Effekte und Wirkungen

— Martina Leeker, November 2016

Aus dem Projekt lassen sich vier Aspekte im Hinblick auf die Erforschung digitaler Kulturen ableiten. Sie beziehen sich (1) auf für sie spezifische Weisen und Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens. Aus diesen leiten sich (2) Formen der Kritik in digitalen Kulturen ab. Aus dem Zusammenspiel der hier vorgestellten „Basistexte“ mit den praktischen, erlebten Erfahrungen lassen sich (3) andere Beschreibungen für digitale Kulturen ableiten als die Fokussierung auf Ding-Diskurse, Techno-Ökologien und Anthropomedialität. Schließlich lassen sich (4) aus der „Praxis der Kritik“ im Sinne der Eulenspiegelnden Verkörperung von Theorie andere Kulturen denken, entwickeln und erproben.

(1) Weisen und Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens

Die Ausstellung und die Performances zeitigten einen erstaunlichen Effekt. Mit der Eulenspiegelei entstand eine regelrechte Parallelwelt der Handlungsagenturen von Dingen und Menschen. Die Performenden agierten zudem derart überzeugend, dass die Besucher_innen von der Logik dieser Welt verführt wurden. Dies zeigt sich etwa daran, dass auch sie ungeplant und ungefragt in die Welt der Dinge einstiegen. So erzählte die Medienwissenschaftlerin Manuela Klaut (Just in Case. Festival der nacherzählten Films) während ihres Besuches der Ausstellung Geschichten von ihrer Kaffeemaschine. Diese vereinsame in ihrer Wohnung. Vermutlich seien die schlechteren Ausführungen der Herstellung von Milchschaum in der letzten Zeit auf diesen Zustand zurückzuführen. Deshalb wolle sie gerne die Angebote des BGG in Anspruch nehmen, damit die Kaffeemaschine wieder auf angemessene Weise unterhalten werde.

Auf Grund dieser Erfahrungen sollen das performende und praktische Testen von Theorien und Modellbildungen als Methoden der Forschung in digitalen Kulturen vorgeschlagen und stark gemacht werden. Zum einen gelang es mit diesem, die Konsequenzen der Diskurse zu erkunden und zu veranschaulichen. Zum anderen können, wie noch auszuführen sein wird, aus diesen Ergebnissen andere Beschreibungen digitaler Kulturen angestoßen und damit andere Empfehlungen für das Handeln in ihnen eingebracht werden.

Eine wichtige Rolle spielen bei diesem Forschen solche Methoden und Wirkungen, wie sie in Performances entwickelt werden bzw. in diesen entstehen und in den Performance Studies untersucht werden. Dies bezieht sich z. B. auf die Berücksichtigung von materiellen Aspekten, wie Dinge oder Körper, die nicht nur Handlungen konfigurieren, sondern auch Affekte und Begehren ins Spiel bringen. Deren Bedeutung z. B. für Theoriebildung kann gerade im Performen nachvollziehbar gemacht werden. Mehr Aufmerksamkeit für diese zu fordern heißt nicht, der Hypostasierung von Affekten und Relationen in den hier untersuchten Diskursen zu folgen. Es geht vielmehr darum, der Rolle sowie den Effekten des Materiellen und Affektiven als Bestandteile und Motoren von technologischen Umwelten Beachtung zu schenken. Sie können z. B. Entwicklungen hervorbringen, antreiben oder auch verhindern. Dies wird deutlich an der Sogwirkung der Performances. Es zeigt sich z. B., dass eine Lust am Spiel sowie eine Sehnsucht nach Unmittelbarkeit gegebenenfalls eine bislang noch nicht ausreichend berücksichtige Rolle in digitalen Kulturen spielen könnten. Es geht um Faszinationen, die den verkörperten Dingdiskursen und Techno-Ökologien innewohnen, die es zu verdeutlichen und mit Dringlichkeit zu untersuchen gilt.

(2) „Praxis der Kritik“ in digitalen Kulturen, mit Irit Rogoff

Die reflexive Ebene sowie die Standorte der Kritik stellten sich im Projekt „Versehrte Dinge“ auf Seiten der Ausstellungsmacher_innen wie der Besucher_innen im Verkörpern und Erleben der theoretischen Visionen und Diskurse ein. Das heißt, im Handeln wurde Theorie reflektierbar, so dass Standorte der Kritik in der „künstlichen Welt“ und aus dem Verhalten in ihr heraus entstanden. Durch die Verkörperung der Theorien wurde in der Ausstellung mithin zum einen Kritik aus ästhetischer Erfahrung und zum anderen eine ästhetische Erfahrung von Kritik möglich.

Diese Praxis der Kritik antwortet zugleich auf die Konstitution von Wissen und Wissenschaft in digitalen Kulturen, die, wie ausgeführt, mit auf Dauer gestellter Selbst-/Reflexion sowie mit der Gleichzeitigkeit von ontologisierenden Neu-Beschreibungen und kritischer Analyse konfrontiert sind. Zudem konstituieren sich digitalen Kulturen durch ubiquitäre Infrastrukturen, mit denen nicht mehr zu entfliehenden technologische Umwelten entstehen. Damit ergibt sich, dass Kritik nicht mehr das „Außen“ mehr findet, das für sie bis dato als notwendig angesehen wurde. Statt auf das Heraustreten wurde im Projekt nun auf ein Hereintreten gesetzt, mit dem es möglich wird, einen Standort von Kritik im Innen zu finden. Dieses Innen bezieht sich nicht auf die Position eines Subjektes. Ob der Über-Identifikation, mit der Dinge und menschliche Agierende fremd werden, entsteht vielmehr ein „Innen als Außen“ sowie ein „Außen als Innen“. In dieser Konfiguration geht es um Kritik in und aus der Verwobenheit mit dem Umgebenden.

Diese Kritik als Praxis, Verkörperung und ästhetische Erfahrung geht da über tradierte Formen der Kritik weit hinaus, wo sie Hegemonien und Sicherheiten von Grenzziehungen und Standpunkten aufgibt. An deren Stelle treten Materialitäten, Performances und Unabsehbares. Um diese Konstitution zu präzisieren, sollen die Theorien der Kritik von Irit Rogoff herangezogen werden. Denn die beschriebene „Praxis der Kritik“ in digitalen Kulturen kann sich insofern an ihren Überlegungen orientieren, als es in beiden Modellen kein Außen gibt. Während dies in digitalen Kulturen u. a. für ein ökonomisches Reglement steht, in dem möglichst alle Regungen und Handlungen erfasst werden sollen, geht es Irit Rogoff um einen systematischen Zugriff auf die Konstitution von Kritik. Das heißt, sie reflektiert die Bedingungen von Kritik in digitalen Kulturen nicht, lässt sich aber auf Grund struktureller Äquivalenzen auf diese anwenden. Aus der Abwesenheit von Positionierungen in einem Außerhalb wird bei Rogoff eine Form von Kritik als Verkörperung (Embodiment) (Irit Rogoff, ‘Smuggling’ – An Embodied Criticality, 2006) konzipiert.

Irit Rogoff wendet sich zunächst vehement gegen jegliche Krittelei, die dabei stehen bliebe, Unsichtbares sichtbar zu machen, Ein- und Ausgrenzungen anzuprangern oder Ungerechtigkeiten zu brandmarken. Statt dieser Attitüden geht es ihr um eine andere Bewohnung (inhabitation) (Irit Rogoff, ‘Smuggling’ – An Embodied Crticality, 2006) von Situationen, mit der sich aus dem Verwobensein Verschiebungen und nicht nur Beurteilungen ergeben können. Für die „Verkörperung von Kritik“ gilt es also zunächst, sich von einer bewertenden Kritik zu verabschieden, wie dies auch schon Michel Foucault mit dem Aussetzen von Urteilen (Vgl. Florian Sprenger, „Die Kontingenz des Gegebenen. Zur Zeit der Datenkritik“, in: Mediale Kontrolle unter Beobachtung. 3/1, 2014, PDF) gefordert hatte. Wertende Kritik muss als ein eigener Diskurs und eine eigene Politik gesehen werden, da sie Deutungshoheit beansprucht, die sich aus einem hegemonial behaupteten Außen ergibt. Irit Rogoff formuliert:

„Die ‚Kritik’ in ihrer tausendfachen Komplexität, erlaubte uns, die überzeugende Logik und die Operationen solcher Wahrheitsansprüche zu enthüllen, aufzudecken und sie kritisch zu überprüfen. Dennoch erhielt die Kritik, trotz ihres mächtigen Apparats und ihres großen und fortdauernden Wertes, ein gewisses äußerliches Bescheidwissen aufrecht, eine gewisse Fähigkeit, außen nach innen zu sehen, und das, was anscheinend innerhalb der Falten des strukturierten Wissens verborgen lag, zu entwirren und zu enthüllen und aufzudecken.“

Irit Rogoff, Vom Kritizismus über die Kritik zur Kritikalität, Webjournal eipcp – European Institute for Progressive Cultural Policies, 2003 – eipcp.net

Kritik krankt mithin daran, dass sie traditionell mit der überheblichen Position unabhängig Beobachtender belegt ist, die über Deutungshoheit verfügen. An die Stelle dieser Form der Kritik setzt Irit Rogoff „Kritikalität“, die sie beschreibt:

„Selbstverständlich ist ‚Kritikalität’ durch die Arbeiten Deleuze, Nancy und Agamben beeinflusst, durch ihre Dekonstruktion der Dichotomien Innen und Außen, durch eine Vielzahl sich entfaltender Kategorien, wie der Rhizomatik, der Falten, der Singularitäten, usw., die solche Binaritäten zusammenbrechen lassen und sie durch ein komplexes multiples Einander-Innewohnen ersetzen, und daher für mich mit Risiko verbunden sind, mit einer kulturellen Besetzung, die performativ das, was sie riskiert, anerkennt, ohne schon in der Lage zu sein, es voll zu artikulieren.“

Irit Rogoff, Vom Kritizismus über die Kritik zur Kritikalität, Webjournal eipcp – European Institute for Progressive Cultural Policies, 2003 – eipcp.net

Für eine Form der Kritik in digitalen Kulturen wäre nun wie folgt zu argumentieren. Ausgangspunkt ist, dass man nicht außerhalb der Situationen stehen kann, die man kritisiert. In digitalen Kulturen ergibt sich dies aus der Verwobenheit von Methoden, Technologie und In-der-Welt-Sein, in der wenig jenseits des Digitalen existiert. Dem Digitalen vergleichbar beschreibt auch Rogoff ein neues Verständnis von Kritik ohne Außen:

„In der Kritikalität haben wir diese doppelte Besetzung, in der wir sowohl vollständig mit dem Wissen der Kritik ausgerüstet und fähig zur Analyse sind, während wir zur selben Zeit die Bedingungen selbst teilen und leben, die wir durchschauen können. Insofern leben wir eine Dualität aus, die gleichzeitig sowohl einen analytischen Modus erfordert und eine Nachfrage nach der Produktion neuer Subjektivitäten, die anerkennen, dass wir das sind, was Hannah Arendt fellow sufferers nannte, jene, die gemeinsam unter denselben Bedingungen leiden, die sie kritisch untersuchen.“

Irit Rogoff, Vom Kritizismus über die Kritik zur Kritikalität, Webjournal eipcp – European Institute for Progressive Cultural Policies, 2003 – eipcp.net

Nach Rogoff geht es mithin um eine: “inhabitation of a condition in which we are deeply embedded as well as being critically conscious. (Irit Rogoff, ‘Smuggling’ – An Embodied Crticality, 2006, S. 5 – eipcp.net). Für Rogoff sind ausgehend von dieser Lage Wissen, Denken und Handeln nicht zu trennen, wenn sie weiter ausführt: “So it would seem that criticality is in itself a mode of embodiment, a state from which one cannot exit or gain a critical distance but which rather marries our knowledge and our experience in ways that are not complimentary.” (Irit Rogoff, ‘Smuggling’ – An Embodied Crticality, 2006, S. 2 eipcp.net). Rogoff fasst die Ziele dieser Kritik zusammen:

[…] the point of any form of critical, theoretical activity was never resolution but rather heightened awareness and the point of criticality is not to find an answer but rather to access a different mode of inhabitation. […] In the duration of this activity, in the actual inhabitation, a shift might occur that we generate through the modalities of that occupation rather than through a judgement upon it. That is what I am trying to intimate by ‘embodied criticality’.”

Irit Rogoff, ‘Smuggling’ – An Embodied Crticality, 2006, S. 2 – eipcp.net

Rogoff schlägt zwei Methoden vor, wie eine Um-/Ordnung erreicht werden kann. Es geht zunächst um die Methode des „Smuggling“:

In effect, smuggling produces subjects and objects and practices that exist in the realm of the ‘untaxable’. […] The ‘untaxable’ is a mode of eluding existing categories and being unable to operate with them and as such it is not a resistance but an embodied criticality. In its array of partial splits and internal incoherences, the ‘untaxable’ of smuggling provides the inhabitation of a category of refusal.”

Irit Rogoff, ‘Smuggling’ – An Embodied Crticality, 2006, S. 5 – eipcp.net

Mit dem Schmuggeln ist also eine Art Infiltration in etablierte und legitimierte Ordnungen gemeint. Es bewegt sich an Grenzen entlang und durchbricht sie an porösen Stellen. Schmuggeln kommt zudem in einen Austausch mit bestehenden Warenordnungen, erweitert und verunsichert diese, stellt sie in Frage. Geschmuggeltes erscheint und verschwindet. Es reiht sich ein und kann doch nur partiell sein und bleiben. Schmuggeln zielt nicht auf Widerstand oder Zerstörung, sondern auf eine andere Ordnung in einer bestehenden sowie an deren Grenzen. In dieser Konstitution ist Schmuggeln gleichsam ein Teil der bestehenden Gesetze und Ordnungen und zugleich deren Reflexionsfolie.

Zum Schmuggeln gesellt sich das “looking away”, zu dem Irit Rogoff schreibt:

“I have called ‘looking away’ of diverting attention from all that culturedemands we pay attention to. […] In the process we produce for ourselves an alternative mode of taking part in culture in which we affect a creative bricolage of art works and spaces, and modalities of attention and subjectivities, that break down the dichotomies of objects and viewers and allow for a dynamic manifestation of the lived cultural moment.”

Irit Rogoff, “Looking Away: Participations in Visual Culture”, in: Gavin Butt (Hg.), After Criticism: New Responses to Art and Performance, Oxford: Blackwell Publishing 2005, S. 117–134, hier S. 133, PDF

Das „Wegschauen“ wendet sich, so Nora Sternfeld (Nora Sternfeld,  Um die Spielregeln spielen! Partizipation im post-repräsentativen Museum. In: Susanne Gesser et al. (Hg.): Das partizipative Museum: Zwischen Teilhabe und User Generated Content. Neue Anforderungen an kulturhistorische Ausstellungen. Bielefeld 2012, S. 119–126, academia.edu), gegen das „genaue Hinsehen“, das mit der Idee verbunden ist, man könne vorab gegebene Bedeutungen erkennen. Beim Wegschauen kämen dagegen Ungewöhnliches und unerwartete Ereignisse zustande und Sinngebung wäre vakant und fluide. Mit dem Wegschauen geht es dabei vor allem um eine Weise der Partizipation in Kulturen, so Sternfeld, die aufs Engste mit der Verteilung von Repräsentation und Deutungshoheiten zusammenhänge (Ebda.). Denn Partizipation hängt mit der Frage zusammen, wer wen ein- und ausschließen kann und wer wen wie benennen kann. Irit Rogoff schlägt vor, einen „post-identitären Wir-Begriff“ (Sternfeld 2012, S. 124) zu entwickeln, mit dem an die Stelle der Zuweisungen und Repräsentationen „eine kollektive Praxis des öffentlichen Sprechens und Handelns“ (Sternberg 2012, S. 124) rückt. Bei aller optimistischen Emphase, die solchen Konzepten innewohnt, ist hier von Interesse, das die „Praxis der Kritik“ drei Effekte aufweist: Sie macht (a) aufmerksam, sie ermöglicht (b) andere Denkräume und sie erlaubt (c) Wissensproduktion. Beide Methoden ermöglichen es mithin, Situationen und Relationen beweglich zu halten. Es geht nicht darum, Antworten zu finden, sondern anderes zu probieren.

Die theoretischen Überlegungen von Irit Rogoff sowie die von ihr vorgeschlagenen Methoden ähneln den hier vorgeschlagenen Theorien und Methodologien für digitale Kulturen. In deren Zentrum steht eine Situation, in der ein Außen sowie kritische Distanz entfallen. Damit wird die Verwobenheit, oder Inhabitation (Rogoff), zum Status quo, aus dem kritisches Denken und Reflektieren aus dem Erleben entsteht. Ähnlich wie in der Analyse digitaler Kulturen hier vorgeschlagen, in denen affirmative Neu-Beschreibung und kritische Analyse in Gleichzeitigkeit bestehen, spricht auch Rogoff von einer Dualität, die sich aus der Analyse einer Situation bei deren gleichzeitigem Erleben konstituiert. Entscheidend an den Überlegungen von Rogoff ist nun, dass sie aus der geschilderten „Lage“ eine kohärente Theorie von Kritik entwickelt. Aus dem Er- und Ausleben der Dualität entsteht die Möglichkeit, Blickregime, Dichotomien und Verhaltensweisen performend, handelnd, im Tun zu erkennen und zugleich aufzulösen und dabei, und das ist entscheidend, andere Möglichkeiten zu entdecken. Das heißt, es entsteht eine Form der „Kritik des Be-In und der Dualität“, in der es im Performen von konkreten Situationen zu wechselseitigen Beeinflussungen der Beteiligten sowie zur Auflösung von Grenzziehungen kommt. Während im „Dispositiv des Technosphärischen“, das auch von einem Be-In ausgeht, dieses zugleich einer Politik der (imaginären) totalen Kontrolle sowie der unbegrenzten Formbarkeit entsprach, wird das Be-In bei Irit Rogoff erst zur Möglichkeit von Kritik. Indem diese das nicht existierende Außen anerkennt, kann sie die Potenziale dieses Status quo entfalten. Es kommt nicht zu einer Ontologie der Techno-Ökologien, sondern zu einer Methodologie der verkörpernden Kritik sowie der performativen Verschiebungen des Sagbaren, Sichtbaren und Gedeuteten. Kritik wird aus dem Erleben, Tun, Handeln sowie aus dem Über- und Neudenken aus diesem Erfahren möglich. Diese „Praxis der Kritik“ wird als Form der Kritik sowie als theoretischer Beitrag zu Kritik in digitalen Kulturen verstanden.

(3) Andere Beschreibungen

Aus der Eulenspiegelnden Kritik lassen sind andere Beschreibungen und Analysen digitaler Kulturen ableiten als die derzeit „gehypten“ Ding-Diskurse und Techno-Ökologien oder die Ansätze aus dem „New Materialism“ (Vgl. exemplarisch Karen Barad, „Posthumanist Performativity: Toward an Understanding of How Matter Comes to Matter”, in: Signs: Journal of Women in Culture and Society, Vol. 28, Nr. 3, 2003, PDF). Die Bedeutung, die eine Ding- und Affekt-Geschichte digitaler Kulturen haben könnte, wurde schon skizziert. Sie ordnet sich ein in eine „Faszinationsgeschichte digitaler Kulturen“, die auf unterschiedlichen, miteinander verwobenen Ebenen wirksam wird. Sie besteht z. B. aus (a) Effekten und Situationen, von denen Nutzer_innen fasziniert werden, wie Rhythmen, Resonanzen, Ansprache. Hier scheint es um das Spiel mit Kontrolle und Kontrollverlust zu gehen, in dem am Ende des Tages für menschliche Agierende Settings einer nur halluzinierten kleinen Kontrolle herauskommen. Hinzu gesellt sich (b) ein Begehren nach Unmittelbarkeit, so zumindest könnten die Affektdiskurse gelesen werden. Das Liebäugeln mit Verschmelzungen mit dem Tierischen, dem Vorbewussten oder einer vitalistischen Liebe (Vgl. den Film „Wild“, 2016, Regie: Nicolette Krebitz) sowie mit einem Regime der Algorithmen, die sich nicht für „mich“ interessieren, sind dann als Symptome einer Suche nach Einheit in digitalen Kulturen zu entziffern. Schließlich zeigt sich (c) die Faszination im Verdecken von technischen Grundlagen, die geradezu einen Suchtcharakter zu haben scheint.

Mit letzteren kommt man zu Technikgeschichten, die in den Analysen zum „Internet der Dinge“ (PDF) von Christoph Engemann und Florian Sprenger so äußerst deutlich und präzise herausgearbeitet wurden. Statt um Vernetzung, Kommunikation und Partizipation mit Dingen und technischen Umwelten geht es um Adressierungen, Verfolgungen und das algorithmische Erfassen von Daten. An die Stelle von Unmittelbarkeit und totaler Ubiquität in den vernetzten Systemen treten Übersetzungen sowie Taktungen, die vor allem Unterbrechungen, Störungen und Löcher in der Vermittlung und Erfassung der Umwelt produzieren.

Fazit aus diesen Überlegungen ist, dass die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit und Selbst-Auflösung sowie nach Spüren und Be-In erkannt, verstanden und auf andere Weise aufgenommen und behandelt werden sollten, denn durch das Dispositiv des Technosphärischen. Sie erklären, wieso so viel in Medien gemacht wird. Die problematischen Seiten digitaler Kulturen sind aus deren technikgeschichtlicher Rekonstruktion bekannt. Die Verführungen der neuen schwachen Ontologien scheinen stärker. Dieses Missverhältnis kann wohl erst dann behoben werden, wenn die Mechanismen der Bindungen an Medien und Infrastrukturen erkannt und untersucht werden. Sie zu erkennen, ist der erste Schritt, sie zu lösen.

(4) Andere Welten. Kulturen bilden

Geisteswissenschaft gilt bisher als rein theoretische Forschung, die sich nicht praktisch einmischt. Aus dem Projekt mit den „Versehrten Dingen“ lässt sich nun allerdings ableiten, dass sich im praktischen Forschen Erkenntnis sowie zudem Handlungsräume und -optionen bilden können. Ausgehend von den gewonnenen, zu den Diskursen des Technosphärischen sich kritisch positionierenden Einsichten in die Konstitution digitaler Kulturen, soll es nun darum gehen, Gestaltungsweisen digitaler Kulturen abzuleiten. Es geht also nicht nur um ein Experimentierfeld von Kritik, sondern auch um das Ausbuchstabieren anderer Ordnungen.

Was im Projekt zu den „Versehrten Dingen“ als Testung für aktuelle Diskurse zur Konstitution digitaler Kulturen erprobt wurde, soll hier nun abschließend mit der Denk- und Handlungsrichtung der „Kulturen des Kuratierens“ nach Irit Rogoff oder Nora Sternfeld weitergedacht werden (Vgl. zu deren kritischer Revision: Timon Beyes, Inkorporationskunst: Krise und Kuratoriat, 2013, whtsnxt.net). Es geht vor allem darum, eine andere Weise zu ermöglichen, Welt zu sehen und über diese Verlagerungen und Verschiebungen andere Ordnungen von Welt als die etablierten, hegemonialen zu denken und umzusetzen. Die im Kapitel zur Kritik in digitalen Kulturen skizzierten Methoden entpuppen sich nun als Gestaltungsoptionen. So schreibt u. a. Nora Sternfeld im manifestartigen Statement zu trafo-k, einem Büro „an der Schnittstelle von Bildung und kritischer Wissensproduktion“ (Ebda.):

„In unseren Projekten stellen wir Selbstverständlichkeiten in Frage und intervenieren – manchmal mit unerwarteten Strategien­ – in bestehende Verhältnisse. Es geht uns darum, mediale und institutionelle Strukturen offen zu legen sowie Öffentlichkeiten für alternative Geschichten und Bilder herzustellen. Dabei interessiert uns, was geschehen kann, wenn unterschiedliche Wissensformen, künstlerische Strategien und gesellschaftsrelevante Themen zusammen kommen. In unseren Projekten lassen wir uns auf kollektive, emanzipatorische Prozesse ein, bei denen unterschiedliche Perspektiven aufeinander treffen und neue Handlungsräume entstehen.“

trafo-k.at

Entscheidend ist an dieser Stelle, dass im „alternativen“ Bilden von Kulturen diskursanalytische Kritik und Re-Organisation in eins fallen. Nötig ist dazu, was Nora Sternberg „Verlernen“ (Nora Sternfeld, Verlernen vermitteln, 2014, PDF) nennt, das mit einem „Lernen des Verlernens“ (Sternfeld, ebda.) einhergeht. Denn Gelerntes kann nicht einfach vergessen werden, da es tief in Körper und Verhalten eingelagert ist. Es muss vielmehr nach Sternberg zu einer Manifestierung der unterworfenen Wissensarten kommen, wenn sie schreibt:

„So besteht das aktive Verlernen von Rassismus, Sexismus und anderen mächtigen epistemischen Unterscheidungen nicht nur darin, sich diese vor Augen zu führen und ihre binären Logiken sichtbar zu machen, vielmehr ließe es sich wohl mit den Worten Foucaults als ‚Aufstand der unterworfenen Wissensarten’ beschreiben (Foucault, 1999, S. 15). Damit meinte er jene epistemischen Kämpfe, die sich mit dem Kanon anlegen und seine gewaltsamen Ausschlüsse insofern sichtbar machen, als sie ihn erweitern und vor allem verschieben.“

Nora Sternfeld, Verlernen vermitteln, 2014, hier S. 15, PDF

Wenn nun Wissen, Machtverhältnisse oder soziale Ordnungen verkörpert werden, dann sind umgekehrt gerade Performances eine wichtige Tätigkeit und Methode im Rahmen des Verlernens. Denn erst in der bewussten Wieder-Aneignung und Wiederholung, die performend vollzogen werden müssen, kann es zu einer Veränderung im Sinne der Verschiebung dessen kommen, was sagbar, sichtbar und deutbar ist. Nora Sternberg fordert, dass dabei ein „Raum des Dissens“ (Nora Sternfeld, Verlernen vermitteln, 2014, hier S. 10, PDF) zu entstehen habe, mit dem verhindert werden soll, dass neue, hermetische Ordnungen etabliert werden. So könnten z. B. andere Migrationsgeschichten erzählt werden, in denen bestehende Grenzen und nationale Verteilungen aus einer anderen Sicht dargestellt werden. Werden diese Geschichten mit der Analyse der Regierungsweisen sowie der machtpolitischen und ökonomischen Interessen von dominanten Migrationsdiskursen verbunden, so könnten auch andere Geopolitiken entstehen, die andere Machtverhältnisse denkbar machen.

Diese Formen und Methoden der produktiven Kritik sollen abschließend im Konzept des „Kulturen bilden“ zusammengefasst werden. Dieses wird als Beitrag zu Kritik in den hier skizzierten, spezifischen techno-logischen Bedingungen digitaler Kulturen vorgeschlagen. Damit ist gemeint, dass man (a) eigene, künstliche, z. B. übertriebene, seltsame und befremdende Kulturen erzeugt, performt und zugänglich macht. Diese Kultur-Bildungen (b) „bilden“ bestehende Kulturen im Sinne von deren Aufklärung, indem sie ihnen einen Spiegel vorhalten. Aus dieser doppelten Bildung, entstehen (c) in einem kleinen Rahmen, d. h. lokal, temporär, fallspezifisch Verschiebungen des Sicht- und Sagbaren. Aus diesen wiederum könnten andere Geschichten und kollektive Handlungsräume der Selbstermächtigung auftauchen. Gemeint ist die Erzeugung von Kunst- und Parallel-Welten, in denen fremde Wesen leben oder unbekannte technische Strukturen operieren. Diese folgen einer eigenen Logik, mit der sie dominierende Kulturen dauerhaft infiltrieren. Diese Parallelwelten würden also einerseits bestehende Kulturen in der eulenspiegelnden Über-Affirmation in ihrer Kontra-Faktizität bloßstellen; etwa die Idee, es könnte reine nationale Kulturen geben. Sie würden andererseits als Künstliche Welten z. B. technische Möglichkeiten oder Lebensformen auf ihre Potenziale hin befragen und erproben. Da es den Menschen und die Natur nicht gibt, kann z. B. durchaus erwogen werden, welche Vorteile Reproduktionsmedizin für andere kulturelle, ökonomische oder ethische Modelle jenseits von Familie oder Ethnie haben könnte. Als Beispiel für diese konstruktiven und generischen Eulenspiegeleien kann die Arbeit von Johannes Paul Raether gelten. Er erfindet und performt Fantasiewesen mit eigenen Lebensweisen und Stammbäumen, die immer wieder in kulturellen Kontexten auftauchen. So über-affirmiert z. B. Transformella moderne Reproduktionsmedizin (Vgl. Andreas Bernard, Kinder machen. Samenspender, Leihmütter, Künstliche Befruchtung – Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie, Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2014) und zeigt darin deren gnadenlose kapitalistische Vermarktung. Sie lässt aber zugleich deutlich werden, dass mit der Technologisierung die Chance bestünde, einengende Familien-Muster und Zuschreibungen zu Ethnie, Geschlecht oder Mensch zu überwinden.

Entscheidend mag bei diesen Unternehmungen wohl sein, dass Haltungen und Privilegien, gewohnte Sichtweisen und Handlungsformen als Begrenzungen angesehen werden. Und schließlich werden die anderen Geschichten temporär sein müssen, denn auch das „Kulturen bilden“ wird eigene Regierungsweisen und Machtverteilungen hervorbringen, die immer wieder über- und umgedacht werden müssen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.