Experiment-/elle Forschung

— Martina Leeker, Oktober 2014

“Experiment-/elle Forschung” meint im Forschungsbereich Re-thinking methods des DCRL eine Methode, die mit sich selbst experimentiert und dies reflektiert, statt neue, diesmal experimentelle Methoden zu entwickeln. Dieses Verständnis wird zum Zwecke der Absetzung von anderen Sichtweisen und Praxen durch die Schreibweise (experiment-/elle) zum Ausdruck gebracht. Das heißt, es werden weder mit ontologischem Impetus neue, ungewohnte Formate und Methoden der Forschung entwickelt, mit denen auf eine nunmehr als komplex und veränderlich angesehene sozio-technische Wirklichkeit reagiert werden soll. Noch geht es um ein angewandtes, aus den Naturwissenschaften bekanntes Forschen mit Versuchsreihen, anhand derer Hypothesen verbindlich (PDF) bestätigt oder verworfen werden sollen. Dieses Forschen ist unterdessen auf Grund der Erkenntnis in die diskursive und technologische Bedingtheit von Experimenten brüchig und prekär geworden (PDF). Experiment-/elle Forschung, als sich selbst reflektierende, verdankt sich dagegen einem aufgeklärten Wissenschaftsverständnis, das sich nicht mehr als Suche nach Wahrheit und Richtigkeit, sondern als ästhetisches, d. h. erfindendes und veränderliches Unterfangen versteht. Dazu werden in der wissenschaftlichen Forschung bis dato z. B. nicht einschlägig präsente Sichtweisen, Gegenstände oder Methoden veranschlagt, die allerdings so arrangiert werden, dass sie sich selbst und das Untersuchte exemplarisch reflektieren. Die Kombination von Experiments&Interventions wird als Methode angesehen, um diese Reflexivität herzustellen. Denn während Interventionen zwar den Gang der Dinge unterbrechen, deshalb aber eher kurzlebig sind, können mit Experimenten andere Möglichkeiten der Organisation sozio-technischer Umwelten erprobt und kritisch getestet werden, um sie fortwährend mit Interventionen zu korrigieren.

Diese Forschung und Methodologie finden in Re-thinking methods des DCRL auf zwei Ebenen und in zwei Gegenstandsbereichen statt. Der Forschungsbereich Experiments&Interventions nutzt (1) eine experimentelle Arbeits- und Darstellungsweise, die sich in der partiellen Anwendung von technischen Möglichkeiten des Hypertext manifestiert. Experiment-/elle Forschung wird (2) als ein forschendes Experimentieren mit ästhetischen Verfahrenweisen spezifiziert. Diese beiden Ansätze gelten für die gesamte Forschung zu Re-thinking methods/Experiments&Interventions und deren einzelnen Projekten. Zugleich handelt es sich bei “Experiment-/elle Forschung” aber insofern um einen eigenständigen Forschungsbereich, als eine Vielzahl von Methoden und nicht nur, wie im gleichnamigen Kapitel beschrieben, diskursanalytische Methoden entwickelt und erprobt werden sollen, die in Experiments&Interventions explizit für die Erforschung digitaler Kulturen vorgeschlagen werden.

Die technischen Möglichkeiten des (1) Hypertext sind hier von Interesse, da es sich um ein Format handelt, mit dem die Medialität geisteswissenschaftlicher Forschung thematisiert und untersucht werden kann. In dieser Funktion wurden Hypertexte zwar seit den 1990er Jahren in der geisteswissenschaftlichen Forschung verstärkt diskutiert und genutzt sowie in ihren Effekten für tradierte Wissens- und Forschungstechniken beschrieben. Sie haben aber gleichwohl wenig Anerkennung als seriöse Forschung gefunden. Es geht hier allerdings nicht darum, Hypertext als neues, experimentelles Format zu propagieren. Er dient vielmehr als Folie, um andere Medien und die von ihnen erzeugten Methoden der Forschung, z. B. Schrifttexte, in ihren Wirkungen aus dem Unterschied zum Hypertext heraus zu erkennen, und diesen im Vergleich wiederum zu reflektieren. Es soll mit dieser Site getestet werden, welchen Epistemologien traditionelle, wissenschaftliche Textarbeit auf der einen Seite und hypertextuelle Verfahren auf der anderen in Bezug auf die Felder Wissen, Subjektbildung und Gouvernementalität unterliegen und welchen Mehrwert ein nicht-nur-textuelles Arbeiten haben könnte.

Die (2) Auseinandersetzung mit Bedingungen und Möglichkeiten, mit ästhetischen Verfahrensweisen zu forschen, als die experiment-/elle Forschung hier ausbuchstabiert werden soll, setzt sich deutlich von einer emphatischen Sicht auf künstlerische Forschung ab. Diese wird nämlich oftmals als das Andere einer als rational-logisch entworfenen Natur- und Geisteswissenschaft (PDF) stark gemacht. Diese Annahme ist allerdings höchst strittig und zum einen sowohl einer mentalitäts- als auch einer technikgeschichtlichen Überprüfung zu unterziehen. Zum anderen sind künstlerisches Arbeiten und Forschung besonders dort nicht a priori das Andere des Logos oder der Wirtschaft und Technik, wo sie selbst diskursiv Kultur und Technik erst erzeugen, wie Katja Rothe (PDF), Fred Turner oder Joseph Vogl (PDF) anhand von Fallbeispielen so erhellend und richtungsweisend gezeigt haben. Zudem bleibt künstlerische Forschung oftmals an Forschung über Kunst sowie an künstlerische Resultate gebunden. Als epistemologisches Arbeiten steht die experiment-/elle Forschung dagegen den folgenden Überlegungen Jacques Ranciéres nahe:

“Artists, like researchers, build the stage where the manifestation and the effect of their competences become dubious as they frame the story of a new adventure in a new idiom. The effect of the idiom cannot be anticipated. It calls for spectators who are active interpreters, who render their own translation, who appropriate the story for themselves, and who ultimately make their own story out of it.”

members.efn.org (PDF)

Das heißt, in Experiments&Interventions werden Projekte durchgeführt und dokumentiert, die im experiment-/elle, künstlerischen Arbeiten (PDF) suchende, ausprobierende und sich selbst reflektierende Forschungsweisen erproben. Statt das hohe Lied auf das Andere künstlerischer Forschung anzustimmen, werden für das Erkennen und Forschen mit ästhetischen Verfahrensweisen drei Ziele angesteuert. Diese experiment-/elle Forschung hat (a) die Medialität und damit die Bedingtheit und Kontingenz wissenschaftlicher Forschung im Auge, sie folgt (b) dem aktuellen Diktum einer Praxeologie (PDF) der Kulturen, die besagt, dass Wissen und Forschung in Dramaturgien, Inszenierungen sowie metaphorischen Überschreibungen mit Praxen stattfinden und sie bezieht sich schließlich (c) auf eine Ästhetik der Forschung, die von einer Politik des Ästhetischen im Sinne von Verschiebungen des Sichtbaren und Sagbaren (Rancière) geleitet sind.

Experiment-/elle Forschung meint also in beiden Fällen, mit Methoden der Forschung in einer Weise umzugehen, die es ermöglicht, deren Wirkungen zu erkennen, zu nutzen und zugleich zu unterlaufen. Es geht mithin um eine Haltung, die an den Prozessen der Entstehung von Forschung und Wissen interessiert ist und dies mit Methoden präsentiert, die einer Ästhetik der Unabgeschlossenheit und, mit Vizenz Hediger, des “Un-Werkes” (PDF) folgen.

Zu Projekten experiment-/eller Forschung gehören die Research Interviews “DCRL Questions: What are digital cultures?“. In diesen wird medienwissenschaftliche Forschung mit audiovisuellen Möglichkeiten erprobt und als Arbeitsmaterial zur Verfügung gestellt. In der Soundinstallation “How to do digital cultures“, für die derzeit Interviews mit Gästen des CDC durchgeführt werden, sollen Statements dazu versammelt werden, wie eine digitale Kultur entwickelt werden könnte, in der ihre Mitglieder nicht so und nicht dermaßen regiert werden (Michel Foucault) (PDF). Schließlich sind zwei längere Texte geplant, die sich historisch und systematisch mit den diskursiven Potenzialen von experiment-/eller Forschung auseinandersetzen. In (a) “Experiments&Interventions. Handeln, Kritik, Partizipation und politische Öffentlichkeit in technologischen Bedingungen digitaler Kulturen” wird die diskursive Bedeutung von Interventionen für digitale Kulturen erforscht. Mit (b) “Künstlerische Forschung. Eine diskurs-kritische Revision” soll ein Beitrag zu einer kritischen Aufarbeitung des Denkbildes vom anderen der Wissenschaft, nämlich der künstlerischen Forschung, geleistet werden.

Hypertextuelle Epistemologie

Experiment-/elle Experimente

Technologische Bedingungen experimenteller Forschung

Die Projekte

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.