I. Split Screen. Ein Material – Viele Interpretationen

— Martina Leeker, Oktober 2016

Einstieg

Jedes der ca. 100 Interviews des Forschungsprojekte mit den Video-Interviews „What are digital cultures?“ kann auf Grund der Formulierung eines eigenen Zugangs zu den Fragen für sich stehen. Da in den Interviews sehr unterschiedliche Analysen präsentiert werden, zeugen sie mit diesem Status von einer hohen Diversität der Forschung zu digitalen Kulturen. Dies ist ein erster Befund aus der Untersuchung des Materials, der allerdings tiefer zu legen ist. Die Diversität wird hier nämlich vor allem als ein Symptom angesehen. Denn sie steht für eine derzeit stattfindende Umbruchphase, in der in medien- und kulturwissenschaftlicher Forschung ob grundlegender technologischer Veränderungen vor allem Suchbewegungen stattfinden. These ist, dass sich derzeit im Vakuum des Umbruchs neue Diskurse formieren, die „Medien“ und damit tradierte Formen von Medienwissenschaft überwinden, die auf Einzelmedien fokussierten. An deren Stelle treten die Betonung der Ubiquität und Alltäglichkeit technischer Umwelten und Infrastrukturen, mit der die Interaktion von Mensch und Technik in sozio-technologische Handlungs-Ensembles überführt werden soll.

Suchbewegungen und diskursive Positionierungen

Diese diskursiven Suchbewegungen verfestigen sich derzeit unter dem Dach dieser gemeinsamen Grundannahmen zu unterschiedlichen, sich teils strategisch voneinander absetzenden Ansätzen und „Schulen“, wie z. B. anhand von großen geförderten Forschungsprojekten erkennbar wird. So fokussiert etwa der SFB „Medien der Kooperation“ an der Universität Siegen auf eine praxistheoretische Wende in der Medienwissenschaft, die zur Analyse von symmetrischen Handlungsagenturen zwischen Menschen und technischen Dingen und Infrastrukturen strebt. Das „Internationale Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie“, IKKM, an der Bauhaus-Universität Weimar setzt dagegen auf eine Reformulierung der Medienwissenschaft durch eine Konzentration auf eine im Vergleich zum „Diskurs der Kooperationen“ auf technologische Bedingungen fokussierende Kulturtechnikforschung. Mit dieser treten, vergleichbar mit dem Siegener SFB, ebenso Praktiken in den Vordergrund und das Anthropologische unterliegt einer Re-Definition in Richtung einer technologischen Mensch-Werdung (Vgl. Kompetenzzentrum für Medienanthropologie, KOMA, Christiane Voss, Bauhaus-Universität Weimar). Eine konzise Theorie für die Beschreibung digitaler Kulturen will die Techno-Ökologie (Exemplarisch: Erich Hörl/Jörg Huber, Technoökologie und Ästhetik. Ein Gedankenaustausch, 2012, PDF) entwerfen, mit der die Ubiquität und Umweltlichkeit von Medien herausgestellt wird, sodass affektive Technosphären und nervöse Systeme (Exemplarisch: Nervöse Systeme. Quantifiziertes Leben und die soziale Frage, Anselm Franke, Stephanie Hankey & Marek Tuszynski, Haus der Kulturen der Welt, Berlin) zum Status Quo der neuen technologischen Lage werden. Im sogenannten „Lüneburger Ansatz“ wird schließlich nicht mehr vor allem auf die Reformulierung der Medienwissenschaft durch eine Erweiterung ihrer Forschungsgegenstände und -methoden gesetzt. Sie soll vielmehr in eine transdisziplinäre, medienwissenschaftlich informierte Kulturwissenschaft überführt werden. In dieser werden technische, soziale oder diskursive Apriori aufgehoben, die in der Medienforschung in unterschiedlichen Disziplinen entwickelte wurden, und statt derer von einem Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren ausgegangen. Das Herzstück dieser Kulturwissenschaft ist, neben der avisierten Transdisziplinarität, die Selbstreflexion der Forschung zu den allgegenwärtigen und alltäglichen digitalen Kulturen. Diese wird auch durch die Projekte von „Experiments&Interventions“ am DCRL erprobt und reflektiert. Dies geschieht exemplarisch mit Mitteln der ästhetischen und performativen und im Sinne einer diskursanalytischen Reflexion „künstlerischen Forschung“.

Split Screen zur Selbstreflexion der Forschung

Die Interviews stehen also nicht nur für die Diversität der Forschung zu digitalen Kulturen, wie es ob ihrer Vielstimmigkeit auf den ersten Blick erscheinen könnte. Die Interviews können zwar im Hinblick auf diese ausgewertet und z. B. nach Themen oder ähnlichen Aussagen kategorisiert werden. Auf Grund der oben skizzierten Entwicklung, die sich als Diskurslandschaft schwacher Ontologien beschreiben lässt, ist es aber zudem wichtig, diese auszustellen und eine Selbstreflexion der Forschung zu digitalen Kulturen zu ermöglichen.

Eine probate Methode, um diese Auswertungen vorzunehmen oder deren Ergebnisse zu präsentieren und zugleich eine Selbstreflexion zu initiieren, ist das Format des Split Screens, mit dem unterschiedliche Ausschnitte aus Interviews auf einem Bildschirm zusammengestellt werden können. Auf diese Weise können z. B. Forschungsthemen oder widersprüchliche Meinungen ebenso montiert wie eine Forschungsmeinung fokussiert werden. Das heißt, in einer vergleichenden Analyse lassen sich, ausgehend von der soeben vorgenommenen symptomatischen Analyse aktueller Diskurslandschaften sowie unter der Berücksichtigung tradierter Forschungsansätze und -methoden der Medienwissenschaft, Split Screens zusammenstellen.

Der Split Screen ist für diese Aufgabe in besonderer Weise geeignet, da er auf Grund der sichtbaren Montage als epistemologischer Apparat wirksam wird. Die Montage ist immer schon in ihrer Gemachtheit ausgestellt und somit befragbar. So kann z. B. eine Montage sich widersprechender Einwürfe eine diskurskritische Analyse (Splitscreen „Diskurse“) evozieren. Werden dagegen die Motti der schwachen Ontologien (Splitscreen „Digital Cultures“) als das Neue digitaler Kulturen zusammengestellt, so kann dies in der Massierung wie eine Über-Affirmation erscheinen und auf dieser Grundlage zur Reflexion aufrufen.

Entscheidend dafür, dass die Selbstreflexion ausgelöst und stabil gehalten werden kann, ist die Vervielfachung der Split Screens. Sie sollten nicht alleine auftauchen, sondern im Verbund von mehreren, möglichst unterschiedlichen Versionen, ihren eigenen Entschlüsselungs-Kontext immer schon mitliefern. Das heißt, sie bilden eine nicht zu vereinheitlichende Vielheit. Der Split Screen, der selbst schon Viele ist, ist mithin immer von anderen Vielen umgeben.

Split Screen: „Themen“

Im Splitscreen 1 „Themen wurden Forschungsthemen zu digitalen Kulturen zusammengestellt, über die Interviewte sprechen. Während Marie-Luise Angerer eine gleichsam allgemeine Beschreibung digitaler Kulturen als vernetzte Kulturen gibt, fordert Florian Sprenger eine alternative Geschichte digitaler Kulturen zu erarbeiten. In dieser ginge es z. B. eher um die Geschichte der Kabel als die der Interfaces sowie um die Analyse von Adressierungen als darum, die Geschichte sozialer Netzwerke zu erschließen. Damit schreibt sich Florian Sprenger in die Tradition der technikgeschichtlich fundierten und epistemologisch orientierten Medienwissenschaft ein. Mit dieser würden andere „Geschichten“ und Forschungsergebnisse entstehen als z. B. in soziologischen oder ethnografischen Untersuchungen, die zumeist die technologischen Bedingungen ihrer Gegenstände wenig beachten. Denn eine Geschichte der Adressierung in sozialen Netzwerken würde von Taktungen und Adressen und damit von Überwachung und Verfolgung erzählen und weniger von Kommunikation. Auch wenn es unter den aktuellen technologischen und epistemologischen Bedingungen wichtig ist, medien- und kulturwissenschaftliche sowie soziologische Fragestellungen und Methoden in einen Austausch zu bringen, so sind deshalb doch die materiellen Bedingungen digitaler Kulturen nicht auszublenden. Sie bestimmen sicher nicht allein die Lage, konstituieren aber doch, was technisch möglich ist und wie sich dies in die Handlungs-Ensembles und Praktiken einschreibt. Stefan Rieger kommt in diese Geschichte hinein mit einer wiederum allgemeinen Beschreibung der Verfasstheit digitaler Kulturen. Sie seien „überall“ und „alltäglich“, „nicht mehr sichtbar“ und „pervasive“. Umso wichtiger ist es, so wäre vielleicht mit Florian Sprenger anzumerken, die technologischen Bedingungen zu berücksichtigen. Shannon Mattern erweitert diese Grundlegung um die Untersuchung der materiellen Umwelten, in die digitale Technologien eingelassen sind. Andreas Bernard beschreibt sein aktuelles Forschungsvorhaben, in dem er den Bedingungen nachgeht, in digitalen Kulturen ein Selbst auszubilden. Dieses firmiert unter den Technologien und Praktiken des Profiling. Von Relevanz ist, dass damit ehemals kriminalistische Techniken in den individuellen Gebrauch übergehen. Markus Rautzenberg hebt als Besonderheit digitaler Kulturen hervor, dass sich in ihnen eine Epistemologie der Differenz entwickeln würde, die nicht mehr an binäre Ordnungen gebunden sei. Auf Grund der technologischen Bedingung, dass Unterschiedliches ineinander verwandelbar ist, wäre Differenz neu zu denken, etwa bezogen auf Geschlechterrollen oder Ordnungen der Macht. Elena Esposito pocht auf eine Genese digitaler Kulturen in der Kybernetik der 1950er Jahre, in der es vor allem um Fragen der Kontrolle von technischen und sozialen Systemen ging. Hier wird eine medienwissenschaftlich informierte Soziologie aufgerufen, die die Interaktionen von Mensch und Maschine unter den Aspekten von Kommunikation, Kontrolle und Regelung betrachtet.

Mit dem vorgestellten Zusammenschnitt entsteht als Befund für eine Sondierung digitaler Kulturen und ihrer Erforschung der Eindruck, dass sie einen Fokus auf Fallstudien habe, in denen es vor allem um Fragen zur techno-logischen Konstitution des Seins sowie der Selbst-Werdung geht. Diese sind eingelassen in vernetzte Kulturen von Kontrolle und Regelung.

Deutlich wird mit dem Projekt auch, welche Art der Theoriebildung die Split-Screen-Montage ausbildet. Sie operiert mit mottoartigen Kernsätzen, die einen Ansatz holzschnittartig herauspräparieren. Diese werden mit Namen und Porträts verbunden. Sie zeugen aber nicht von Individualität. Vielmehr werden die Gesichter zu Markern für schnell wieder erkennbare Statements. Forschung mit Split Screens tendiert zur Schematisierung.

Split Screen: „Diskurse“


In den beiden Arbeiten Splitscreen 2 „Diskurse“ und Splitscreen 3 „Diskurse“ wird ein anderes Konzept umgesetzt. Es werden verschiedene Meinungen und Ansätze, die sich widersprechen, so zusammengesetzt, dass sie bei den Betrachtenden Verwirrung und vielleicht auch Widerstand erzeugen. Ziel ist es, eine diskursanalytische Kompetenz auszurufen.

Diese scheint deshalb von Nöten, weil – wie in der eingangs dargelegten Forschungslandschaft markiert – wissenschaftliche Forschung aus einem genealogischen Ansatz, wie ihn die Medienwissenschaft pflegte, zunehmend mit auf schwache Ontologien zurückgreifender Theoriebildung konkurriert. Es geht nicht mehr darum, wie es geworden ist und auch anders sein könnte. Vielmehr werden Beschreibungen dessen, wie es ist, zu Aussagen über Zustände und Seinsweisen. Diese Bruchstelle soll in der Montage der Interviews markiert und befragt werden. Denn auch wenn es nötig ist, für digitale Kulturen ob deren Ubiquität, Alltäglichkeit und Umweltlichkeit neue Beschreibung zu entwickeln, so sollten diese doch ihre eigene Genealogie sowie ihre epistemologischen und gouvernementalen Effekte im Auge haben.

Diese kritisch-reflektierende Haltung zu ermöglichen, werden solche Einwürfe der Interviewten, die aus einem beschreibend-ontologisierenden Ansatz kommen, konterkariert mit solchen Überlegungen, die einem medienwissenschaftlichen, technik- und wissensgeschichtlich orientierten Ansatz oder einer kulturkritischen Perspektive verpflichtet sind. Auf diese Weise soll eine Reflexion der Betrachter_innen ermöglicht werden, in der die verschiedenen Haltungen untereinander abgeglichen werden. Wenn etwa Stefan Rieger von der Ubiquität digitaler Kulturen spricht und Alexander Firyn „Digitale Kulturen“ für einen „Marketingbegriff“ hält, wozu sich Christopher Kelty mit der Aussage fügt, dass es um einen globalen Kapitalismus ginge, dann sollten die aktuellen Ontologien ein wenig gestört und reflektierbar werden. In diesem Kontext ermöglicht das Verbleiben der Bilder einzelner Personen eine Orientierung an den sich relativierenden Haltungen und Einschätzungen.

Im Splitscreen 3 „Diskurse“ wird bei der fast identischen Kombination der Personen auf Namensnennungen in „Bauchbinden“ verzichtet und es entsteht ein anderes Verhältnis in der Sichtbarkeit von Männern und Frauen. So kann die Frage erkundet werden, ob Namen und Geschlecht bei der Forschung zu digitalen Kulturen eine Rolle spielen und wenn ja, welche.

Split Screen: „Digital Cultures“

Der Splitscreen 4 „Digital Cultures“ folgt wiederum einem anderen Konzept. Hier werden solche Ausschnitte zusammengestellt, die auf die Neuartigkeit und Einzigartigkeit digitaler Kulturen verweisen. Auch hier erfolgt die einleitende Beschreibung durch den Part von Marie-Luise Angerer. Im Kontext dieser Arbeit gewinnt allerdings der Teil ihrer Beschreibung digitaler Kulturen als vernetzte Kulturen mehr Gewicht, in dem sie ausführt, dass sie wie „unsichtbares Band“ seien. Dies sticht heraus, wenn es bei Stefan Rieger weiter heißt, dass digitale Kulturen überall sind, aber als solche unsichtbar und Hans Ulrich Gumbrecht betont, dass dem Menschen in digitalen Kulturen göttliche Omnipräsenz zu käme. In einem solchen Kontext erscheint die Analyse von Philip Mirowsky schon vergleichsweise harmlos, dass digitale Kulturen aus der Geschichte des Neoliberalismus zu erkunden seien und in einem globalen Kapitalismus münden. Mit den Positionen von Nishant Shah und Geert Lovink sowie Orit Halpern werden die sozialen Aspekte digitaler Kulturen eingespielt. Sie gelten als Medien, die soziale Organisation und politische Arbeit ermöglichen. Noortje Marres betont die Potenziale digitaler Kulturen. Sie würden die lange Tradition in den Geisteswissenschaften sowie der Soziologie überwinden, in der das Festlegen von Bedeutungen und Interpretationen fokussiert wurde, und auf praktische Aspekte wie Problemlösung und Re-Design setzen. Die Serie schließt mit der Einschätzung von Peter Galison, dass wir gerade erst begonnen hätten, die Oberfläche digitaler Kulturen zu berühren.

Mit diesen Beiträgen wird gleichsam nach vorne geschaut auf die Möglichkeiten digitaler Kulturen. Dieses Split-Screen-Projekt könnte auf den ersten Blick wie eine Art Promotionvideo für digitale Kulturen erscheinen. Zugleich ist es gerade die vermeintlich optimistische und das Neue und Ungewöhnliche betonende Haltung und Atmosphäre, die nachdenklich macht und auf die Konsequenzen der Beschreibungen verweist. Auf diese Weise büßen sie ihren ontologisierenden Status ein, der Symptome zu Seinsweisen erklärt, und eröffnen Standorte und Positionen der Kritik.

Gerade aus der Arbeit mit dem zuletzt genannten Split-Screen-Projekt folgt, dass die Forschung zu digitalen Kulturen diese mit hergestellt. So kann ein Interview je nach Kontext entgegengesetzte Bedeutungen erhalten. Die Bedeutung entsteht in der Aufarbeitung der Interviews; also weniger in diesen selbst, als vielmehr im Schnitt.

Forschung in digitalen Kulturen: Re-Design

Eine weitere Vermutung entsteht aus der wissenschaftlichen Arbeit mit den Interviews. In der Arbeit mit diesen neuen Forschungsgegenständen geht es weniger um Theoriebildung, als vielmehr um Formate des Re-Designs. Dies zeigt sich exemplarisch an der Arbeit mit den Interviews im Format des Split Screens. In diesem werden Wissenspartikel neu zusammengebaut, getestet und wieder verändert. Aus dem einzelnen Design entsteht zwar Erkenntnis. Diese kann aber nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, aus einer Auseinandersetzung mit einer wie auch immer verfassten Wirklichkeit zu entstehen, oder einen Anspruch auf „Wahrheit“ zu haben. Vielmehr kreist die Arbeit mit den Interviewpartikeln selbstbezüglich im Becken der Interviews und deren Komposition. Im Fokus steht dabei die interessanteste Komposition und nicht die richtige Aussage. Damit werden die Erstellung der Interviews und die Arbeit mit ihnen zu einer Metapher für Wissen und Wissenschaft in digitalen Kulturen.

So schreiben sich die Experimente mit der Erforschung der sowie der Forschung mit den Interviews in einen Umbruch wissenschaftlichen Arbeitens sowie von Wissen ein, die für digitale Kulturen konstitutiv sind. In diesen geht es weniger um die Entwicklung einer Theorie, als vielmehr um das Re-Design von experimentell (Orit Halpern, Jesse LeCavalier and Nerea Calvillo, „Test-Bed Urbanism“ in: Public Culture, März 2013, PDF) oder in Simulationen (Claus Pias, On the Epistemology of Computer Simulation, in: Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung,Volume 2011, Nr. 1, 2011, S. 29–54, PDF) gewonnenen Wissensbeständen und Wirklichkeiten. So schreiben Orit Halpern und Gökçe Günel am Beispiel der Smart City „Songdo“:

„Songdo, therefore, must be understood not as a city but […] as a ‘test-bed’. It is a platform for testing these parametrically designed and generated cities; and it is part of a global ‘demo’ ethos that brings us endless versions, updates, and trials—comprised of constant feedback loops between market research, personalization, and product development. Songdo might fail, but this is only a temporary problem, to encourage the next version, a better ‘smart’ city in Rio or New York or Shenzhen, another prototype. Just as car accidents are regularly re-performed on auto-manufacturer test-beds, so in the case of these massive infrastructures any failure can be contained and managed. Such failures are even the platforms that allow developers to prepare the next version; […].“

Günel/Halpern, „Demoing unto Death: Smart Cities, Environment, and Apocalyptic Hope“, S. 8., PDF

Es geht mithin um eine Epistemologie von Simulation und Test-Umgebungen, in der Wissen und Design aus Selbstbezüglichkeit entstehen und sich ohne Unterlass bei etwaigen Problemen selbst reparieren. Diese Selbstbezüglichkeit von Wissen wird da zum Tenor der Beschreibungen von digitalen Kulturen, wo sie als eine alles umfassende Technosphäre bezeichnet werden. Auch diese ist selbstbezüglich und interessiert sich für ein Außerhalb nur deshalb, um so viel wie möglich von diesem zu integrieren.

Bezogen auf die Interviews heißt das, dass im „Wissensbecken“ der Interviews erst Wissen generiert und in diesem dann selbstbezüglich re-designt wird. Man ist immer drin und die Split-Screen-Methode mit den Interviews wiederholt dies in der Montage als Praxis des Re-Design. Die Interviews sind gleichsam selbst ein Experimentierfeld und ermöglichen die Form des Wissens digitaler Kulturen. Der Bezug zu einer eigenständigen, äußeren Wirklichkeit verliert an Relevanz.

Es scheint fast so, als wäre diesem Prinzip kaum mehr zu entkommen, so dass die Reflexion und mithin Offenlegung von Art, Epistemologie und Politik dieses Wissens im Re-Design zu einer wichtigen Aufgabe wird. Denn mit dem experimentellen Wissen entstehen zugleich ein Regime und eine Epistemologie des Nicht-Wissens und Nicht-Verstehens, die eine eigene gouvernementale Wirkung zeitigten. Wo man nicht wissen kann, da wird auch strategisches Blackboxing technologischer Bedingungen nicht mehr als bedrohlich empfunden.

Mit den Interviews kann diese neue Wissensform eingeübt und zugleich an der Verschiedenheit der Ergebnisse reflektiert werden. Diese Methode der Vielheit, Alterität sowie der Differenz ist unerlässlich, werden diese doch gerade durch technologische Bedingungen der Technosphäre sowie Theorien zu dieser aufgelöst. Denn im Testbett gibt es keinen Unterschied mehr: Wort ist Tat und jeder Unfall nur eine weitere Testphase.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.