Experimente mit Interviews „What are digital cultures?“

— Martina Leeker, Oktober 2016

Split Screen: „Diskurse“ und Split Screen: „Digital Cultures“

„Technosphärische Spiele“ (Video-Essay: Oona Braaker) mit dem Interview von Mark B. Hansen

Überblick

Die Research-Interview-Serie „DCRL Questions – What are digital cultures?“, seit Herbst 2013, versammelt unterdessen 100 Interviews mit Wissenschaftler_innen aus unterschiedlichen Disziplinen sowie mit Künstler_innen. Verhandelt werden die Fragen: Was sind digitale Kulturen, was sind deren Chancen bzw. Gefahren und was liegt jenseits von ihnen? Ziel ist es, einen Überblick zur Forschung zu digitalen Kulturen zu erstellen.

Auf Grund der Anzahl sowie der audiovisuellen Verfasstheit der Interviews steht in Frage, wie das Material wissenschaftlich ausgewertet und weiterverarbeitet werden kann. Denn es bedarf im Vergleich zum geisteswissenschaftlichen Forschen mit Texten neuer Methoden und sogenannter Tools, um den Corpus zu erschließen. Indem die Interviews, bezogen auf das räumliche Setting sowie die Stereotypie der Fragen, möglichst einheitlich gehalten sind, wurde bereits eine gestalterische und konzeptuelle Vorentscheidung für die Erforschung getroffen. Diese Konstitution der Interviews ermöglicht es nämlich z. B. im Format des „Split Screen“ Zusammenschnitte aus dem umfangreichen Material auf einem Monitor für vergleichende Analysen zu erstellen.

Ein formalisiertes, digital basiertes Tool zur Auswertung der Interviews steht aus. Von Interesse wäre etwa eine Plattform, auf der die Interviews geschnitten, in einer Datenbank abgelegt und nach Kategorien, gegebenenfalls auch automatisiert, durchsucht werden könnten. Mit Hilfe technischer Möglichkeiten könnte auf diese Weise eine dynamische und kollaborative Forschungsplattform entstehen, in der Nutzer_innen selbst Filmclips schneiden und in der Datenbank zur Verfügung stellen. Aus diesem Pool könnten unterschiedliche Zusammenstellungen entstehen und archiviert werden. Es wäre zudem denkbar, dass in dieser Umgebung Technologien des „Profiling“ einer anderen, als der bis dato präferierten ökonomischen oder datenpolitischen Nutzung zugeführt werden, würden sie etwa, mit dem Einverständnis der Nutzer_innen, für die Speicherung und Analyse von deren Forschungswegen durch das Material eingesetzt. Dies wäre von besonderem Interesse, da zum einen die Suche in der Datenbank sowie die vielfältigen Montagen, die mit ihr angefertigt werden, die Diversität der Forschung zu digitalen Kulturen kenntlich machen würden. Zum anderen könnte ­– etwa mit der Zuordnung von Suchläufen zu wissenschaftlichen Disziplinen – untersucht werden, ob und inwieweit der Zugang zum Material von diesen abhängt. Auf diese Weise würde das Nachvollziehen der Forschung selbst zu einem Forschungsbeitrag. Es könnte mithin ein dynamisches Archiv der Forschung zu digitalen Kulturen entstehen, mit dem Ordnungen, Kategorien oder Phasen von Forschung markiert werden. Die Entwicklung und Umsetzung solcher Funktionalitäten wäre also deshalb von Nutzen, weil immer mehr Forschungsgegenstände digitaler Kulturen u. a. in audiovisueller Form vorliegen. Das heißt, die Interviewserie steht exemplarisch für mögliche Gegenstände sowie für Herausforderungen an Forschungsmethoden in digitalen Kulturen. Eine Forschungsplattform würde es zudem ermöglichen, zu erproben und zugleich zu reflektieren, wie sich wissenschaftliches Arbeiten durch die Nutzung sogenannter digitaler Tools verändert. Ein erster Versuch zur datenbankbasierten Analyse der Interviewserie wurde mit der Software Korsakow unternommen.

Im Rahmen der Forschung mit den Interviews am DCRL wurde bereits mit „Interventions in interview videos“ gearbeitet. Diese hatten das Ziel, Methoden zu konzipieren und zu erproben, die mit Hilfe ästhetischer Interventionen in die Filme eine Reflexion des Formates und seiner Wirkungen ermöglichen. Denn, so im Text zu diesem Projekt: „ […] die technologischen Bedingungen der Interviews sowie deren narrative und ästhetische Inszenierung wirken an dem mit, was ausgesagt und wie es rezipiert wird.“

Mit dem hier vorgestellten Projekt zu Experimenten mit den Interview Videos, rückt nun eine andere Forschungsaufgabe in den Vordergrund. Es geht darum, Formate und Methoden zur Erforschung der Interviews auszuloten. Der Fokus liegt dabei auf den Möglichkeiten, die auf Grund filmischer Methoden zur Verfügung stehen, wie z. B. Montagen oder Kamera-Settings. Anschließend werden die Potenziale der entwickelten Formate und Methoden durchgespielt. Dabei ist davon auszugehen, dass jede Art der Bearbeitung schon eine Interpretation des Materials ist. Deshalb wären solche Gestaltungsweisen zu entwickeln, die die Bearbeitungsarten reflektierbar machen. Aufgabe der Experimente ist es mithin nicht, neue Formen der Erforschung und Repräsentation für eine als „messy“ erkannte und anerkannte Wirklichkeit zu finden. So wird es z. B. derzeit in den Sozialwissenschaften gefordert und diskutiert (Vgl.: Celia Lury, Nina Wakeford (Hg.), Inventive Methods: The Happening of the Social, London: Routledge 2012). Vielmehr geht es darum, experimentell, d. h. in der praktischen Recherche und Erprobung, Forschungsmöglichkeiten zu erkunden und zugleich Methoden zu erarbeiten, um diese zu reflektieren. Es werden drei Optionen erprobt.

Das Format des Split Screen wird im Projekt „Split Screen. Ein Material – viele Interpretationen“ als Methode für vergleichende Analysen getestet. Durch die Montage der teils gleichen Clips werden gleichwohl unterschiedliche Aussagen getroffen, die je zu anderen Forschungsergebnissen zu digitalen Kulturen führen. Zu einer Auswahl aus dem Angebot der Interviews gelangt man entweder geleitet von Beobachtungen digitaler Kulturen bzw. der Diskurse über sie. Damit wird eine Filterung vorgenommen, mit der auf Grund einer vorab eingenommenen Haltung zu digitalen Kulturen die Teile aus der Serie ausgewählt werden, die die Voreinstellung am besten repräsentieren können. Oder aber Erkenntnisse stammen erst aus dem Umgang mit dem Material selbst und entstehen mit der Sichtung und Kategorisierung der Interviews. Im Kontext dieser beiden Arbeitsformen werden Wissen und Forschung relativiert und stehen nicht länger für eine Suche nach „Wahrheit“ oder „Richtigkeit“. Es geht nun vielmehr um Modulierbarkeit. In der zuletzt genannten Entstehung von Wissen erhält Forschung zudem eine Selbstbezüglichkeit, die mit dem Status von Wissen und Wissenschaft in digitalen Kulturen auf eine besondere Weise korrespondiert. So haben u. a. Orit Halpern in ihrer Forschung zu Test-Umgebungen (Orit Halpern, Jesse LeCavalier and Nerea Calvillo, „Test-Bed Urbanism“ in: Public Culture März 2013. PDF) oder Claus Pias in Untersuchungen zu Computersimulationen (Claus Pias, On the Epistemology of Computer Simulation, in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, Volume 2011, Nr. 1, 2011, S. 29–54) darauf aufmerksam gemacht, dass ein Umbruch im wissenschaftlichen Arbeiten sowie bezogen auf Wissen für digitale Kulturen konstitutiv ist. Es gehe nämlich weniger um die Entwicklung einer Theorie, als vielmehr um das Re-Design von experimentell oder in formalisierten Modellierungen gewonnenen Wissensbeständen und Wirklichkeiten. Bezogen auf die Interviews heißt das, dass im „Wissensbecken“ der Interviews erst Wissen generiert und in diesem selbstbezüglich re-designt wird. Die Offenlegung und Reflexion von Art, Epistemologie und Politik dieses Wissens im Re-Design werden zu einer wichtigen Aufgabe, um z. B. deren Subjekte konstituierenden oder gouvernementalen Qualitäten zu untersuchen. Dies zu ermöglichen, werden im Projekt unterschiedliche Versionen der Kompositionen von Interviews in Split Screens erstellt und präsentiert. Denn erst wenn mehrere Split Screen Projekte mit Interviews zur Verfügung gestellt werden, können die Relativität dieser Forschungsmethode sowie die Effizienz der Selbstbezüglichkeit von Wissen in digitalen Kulturen verdeutlicht werden.

Ein weiteres Format entstand auf Grund einer äußeren Notwendigkeit. Während einer Konferenz wurde es unerlässlich, das einheitliche, stationäre Setting der Interviews zu verlassen, um die teilnehmenden Wissenschaftler_innen zu interviewen. So entstanden erste Interviews mit unterschiedlichen, bewegten Hintergründen, die auf Erscheinungsbild und Wirkung ersterer Einfluss nehmen. Denn sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und sie geben den Interviews einen eigenen, wenig neutralen Rahmen. So macht es einen Unterschied, ob ein Interview ersichtlich im Kontext einer Konferenz oder auf einem Sofa stattfindet. Im Projekt „Lausche dem Hintergrund“ wird die Arbeit mit verschiedenen Hintergründen auf ihre Effekte hin ausgewertet. Dazu werden aus den Videos sogenannte Stills herauskopiert und dem Text beigefügt, um die Besonderheiten der Hintergründe herauszustellen und zu veranschaulichen. Auf diese Weise soll eine Typologie der kognitiven sowie auf Wahrnehmung bezogenen Herausforderungen von Hintergründen entstehen. Ziel ist es, eine Art Katalog der Rhetorik von Hintergründen in der experimentellen Arbeit zu erstellen. Dieser Katalog hat weniger normativen als vielmehr reflexiven Charakter. Denn in diesem Projekt geht es darum, das Prinzip des Hintergrunds als eine Reflexionsfolie von Forschung in digitalen Kulturen zu erschließen. Als Bezugsrahmen dafür werden die Überlegungen zum Chor im Theater von Ulrike Haß herangezogen (Ulrike Haß, „Eine andere Geschichte des Theaters. Gespräch mit Marita Tatari“, in: Marita Tatari (Hg.), Orte des Unermesslichen. Theater nach der Geschichtsteleologie, Berlin/Zürich: diaphanes 2014, S. 77–90). Haß zeigt, dass das Verhältnis von Chor und Protagonist als Konfiguration und damit als flüchtiges, immer neues und damit fixe Ordnungen unterlaufendes Relationsgefüge angesehen werden muss. In diesem Gefüge geht es um einen Entzug von Weltordnung nach Sinn- und Zweckbestimmung, diesen Garanten teleologischer Modelle, der durch die Vielheit der Stimmen hervorgerufen wird (Vgl. Marita Tatari, „Zur Einführung. Theater nach der Geschichtsteleologie“, in: Marita Tatari (Hg.), Orte des Unermesslichen – Theater nach der Geschichtsteleologie, Berlin/Zürich: diaphanes 2014, S. 7–21). Ob dieser Verfasstheit wird das Verhältnis von Figur und Hintergrund, das den Chor prägt, als Reflexionsfolie in den Interviews herausgearbeitet. Dabei geht es allerdings nicht darum, eine vermeintlich bessere, auf Flexibilität beruhende Weltordnung zu erhoffen, wie dies bei Ulrike Haß und Marita Tatari anklingt. Vielmehr handelt es sich um die Ausformulierung und Etablierung einer Methode und Haltung der Relativierung von Forschung und Welterklärungsmodellen, die mit den bewegten Hintergründen als Chorische zustande kommt. Damit stehen sie für Kontingenz, Heterogenität, Vielheit und Transformativität von Weltsichten.

Schließlich wird drittens im Experiment „Technosphärische Spiele“ (Videoessay: Oona Braaker) das Format des Video-Essays (Cristina Álvarez López & Adrian Martin, Introduction to the audiovisual essay: A child of two mothers, NECSUS European Journal of Media Studies, Herbst 2014) genutzt, auch audiovisual essay oder digital criticism genannt. Dieses Formt wird derzeit in der Filmwissenschaft verstärkt eingesetzt, um im Film sowie mit filmischen Mitteln über Film, oder andere Medien, zu reflektieren (Felix Stephan. Video-Essays: Filme über Filme. Zeit Online, August 2015). Diese Arbeitsweise kann einen eher populärwissenschaftlichen (Vgl. Tony Zhou, Jackie Chan. How to do action comedy, 2014) oder einen avantgardistischen Zugang aufweisen. Im hier vorgestellten Video-Essay wird das Interview mit dem Medienwissenschaftler Mark B. Hansen mit visuellen Zusätzen versehen. Dieses Experiment verfolgt dabei andere Ziele als die bisher für den Video-Essay dargelegten. Es sollen nämlich weniger Reflexionen über das Medium Film vorgenommen (Vgl. dazu das Projekt mit Interventionen in Interviews), als vielmehr mit Hilfe von Filmausschnitten und Bildern das Interview, und nicht der Film, gleichsam zum Reden gebracht werden. In diesem Projekt wird mithin mit den Möglichkeiten und Wirkungen der Analyse eines Interviews durch filmische Mittel experimentiert. Dies zu tun, wurde die Tonspur mit Bewegtbild-Oberflächen versehen, die das Gesprochene illustrieren oder aber konterkarieren. Ziel war es, auf diese Weise die diskursiven Effekte der Überlegungen von Hansen zu digitalen Kulturen herauszuarbeiten. Dieser Zugriff wird als nötig erachtet, da Mark B. Hansen in seinem Interview eine Medientheorie der Techno-Ökologie vertritt, die einige problematische Aspekte mit sich führt. Die menschlichen Agierenden sollen z. B. auf einer vorbewussten Ebene von smarten technischen Dingen vermessen und affiziert werden. Auf diese Weise würde, so der Interviewte, trotz aller kritischen Einwände gegen eine nicht mehr zu unterbindende affektive Manipulation durch digitale Umwelten, mehr Wissen über Menschen generiert. Diese beiden Seiten eines Seins, nämlich Vermessung und Wissen, in technischen Umwelten nutzt der Video-Essay, um auf der filmischen Ebene eine Auseinandersetzung mit dem techno-ökologischen Diskurs und einem sich abzeichnenden Dispositiv des Technosphärischen immer dann einzuspielen, wenn die affirmativen Seiten im Interview überhandnehmen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.