Spagat zwischen nötigen Neu-Beschreibungen und Politiken

— Martina Leeker, November 2016

Problematisch an dieser Faszinationsgeschichte ist allerdings, dass die neuen Ontologien zugleich Politiken in sich tragen, die es zu erkennen und zu reflektieren gilt. So hat z. B. das Interesse am Affektiven und Materiellen auch damit zu tun, dass mit dem Fokus auf dieses mehr Dimensionen menschlicher Agierender erfasst und formalisiert werden können, um einerseits in eine Datenökonomie überführt und andererseits zum Zwecke der Regulierung eingesetzt zu werden. Ein Beispiel dafür ist das „S-1 Speculative Sensation Lab“ von Mark B. Hansen. Die Mitarbeiter_innen beschreiben das Lab:

“Our collaborative work uses biometric and environmental sensing technologies to expand our access to sensory experience beyond the five senses. Our work is informed by the premise that digital technologies have opened new vistas for accessing and conceptualizing our robust embodied contact with the sensory environments in which we live. Our projects aim to explore this enhanced contact and to make the sensory experience it involves more intense. […] assisted by the array of biometric sensing devices that can report on the states of such bodily functions as heartrate, galvanic skin response, eye movement, and brain wave activity, we can gain indirect, technically-mediated insight into the bodily states […].

[…] By exploring the concrete agency of ‘worldly’ sensation beyond the five human senses and prior to the separation of body and world, we hope to better understand and to experiment with what we believe to be at issue in today’s (and tomorrow’s) ‘smart’ environments: the dispersal of subjectivity across scales and the shift in its locus from closed systems to complex, multi-tiered environmental processes.”

s-1lab.org

Was als neue Erkenntnis in die vorbewusste Weltverbundenheit des Körpers geradezu gefeiert wird, ist immer auch ökonomisch und kontrollierend einsetzbar.

Ein weiteres Beispiel für problematische Aspekte des Technosphärischen sind Ideen von einer „Plastizität“ des Menschen, wie sie in Parisis algorithmischen Visionen vorkommen oder in Charlotte Malabous (Jan Slaby, “The Brain is what we do with it. Review of C. Malabou ‘What should we do with our brain?'”, Journal of Consciousness Studies 17, 2010, S. 235–240, PDF) Arbeiten prominent werden. Diese lassen sich nicht mehr trennscharf von den neoliberalen Politiken der Selbstausbeutung flexibler Individuen unterscheiden. Denn im Fahrwasser des informationstechnisch grundierten Technosphärischen wird der „Mensch“ als reine Formbarkeit und Widerständigkeit eben auch zum Ort des Geformt-Werdens, trotz oder gerade wegen aller Widerständigkeit.

Die große Herausforderung besteht also darin, Neu-Beschreibungen zu erarbeiten, wie dies die Konstitution digitaler Kulturen durchaus erfordert, ohne dabei die Politiken und gouvernementalen Aspekte der Neu-Beschreibungen zu übersehen. In digitalen Kulturen ist, so die These, von einer unhintergehbaren Gleichzeitigkeit dieser beiden Vorgänge auszugehen, sodass ein unerlässlicher und unausgesetzter Spagat zwischen Beschreibungen und Reflexion nötig sein wird.

Bei diesem Unterfangen gilt es allerdings, nicht in tradierte Konzepte von „dem Menschen“ zurückzufallen, denn die Gewordenheit des Anthropologischen ist nicht zu unterlaufen. Ideen eines dem Techno-Sozialen vorgängigen Menschen sind zudem deshalb obsolet, weil sie Teil des Entwurfs des Anthropologischen unter den technischen und kulturellen Bedingungen der vernunftgläubigen Wissenschaften (Vgl. Florian Sprenger, Insensible and Inexplicable – On the two Meanings of Occult. In: Communication+1, 4, 2014) des 18./19.Jahrhunderts sind. Ausgangspunkt wäre eher eine „Anthropomedialität“, wie Christiane Voss sie einführt und beschreibt, auch wenn diese wiederum nur eine Weise der Erzeugung des Anthropologischen ist:

„Anthropomedialität beschreibt mit der Verschränkung von Mensch und Medien ein eigenständiges Drittes, das jeder Unterscheidung von Mensch und Medien als deren Ursprung vorausgeht. Damit wird sowohl das mediale als auch das anthropologische Apriori abgelöst, die in ihrer Frontstellung bisher diskursbestimmend waren.“

Kompetenzzentrum Medienanthropologie, KOMA, 2015, uni-weimar.de

Statt weiterhin definierbare Entitäten anzusteuern, gehe es um Konfigurationen, oder noch einmal mit Christiane Voss:

„Der leitende Begriff […] der Anthropomedialität, soll den vielfältigen und gleichermaßen irreduziblen Verschränkungen des Medialen und des Anthropologischen unter zwei übergeordneten Aspekten Rechnung tragen: dem ihrer wechselseitigen Verfertigung und dem ihrer reziproken Verschiebung.“

Kompetenzzentrum Medienanthropologie, KOMA, 2015, uni-weimar.de

Vor diesem Hintergrund ist es nun die Aufgabe, die Neu-Beschreibungen als Diskurse zu lesen und lesbar zu machen und dennoch deren Potenziale für ein Verstehen digitaler Kulturen sowie den Umgang mit ihnen herauszuschälen. Das heißt, es geht darum, die Lage digitaler Kulturen zu beschreiben, ohne die Beschreibungen von deren Symptomen als Nachweis eines substanziellen Soseins zu ontologisieren. Denn damit würde dem politischen und ökonomischen Nutzen der Theorien zugespielt, denen diese ja gerade ausweichen wollten. Dabei ist zu beachten, dass die Massierung der Neu-Beschreibungen im Relationalen auch auf eine Notlage hinweisen könnte, die nicht übergangen werden dürfte, sondern erkannt und mit Lösungsvorschlägen bedient werden müsste. These ist, dass es um eine Neu-Beschreibung des Menschen in Zeiten technologischer Selbstorganisation sowie um Theoriebildung im Kontext von nicht mehr gänzlich verstehbaren technologischen Umwelten geht. Wie also könnten die technologischen Affizierungen der Menschen durch smarte Objekte beschrieben werden, ohne der Affektindustrie zuzuarbeiten? Wie könnten die technologischen Umwelten z. B. beschrieben werden, ohne den Anspruch auf Totalität zu übersehen, den sie sowie die Diskurse der schwachen Ontologien mit sich führen?

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.