Zur Lage. Dispositiv des Technosphärischen

— Martina Leeker, November 2016

Wir befinden uns in einer diffizilen und brisanten Lage. Digitale Kulturen lassen sich nämlich nicht mehr mit den bis dato vor allem von der Medienwissenschaft entwickelten Theorieansätzen und Methoden untersuchen. Dazu gehörten z. B. das Diktum eines technischen Apriori, nach dem allein Medien unsere Lage bestimmen, sowie die Untersuchung von Einzelmedien. Die letztgenannte Sichtweise ist nicht mehr haltbar, da statt Medien global verteilte und oft nicht sichtbare Infrastrukturen (etwa: Internet, Clouds, Server) sowie deren algorithmische Steuerungen eine entscheidende Rolle spielen. In diese sind Medien oder nunmehr sogenannte Endgeräte zwar eingelassen. Sie spielen allerdings nicht primär als solche, sondern vor allem als Knotenpunkte in vernetzten Systemen eine Rolle. (Es wäre gleichwohl, so sei angemerkt, nicht ratsam, Medien gänzlich zu verabschieden oder zu negieren, wie dies im aktuellen Diskurs (Vgl. exemplarisch) teilweise geschieht. Denn sie sind weiterhin existent und beeinflussen z. B. durch ihre technologische und designerische Konstitution Verhaltensweisen und ermöglichen Weltordnungen. Zu denken wäre etwa an die wischende Gestualität von Smartphones und die mit ihnen halluzinierte Omnipräsenz. Dass die Bedeutung von Medien heruntergespielt wird, ist wohl eher als ein Symptom innerhalb der hier beschriebenen technologischen Umstellungen und daraus resultierenden diskursiven Neu-Beschreibungen digitaler Kulturen zu sehen. Denn nur wenn Medien ausgeblendet werden, kann die Denkfigur einer infrastrukturellen Umwelt richtig greifen.) Statt des technischen Apriori ist zweitens, so der aktuelle Stand der Forschung, ein komplexes Wechselspiel zwischen Technik und kulturellen Lebensformen für die „Lage“ verantwortlich. Medienwissenschaft ist entsprechend auch schon dabei, sich in eine medienwissenschaftlich informierte Kulturwissenschaft zu verabschieden, was damit einhergeht, jegliches Apriori – sei es sozial, technisch oder kulturell ausgerichtet – zugunsten des Zusammenspiels aufzugeben.

Ausgangspunkt der prekären Lage sind technologische Entwicklungen und epistemologische Bedingungen, die mit der Kybernetik in den 1950er Jahren einsetzten und die je anders erzählt (Robert Feustel, Eine andere Ordnung der Dinge? Foucault, Baudrillard und die Kybernetik, in: Foucault-Blog (Universität Zürich), Oktober 2015) werden können. Entscheidend für die aktuelle Lage ist, dass im kybernetischen Diskurs z. B. Mensch und Technik, Natur und Kultur oder soziale und künstlerische Prozesse gleichermaßen in informationsverarbeitende Operationen überführt wurden. Damit war eine besondere, in Sprache und Bewusstsein begründete Stellung des Menschen nicht mehr haltbar. In diesem epistemologischen Kontext wurde Sprache mit der Sprechaktheorie von Austin (John L. Austin, How to Do Things with Words, Cambridge MA: Harvard University Press 1962, PDF) zudem auf das Ausführen von Handlungen im Sinne von operativen Vollzügen gebracht und die Beschäftigung mit Bewusstsein zum Studium des beobachtbaren Verhaltens von Input- und Output-Ereignissen im Ist-und-Soll-Abgleich. Die bis dahin gültige Sicht auf einen instrumentellen Gebrauch von Technik schließlich wurde durch deren Umordnung zur Selbstorganisation unterlaufen. Die unterschiedlichen Agierenden wurden dabei ob ihrer informatischen und dichotome Unterscheidungen unterlaufenden Konstitution in den 1960er Jahren in großen technischen Systemen für gemeinsame Operationen zusammengeführt. Diese Systeme können als die Vorläufer der oben erwähnten, mit smarten Dingen durchsetzten, zeitgenössischen technischen Infrastrukturen (u. a. Internet der Dinge) gelten, die als technologische Umwelten entworfen werden, aus denen es kein Entkommen gibt.

Vor dem Hintergrund dieser technikgeschichtlichen und techno-epistemologischen Umstellungen driften aktuelle medien- und kulturwissenschaftliche Diskurse und künstlerische Praktiken, technologische Entwicklungen sowie z. B. Forschungen im Bereich der Neurowissenschaften und der synthetischen Biologie zu einem, wie es hier interpretiert werden soll, „Dispositiv des Technosphärischen“ zusammen. In diesem verbinden sich Diskurse, Wissenschaft, Praktiken, Institutionen und Politiken zu einer techno-affektiven Umwelt, in die menschliche Agierende in einem techno-ökologischen Sinne eingelassen sind und folglich sozio-technologisch denken, fühlen, handeln und behandelt werden. Das „Technosphärische“ konstituiert sich mithin aus einem Zusammenspiel von technologischer Selbstorganisation und dem Umwelt-Werden von Technik mit einer Entmachtung des Menschen. Diskurse zur Auflösung des auf sich gestellten Anthropologischen in Tierisches, Materielles, Affektives und Nicht-Bewusstes verbinden sich dabei kongenial mit Theorien zu einer vor-bewussten, techno-affektiven Partizipation (Jussi Parikka, Whitehead into media theory, in: Machinology, Machines, noise, and some media archaeology, 8.2.2011, Vgl. auch: Mark B. N. Hansen, „Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung“, in: Erich Hörl (Hg.): Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Frankfurt/M. 2011, S. 365–409) an technologischen Umwelten. Folgerichtig sollen sich menschliche Agierende und technische Dinge in symmetrischen Handlungsagenturen befinden.

Der entscheidende Schritt im technosphärischen Dispositiv ist nun, dass Technologie, Mensch und Existenz auf einer weitaus tiefer liegenden Ebene verquickt werden und dabei unwiderruflich eine neue Konstitution und Position für menschliche Agierende entwickelt wird. Exemplarisch dafür ist z. B. eine Neu-Beschreibung von Algorithmen, wie sie Luciana Parisi (Luciana Parisi, Erich Hörl: „Was heißt Medienästhetik? Ein Gespräch über algorithmische Ästhetik, automatisches Denken und die postkybernetische Logik der Komputation“, in: Medienästhetik (Hg. Erich Hörl, Mark B. N. Hansen), Zeitschrift für Medienwissenschaft (ZfM) 8, 2013) vornimmt. Die Auseinandersetzung mit Algorithmen ist für die Bestimmung und Untersuchung des Dispositivs des Technosphärischen von besonderem Interesse, da sie die Techno-Umwelten unbemerkt steuern, die mit ihnen entstehenden gouvernementalen Effekte und Affekte (Vgl. zur „Algorithmischen Gouvernementalität“ richtungsweisend: Antoinette Rouvrouy) aber gerade im Dispositiv verdeckt werden. Sie sind zudem Grundlage dafür, das Maschinische als Agens zu denken und mit ihm zu kooperieren. Der entscheidende Schritt im Technosphärischen ist nämlich, Algorithmen selbst als gleichsam lebendige Operatoren und Partner neu zu entwerfen und damit tradierte Vorstellung von Mensch und Technik abzulösen. Algorithmen sieht Parisi entsprechend nicht länger als Operatoren einer Abarbeitung von festgelegten Handlungsvorschriften zur Problemlösung an, sondern vielmehr als eine maschinische Form des Empfindens sowie des automatischen Denkens. Algorithmen werden damit nicht nur als Teil einer kybernetisierten Umwelt zu einer gigantischen Erfassungsmaschine (Parisi) für Affekte. Sie überschreiten zudem eine nur symbolische Welterzeugung und werden generisch. Über technische Chips z. B. operieren Algorithmen nämlich laut Parisi im Realen und schaffen in der Immanenz eine neue, techno-ökologische Evolution. Ob der Schichtungen von Algorithmen sowie auf Grund ihrer Selbstorganisation würden sie zu einer eigentätigen Matrix von Emergenz, Neuheit und Unberechenbarkeit, deren evolutionäre Ereignisse und Ergebnisse irreversibel sind. Die algorithmischen Umwelten oder auch die Softwareisierung (softwarization, Parisi) des Lebens bedeuten mithin ein Sein in Unberechenbarkeit und Techno-Evolution. Effekt dieser Entwürfe von Parisi ist, so wäre zu folgern, eine Symbiose von Materiellem und Code, die sich z. B. gentechnisch oder bio-synthetisch im Handlungsmodus des Designens und Re-Designens sowie des Testens und Reparierens (Orit Halpern, Jesse LeCavalier and Nerea Calvillo, “Test-Bed Urbanism,” in: Public Culture, März 2013. PDF) vereinen. Was Natur oder Kultur als klar umrissene Entitäten waren, wird nun zu einem Experimentierfeld in einem Environment algorithmisch gesteuerter und kontrollierter Modifikation und Transformation. Der Horizont des technosphärischen Dispositivs ist dann auch der Übergang vom Anthropozän zum Post-Anthropozän (Benjamin H. Bratton, Some Trace Effects of the Post-Anthropocene: On Accelerationist Geopolitical Aesthetics, in: e-flux 2013), d h. zu einer Welt, die nicht mehr nur „more than human“ ist, (Erin Manning, Always More Than One, Durham NC: Duke University 2013) im Sinne eines Seins im Relationalen. Es geht vielmehr um eine Denkfigur, so nach Bratton, in der Mensch als Ahne synthetischer Lebewesen und geschichteter, selbstorganisierter Infrastrukturen gedacht wird. Es stellt sich irgendwie das Gefühl einer kaum fassbaren „Leichtigkeit des Seins“ ein.

Diese neuen, sogenannten schwachen Ontologien sind mithin äußerst faszinierend. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sie das Versprechen mit sich führen, Menschen eine Position sowie neue Formen von Handlungsmöglichkeiten im sie jenseits von Wissen, Denken und Bewusstsein umfänglich erfassenden „Sensing“ und transformierenden Technosphärischen zu geben. Diese neuen Handlungsformen, Positionierungen und Affizierungen werden zudem als eine Ethik der Einordnung in Geosphären gepriesen, mit der gegebenenfalls Krisen und Katastrophen bewältigt werden können, die auf das Konto menschlicher Hybris gehen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.