes einfach entsorgen? Wenn dies nicht angemessen wäre, was bedeutet es für Menschen, wenn sie von nicht mehr voll funktionstüchtigen technischen Dingen umgeben sind?

Diese Fragen wurden im Wintersemester 2015/16 in einem Seminar der Autorin im Rahmen des Komplementärstudiums der Leuphana Universität Lüneburg behandelt. Ziel war es, aktuelle Theorieansätze zu Dingwelten (Scott Lash, Objekte, die urteilen: Latours Parlament der Dinge, 1999), zur Techno-Ökologie (Erich Hörl, Jörg Huber, Technologie und Ästhetik. Ein Gedankenaustausch, in: Magazin 31, Nr. 18/19, 2012, Seite 9-20, PDF) sowie zur Anthropomedialität auf ihre diskursive Produktivität und ihre Genese hin zu befragen. Könnte es sein, dass sie – Symptome beschreibend – diese zum Status Quo der Konstitution digitaler Kulturen erheben und dabei ihre Nähe zu einer Technikgeschichte der Kybernetisierung, mithin zu Kontrollfantasien von Mensch, Leben und Technik verkennen? Im Rahmen dieser Frage sollte die aktuelle Diskurslandschaft auf einen Bezug zu einer, die menschlichen Agierenden ungefragt und umfänglich vereinnahmenden, „Politik des Technosphärischen“ sowie zu einem „Regime der Affekte“ (Vgl. Marie-Luise Angerer, Vom Begehren nach dem Affekt, Zürich /Berlin: Diaphanes 2007) hin untersucht werden.

Dies zu tun, wurde eine Eulenspiegelei, also die Kunst, so Bazon Brock, des Wort-Wörtlich-Nehmens (Bazon Brock, „Aller gefährlicher Unsinn entsteht aus dem Kampf gegen die Narren, oder Eulenspiegel als Philosoph, Nietzsche als sein gelehrigster Schüler und der Avantgardist als Hofnarr der Gesellschaft“, in: Bazon Brock, Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit. Die Gottsucherbande – Schriften 1978–1986, S. 288) durchgeführt. In deren Zentrum stand die Über-Affirmation von sowie die Über-Identifikation mit der Gleichberechtigung der Dinge und der daraus folgenden Entthronung des Menschen. Ausgangsthese war dabei, dass es leicht ist, Theorien zu entwickeln. Wie ernst es uns damit ist, zeigt sich erst, wenn sie verkörpert werden. Denn in diesem Vorgang werden Relevanz, Konsequenzen und Gouvernementalität theoretischer Konstrukte durch das Erleben spürbar und damit erkennbar. Wie würden Kulturen aussehen, wenn die genannten Theorien 1:1 in die Praxis umgesetzt würden? Könnten sie z. B. auf Grund von Erfahrungen revidiert werden, weil sie kontraproduktiv sind, oder weil man gar nicht so radikal sein wollte, wie rein theoretisch eingefordert?

Diese Reflexionen sind so wichtig, da die angeführten Theoriebildungen des Relationalen derzeit zwei Dinge für sich in Anspruch nehmen. Zum einen sollen sie bessere Beschreibungen der Lage digitaler Kulturen ermöglichen, die nicht mehr, wie bisher, mit der Analyse von Einzelmedien oder als instrumentelle Beziehung von Mensch und Technik verstanden werden können. Durch die Fokussierung auf Relationen, verstanden als Operatoren einer existentiellen Einbindung menschlicher Agierender in technologische Umwelten, sollen die skizzierten Theorien zudem zum anderen als eine Lösung dafür bieten, mit den Herausforderungen des mit dem Anthropozän ausgerufenen Zeitalters der (Klima-)Katastrophen und kapitalistischen Krisen umzugehen. Denn der Relationen-Diskurs entspricht einer Verabschiedung eines Konzeptes vom autonomen und selbstbewussten Anthropologischen in umweltliche Bescheidenheit. Die zu verhandelnden Theorien sehen sich mithin als Hoffnungsträger, was es schwierig macht, eine kritische Distanz zu ihnen aufzubauen.

Verkörperung und Eulenspiegelei, d. h. Überidentifikation und Überaffirmation, wurden im hier zu dokumentierenden und zu analysierenden Projekt in dieser Situation und ob dieser Relevanz als Methoden einer diskursanalytischen Ästhetik vorgeschlagen, um Theorie und Praxis digitaler Kulturen auf ihre Politiken hin zu untersuchen. Indem Theorien und Modelle mit diesen Methoden getestet wurden, könnten, so die Überlegung, gegebenenfalls experimentell durchgearbeitete, weniger vereinnahmende Lösungen entworfen werden, wo es denn nötig sein sollte. Es ging mithin um ein Testlabor für Theorien sowie um einen praxeologisch-epistemologischen Apparat zur Erzeugung von über sich selbst aufgeklärten, kritischen Techno-Kultur-Theorien. Dieser Zugang besagt auch, dass es eine Wirklichkeit digitaler Kulturen nicht a priori gibt, sondern diese erst theoretisch wie praktisch erzeugt wird und deshalb auch veränderbar ist.

Diese Eulenspiegelei durchzuführen war es Aufgabe der Studierenden, versehrte Dinge zu bauen oder mitzubringen. Diese sollten zwar Defekte aufwiesen, aber noch funktionstüchtig sein. Mit ihren Fehlfunktionen würden sie, so die Überlegung, den menschlichen Nutzer_innen nämlich Verhaltensweisen auferlegen, die sich vom Umgang mit intakten Dingen unterschieden. Unter anderem sollten sich an diesen Differenzen die Konsequenzen der vorbehaltlosen Anerkennung der Dinge zeigen, indem sichtbar und spürbar wurde, wie die versehrten Dinge den Menschen formen. Zudem sollten Situationen und Geschichten zu den versehrten Dingen entwickelt werden, in denen sie sich darboten. Ziel war es, eine Ausstellung der versehrten Dinge und deren menschlichen Präsentierenden zu erstellen, durch die Besucher_innen sich frei bewegen konnten.

So entstand z. B. ein Arbeitsplatz mit einer fehlgeleiteten Computermaus, die Nutzer_innen beim Zeichnen mit dem Computer oder bei einem Computerspiel nicht mehr kontrolliert einsetzen konnten. Die Maus vollführte vielmehr eigensinnige Bewegungen. Die gestörten Mausbewegungen hatten allerdings durchaus interessante Effekte, denn aus ihnen erst entstanden ungewöhnliche Zeichnungen, die ohne sie nicht möglicht gewesen wären. Eine andere Arbeit war das „Betreuungszentrum für grenzüberschreitende Geräte“ (BGG). Hier konnten versehrte Dinge zur Betreuung abgegeben werden, damit sie nicht allein und unbeaufsichtigt zu Hause Schäden anrichten. Um dieses BGG entspann sich eine ganz eigene Welt, die von psychologischen Schulungen von Geräte-Kooperator_innen für einen angemessenen Umgang mit technischen Dingen bis hin zu neuen Studiengängen für z. B. Elektropädagogik reichte. Schließlich wurden konsequenterweise Datenrechte zu einem wichtigen Thema, da die technischen Dinge aus Operationen mit Daten bestehen. Werden diese ernst genommen, so die entsprechende Magna Carta, dann sei Daten z. B. das Recht auf Bewegungsfreiheit zuzugestehen. Sie dürften also nicht durch Schutzmechanismen menschlicher Agierender aufgehalten werden. In Frage stand: „Wollt ihr die totale Daten-Transparenz?“. Vor allem solche Radikalisierungen sollten für Verwirrung und vielleicht auch Widerspruch sorgen.

Die Studierenden führten zudem Touren durch die Ausstellung durch, während derer sie den Besucher_innen das Für und Wider der neuen Ding-Welten und Techno-Ökologien priesen. Sie agierten dabei als „Trickster“ (Gespräch mit Prof. Dr. Erhard Schüttpelz, Die Figur des Tricksters, 29.11. 2015), d. h. als jene betrügerischen und trickreichen Doppelwesen, die Menschen in unauflösbare widersprüchliche Ordnungen drängen. Indem sie während der Führung umstandslos von einer Sichtweise in die andere sprangen, verwirrten sie die Geführten zunehmend. Sie konnten gar nicht so schnell denken und sich verhalten, wie sie mit widersprüchlichen Inputs überschüttet wurden. Gerade in der heftigen Überforderung sollte die Chance liegen, einen „Affekt des Denkens“ auszulösen, der Momente der Unterbrechung sowie Räume impulsiver Reflexion schafft.

Die Ausstellung und die Performances zeigten einen erstaunlichen Effekt. Mit der Eulenspiegelei entstand eine regelrechte Parallelwelt der Handlungsagenturen von Dingen und Menschen. Sie glich einem sehr zeitnahen Science Fiction, in dem das, was heute gesagt wird, schon zur Alltagskultur geworden ist. Die Performenden agierten zudem derart überzeugend, dass die Besucher_innen von der Logik dieser Welt verführt wurden. Dies zeigte sich etwa daran, dass sie ungeplant und ungefragt in die „Welt der gleichberechtigten Dinge“ einstiegen. So erzählte die Medienwissenschaftlerin Manuela Klaut, während ihres Besuchs der Ausstellung, Geschichten von ihrer Kaffeemaschine. Sie äußerte die Sorge darüber, dass das Gerät zu oft allein zu Hause sei, was sich nun wahrscheinlich in einer schlechteren Durchführung der Herstellung des Milchschaums bemerkbar mache. Die Sogwirkung der Performances verweist allerdings nicht nur auf eine Lust am Spiel. Sie macht auch deutlich, dass verkörperte Ding-Diskurse und Techno-Ökologie von Faszinationen, Lust und Begehren angetrieben sind, was es notwendig und dringlich macht, diese zu untersuchen. Denn sie verweisen auf eine mögliche Antwort auf die Frage, woher es kommen kann, dass menschliche Agierende wider besseres Wissen Unmengen von Daten abgeben und sich selbst optimieren.

Die avisierte reflexive Ebene sowie Standorte der Kritik stellten sich in diesem Projekt auf Seiten der Ausstellungsmacher_innen wie der Besucher_innen im radikalen Verkörpern und Erleben der theoretischen Visionen und Diskurse ein. Das heißt, im Handeln wurde Theorie reflektier- und kritisierbar. Dass Standorte der Kritik in der Kunstwelt und aus dem Verhalten in dieser heraus entstanden, ist als ein Befund zur Beantwortung der Frage zu bewerten, wie Kritik in digitalen Kulturen ob deren Ubiquität und Intransparenz noch möglich sein kann. Denn in diesen gehen die dafür bis dahin als notwendig angesehene Distanz und ein Außen verloren. Durch die Verkörperung der Theorien wurde in der Ausstellung nun zum einen Kritik aus ästhetischer Erfahrung und zum anderen eine ästhetische Erfahrung von Kritik möglich, die in zweifacher Weise über tradierte Formen der Kritik hinaus geht und dabei auf die Bedingungen von Kritik in digitalen Kulturen antwortet. Traditionelle Formen haben erstens gemeinhin weder Performances noch Materialitäten als Diskurse im Blick, die in der Ausstellung nun eingespielt und erlebbar gemacht wurden. Auf diese Weise wurden erst kritische Aspekte der genannten Theoriebildungen herausgeschält. Zweitens wird das performende Testen von theoretischen Modellbildungen bisher noch nicht im Kanon wissenschaftlicher Forschung und Kritik geführt. Es soll hier nun aber als probate Methode für eine Kritik in digitalen Kulturen angeführt werden, die sich aus drei Punkten zusammensetzt. Es wird mit der verkörpernden Kritik die den tradierten Formen der Kritik inhärente (1) Bewertungshoheit und Definitionsmacht (Irit Rogoff, Vom Kritizismus über die Kritik zur Kritikalität, Webjournal eipcp – European Institute for Progressive Cultural Policies, 2003) unterlaufen. Denn auf Grund der Tatsache, dass man (2) nicht außerhalb (Irit Rogoff, Vom Kritizismus über die Kritik zur Kritikalität, Webjournal eipcp – European Institute for Progressive Cultural Policies, 2003) der Situationen stehen kann, die man kritisiert, ist eine herausgehobene Haltung Einzelner nicht mehr so fraglos wie bisher aufrechtzuerhalten. Diese Disposition ermöglicht es schließlich, eine Form der Kritik zu denken, die die Dichotomie von (3) Innen und Außen (Irit Rogoff, “Looking Away: Participations in Visual Culture”, in: Gavin Butt (Hg.), After Criticism: New Responses to Art and Performance, Oxford: Blackwell Publishing 2005, S. 117–134, PDF) sowie von Subjekten und Objekten überwindet, ohne deshalb die Fähigkeit zur Reflexion aufzugeben. Diese „Praxis der Kritik“ wird als spezifische Methode für digitale Kulturen herausgeschält, die im Modell des „Kulturen Bildens“ mündet.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.