Trickster-Führungen

— Martina Leeker, November 2016

Die Eulenspiegeleien zu den Dingen und deren Datenrechten wurde während der Ausstellung unterstützt von Führungen der Studierenden. Sie agierten dabei, wie auch an ihren Stationen, als „Trickster“ (Gespräch mit Prof. Dr. Erhard Schüttpelz, Die Figur des Tricksters, 29.11. 2015). Diese Doppelwesen waren von Interesse, da sie nicht nur, so Erhard Schüttpelz, den Konsens unterbrechen, sondern vor allem widersprüchliche Deutungen hervorrufen und dabei die von den Trickstern Heimgesuchten auf die Probe stellen (Erhard Schüttpelz, „Der Trickster“, in: Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, (Hg.) Eva Eßlinger, Tobias Schlechtriemen, Doris Schweitzer, Alexander Zons. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 208–224, hier S. 208) bzw. austricksen. Mit der nicht auflösbaren Widersprüchlichkeit wird zugleich die Ambivalenz von Ordnungen deutlich. Etwas ist nämlich nicht einfach entweder nur gut oder schlecht, sondern immer beides und darüber hinaus ein eigenes Drittes, in dem Gegensätze vermittelt werden, die doch nicht zu vermitteln sind, sondern immer ambivalent und in ihrer Widersprüchlichkeit unlösbar bleiben. Schüttpelz sieht diese Konstitution als auf Dauer gestellten Zustand der Liminalität (Erhard Schüttpelz, „Der Trickster“, in: Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma, (Hg.) Eva Eßlinger, Tobias Schlechtriemen, Doris Schweitzer, Alexander Zons. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 208–224, hier S. 221), der Übergängigkeit, der nicht aufzulösen ist, sondern als Wechselspiel zwischen Statusordnungen und deren Auflösung in Anti-Strukturen bestehen bleibt. Als dieser doppelte Zustand sind die Trickster insbesondere in der ambivalenten Konstitution digitalen Kulturen interessant, da sie die Erkenntnis ausleben und praktisch einfordern, dass das Eine nicht ohne das Andere zu haben oder zu denken ist.

Die Führungen sollten diesen Zustand des Erkennens, Denkens und Handelns bezogen auf das Verhältnis von Dingen, menschlichen Agierenden und technischen Umwelten herstellen. Dies zu erreichen, verunsicherten die Führenden die Besucher_innen mit widersprüchlichen Erkenntnissen aus der Medien- und Kulturwissenschaft zu unserer techno-ökologischen Existenz; wie sie teils in Kapitel „Jonglieren mit Basistexten“ aufgelistet wurden. Auf der einen Seite wurden die Diskurse der schwachen Ontologien zu Ding-Welten und Techno-Ökologie erzählt. Durch diese würden endlich tradierte Vorstellungen von sich hemmungs- und gedankenlos über die Umwelt erhebenden Menschen abgeschafft, die doch nur zu deren Zerstörung geführt haben. In einer neuen techno-ökologischen Bescheidenheit könnten Menschen sich nunmehr vom ersten Platz in der Ordnung von Spezies und Natur verabschieden, dabei zugleich aber auch ob der Affizierung durch Techno-Welten ihr ganzes unbewusstes und sinnliches Potenzial entfalten und im Ein- und Zusammenklang mit der Welt und den Dingen in der Errettung der Erde aufgehen. Das heißt, die Ding- und techno-ökologischen Diskurse wurden in Über-Affirmation zugespitzt und auf die in ihnen implizit mitschwingenden Aussagen hin abgeklopft und diese dann verkörpert. Auf der anderen Seite wurden diese Argumente für die techno-ökologischen Existenz durch Erzählungen von Überwachung, Daten-Ökonomie sowie hyper-erschöpften Individuen konterkariert. Die Abgabe von Daten komme z. B. allein den ökonomischen Interessen von Firmen zugute, die damit ein Geschäft zu machen wüssten. Je mehr man z. B. in sozialen Netzwerken kommuniziere, desto besser sei man zu verfolgen. Hinter der Welt der smarten Dinge stecke die Vision einer automatisierten Welt, in der Arbeit abgeschafft und an Maschinen delegiert worden wäre. Die Diskurse der Ding- und Techno-Ökologien schließlich dienten vor diesem Hintergrund allein der Blendung der menschlichen Agierenden, die nur noch als Datengeber von Interesse seien, um die Welt der Dinge und Algorithmen in ihrer Lernfähigkeit und prognostischen Effizienz zu optimieren. Die Blendung erfolge besonders erfolgreich mit Hilfe der technologischen Verzauberung. Im Schwingen mit den Dingen werde Menschen vorgegaukelt, noch einen Platz in den technischen Umwelten zu haben und zudem ein auf neuen Ebenen stattfindendes Verstehen.

Die Tricksterführungen sollten mit den inszenierten kognitiven Kippbewegungen einen „Affekt des Denkens“ auslösen, der auf Grund der unauflösbaren Widersprüchlichkeit Reflexion ermöglicht. Diese sollte allerdings nicht dazu führen, dass sich Besucher_innen für eine Sichtweise entschieden. Vielmehr ging es darum, gleichsam ein Training für ein Denken in Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten zu ermöglichen, das vor allem digitale Kulturen konstituiert, wie hier bereits beschrieben. Denn neue Beschreibungen der „Lage“ sind nötig und dennoch sind sie immer wieder auf ihre diskursiven, politischen und gouvernementalen Effekte, aber auch Potenziale hin zu überprüfen. Digitale Kulturen scheinen sich zudem ob ihrer ambivalenten Konstitution in einem Zustand der Liminalität zu befinden, der nicht endet und in einer neuen Ordnung mündet. Damit gleichen sie selbst strukturell der von Tricksterfiguren ausgelösten Liminalität. Dieser Zustand ist zugleich eine Gefahr wie eine Chance. Die Chance liegt darin, dass sie die Gefahr unterläuft, dass die sich neuen Techno-Ökologien zur Ontologie wenden und zum Status Quo von Dingen und Menschen werden. Die Tricksterei wird mithin zu einer Handlungs- und Denkform, die digitale Kulturen mitbestimmt, indem sie in Ontologisierungen mit Überaffirmation und Widersprüchen interveniert. Die Gefahr ist, dass gleichsam dauerhaft desorientierte Subjekte entstehen, die über Ablenkung oder Blendung froh sind.

Entscheidend dafür, dass die gewünschte Wirkung eintreten konnte, war ein Spiel mit der Zeit. Die Trickster sprangen bei der Präsentation des Für und Wider der neuen Ding-Welten und Techno-Ökologien umstandslos und ohne einen Moment der Reflexion oder gar Diskussion zu gewähren von einer Sichtweise in die andere. Diese Denkeskapade wurde auch körperlich vollzogen, indem die Tricksten jäh von der einen zur anderen Körperseite der geführten Besucher_innen wechselten. Diese konnten gar nicht so schnell denken und sich verhalten, wie sie mit widersprüchlichen Inputs überschüttet wurden. Gerade in der heftigen Überforderung lag die Chance, Ambivalenzen schätzen und aushalten zu lernen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.