Verkörperte Kritik. Eulenspiegelei – Über-Affirmation – Performance

— Martina Leeker, November 2016

Eine weitere Methode der Selbstreflexion für digitale Kulturen wurde nun mit dem Ausstellungsprojekt zu versehrten Dingen entwickelt und erprobt. Es ging um eine verkörpernde, praktische Forschung, d. h. eine „Praxis der Kritik“ mit Hilfe der Verkörperung von Theorien und Diskursen. Im Fokus standen dabei die aktuellen, soeben skizzierten und analysierten Neu-Beschreibungen digitaler Kulturen und deren Politiken. Die Ausgangsthese war, dass digitale Kulturen nicht nur im Zusammenspiel von technologischen, kulturellen und sozialen Aspekten entstehen, sondern vielmehr die Diskurse zu diesen entscheidend an deren Herausbildung und Gestaltung sowie ihrer gouvernementalen Wirksamkeit beteiligt sind. Es ist Aufgabe, diese „Praxis der Kritik“ hier stark zu machen, indem ihre Potentiale dargelegt und analysiert werden sowie das Konzept im aktuellen Kontext der Diskussion zu Formen der Kritik verhandelt wird. Zudem soll Selbstreflexion als Königs-Methode der Forschung in digitalen Kulturen zunächst vor allem auf diese selbst angewandt werden. Diese lehrt, dass digitale Kulturen anders aussehen könnten, wenn sie in anderer Weise beschrieben würden.

Die kritische Auseinandersetzung in der Ausstellung bezog sich auf das „Dispositiv des Technosphärischen“, das hier als Beschreibung der techno-diskursiven Konstitution digitaler Kulturen vorgeschlagen wurde. Sie fokussierte dabei auf die Ding-Diskurse, da in ihnen die Grundlagen und Konsequenzen des Dispositivs materiell und greifbar werden. Es wurde deutlich, dass sich mit der Gleichberechtigung von Dingen Rolle und Funktion menschlicher Agierender zwangsläufig verändern, sodass die Wirklichkeiten einer operativen Techno-Sozio-Logik ablesbar werden. Die Auseinandersetzung mit Daten spielte im Projekt eine wichtige Rolle, da die Bezugnahme auf Dinge ohne die Betrachtung von Infrastrukturen und Algorithmen, in die sie verwoben sind und von denen sie geregelt werden, nicht möglich ist.

Vor diesem Hintergrund ging es im Projekt darum, Methoden der Selbstreflexion zu entwickeln und zu erproben. Es wurde das Format der Ausstellung sowie der Performance gewählt, weil davon ausgegangen wurde, dass sie konkreter und drastischer als reine Theorie eine Reflexion der aktuellen Diskurslandschaft ermöglichen. Denn diese künstlerischen Verfahrensweisen erstellen Handlungsräume und spielen Modelle durch. Um die Effekte und Konsequenzen herauszuarbeiten, wurde eine Paarung von zwei künstlerischen Methoden vorgenommen. Die Eulenspiegelei im Sinne einer 1:1-Aneignung, d.h. eines Wort-Wörtlich-Nehmens (Bazon Brock) theoretischer Modellierungen, wurde mit sensibler Übertreibung verbunden, die sich z. B. in Über-Affirmation, Über-Identifikation und übertriebener Verkörperung zeigt. Auf diese Weise werden nämlich Situationen auffällig, so dass deren Effekte sichtbar werden. Zugleich dürfen sie nicht zu abstrus erscheinen, sondern müssen als wahrscheinlich empfunden werden.

Die Überlegung war, dass es nur allzu leicht ist, über die Abschaffung des autonomen Menschen, die Gleichberechtigung von technischen Dingen sowie über vor-bewusste und affizierende technische Umwelt zu schreiben. Wie aber sähen sie in der Praxis aus? Und vor allem, wie weit wären wir bereit zu gehen in der Selbst-Abschaffung? Ziel war es, aus der ästhetischen Erfahrung eine kritische Analyse zu ermöglichen, aus der Korrekturen der ontologisierenden Beschreibungen oder andere Neubeschreibungen vorgenommen werden könnten. Es wurde mithin als künstlerische Forschung an lebendigen menschlichen Agierenden ein Experiment zur Erprobung der aktuellen Diskurslandschaft durchgeführt. Die Konsequenzen der theoretischen Beschreibungen digitaler Kulturen waren dabei nicht vorab bekannt, sondern sie schienen erst in der konkreten Auseinandersetzung auf. Es entstand eine regelrechte Parallelwelt mit einer eigenen Logik, die den Fortgang der Arbeit erst leitete und regelte.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.