III. Technosphärische Spiele

— Martina Leeker, Oktober 2016

Einstieg

Das Experiment „Technosphärische Spiele“ (Video-Essay: Oona Braaker) mit dem Interview von Mark B. Hansen entstand aus einem Mangel. Dieses Interview lag nur als Tondokument vor, weshalb die Idee aufkam, es mit Bewegtbildern und Abbildungen zu versehen. Im Laufe der Arbeit am Projekt entstand ein Video-Essay (Felix Stephan. Video-Essays: Filme über Filme. Zeit Online, August 2015). Video-Essays entsprechen einer methodologischen Entwicklung in der Filmwissenschaft in digitalen Kulturen und dienen der Analyse von Filmen mit filmischen Mitteln. Im Video-Essay innerhalb der Interview-Serie wurde diese Methode modifiziert, um sie für eine inhaltliche Analyse des Interviews mit bildlichen und filmischen Möglichkeiten einsetzen zu können. Dazu wurde die Tonspur mit Bildoberflächen versehen, die das Gesprochene illustrieren oder aber konterkarieren. Ziel dieser Gestaltung ist es, die diskursiven Konsequenzen der im Interview vertretenen Analysen digitaler Kulturen auszustellen. Denn sie sind Teil eines techno-ökologischen Denkmodells, nach dem menschliche Agierende untrennbar mit technischen Umwelten verwoben sind. Diese Sicht arbeitet einem Dispositiv des Technosphärischen zu. Dieses könnte, so die These, ausschlaggebend dafür sein, dass menschliche Agierende in digitalen Kulturen trotz des Wissens um die Nutzung von Daten zum Zwecke von Überwachung und Profiling oft ohne viel Reflexion Unmengen an Daten generieren. Wenn Mark B. Hansen im Interview die Vorteile eines techno-ökologischen Seins dargelegt, in dem Medien einen affektiven Status erhalten und deshalb Abgrenzungen zwischen menschlichen und technischen Umwelten diffundieren würden, dann werden auf der visuellen Ebene zu diesen Aussagen in Widerspruch tretende Bilder präsentiert. Auf diese Weise soll bei Betrachtenden ein analytischer Prozess ausgelöst werden, mit dem an die Stelle des technosphärischen Behagens ein Unbehagen an den technologischen Verkörperungen und Affekten entsteht.

Diskursanalytische Ästhetik

Es ging mithin darum, eine diskursanalytische Ästhetik zu entwickeln. Es galt, solche Verfahrensweisen und Methoden zu finden, die herausarbeiten, dass es sich bei den Redeweisen um Welterzeugungen sowie um die Herstellung von Machteffekten handelt. Indem nun Wort und Bild in ein Spannungsverhältnis treten, dürfte in der Widersprüchlichkeit die Kontrafaktizität des Gesprochenen aufscheinen und dessen Seinsbehauptung unterlaufen.

Dies zu erreichen, wurden unterschiedliche Ebenen ermittelt und genutzt. Die eher illustrierende Verfahrensweise zeigt sich z. B. in dem Moment, in dem Hansen von seinem S-1 Speculative Sensation Lab an der Duke University (S-1 Speculative Sensation Lab, 25.11.2104, Youtube) spricht und im Film Ausschnitte aus einem in diesem Lab gefilmten Video hinzugefügt werden.

Die konterkarierende Gestaltung kommt in der folgenden Montage zum Tragen. Spricht Hansen z. B. davon, dass in digitalen Kulturen die menschlichen Agierenden von technischen Dingen auf einer affektiven und damit vorbewussten Ebene angesprochen würden, zeigen die Video-Überlagerungen das Einsetzen von elektronischen Implantaten in den menschlichen Körper, die diese Affizierung ermöglichen können.

Auf diese Weise werden die Konsequenzen der gleichsam abstrakten Theorie veranschaulicht. Sie gehen regelrecht unter die Haut und werden integraler Bestandteil des Körpers, so dass ein techno-logisches Sein entsteht. Wenn Hansen daran anschließend die Idee entwirft, dass die aus den unbewussten physischen Regungen gewonnenen Daten über einen 3D-Drucker eine materielle Form erhalten sollen, zeigt das Video eine Welt, die mit Gestalten aus solchen Welten regelrecht zugemüllt ist. Zugleich materialisieren sich in diesen Bildern in der Gestalt von Müll die Unmengen an unwissentlich abgegebenen Daten.

Eine Vlog-Performance von Luise Behr, die aus dem Projekt „Medien&Paranoia“ stammt, wird mit dem Interview von Hansen zusammen geschnitten. In dieser Performance ging es um eine Zukunftsvision, in der eulenspiegelnd die theoretischen Modelle von Hansen zu Affektivität und Umweltlichkeit digitaler Kulturen verkörpert und auf ihre Konsequenzen hin abgetastet wurden. So berichtet die Protagonistin davon, dass ihr ein Chip hinter dem Ohr implantiert worden sei, mit dem ihre Stimmung gemessen würde. Dies führe dazu, dass sie nun Probleme mit ihrem Chef habe, da ihre Stimmung schlechte Werte erhielte, wobei sie selbst diese nicht spüre. Die Technik wisse mehr über sie, als sie selbst.

Techno-Ökologie und Dispositiv des Technosphärischen

Hintergrund für das Konzept des Video-Essays zum Interview mit Hansen ist ein mächtiges Diskursfeld, das sich aus Ding-Diskursen (Bruno Latour, Peter Weibel (Hg.), Making Things Public: Atmospheres of Democracy. Cambridge Massachuets: MIT Press 2005) und Techno-Ökologien (Erich Hörl (Hg.), Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Berlin: Suhrkamp 2011), wie sie auch von Mark B. Hansen (Mark B. N. Hansen, „Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung.“, in: Erich Hörl (Hg.) Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Berlin: Suhrkamp 2011, S 365-409) oder dem sogenannten „New Materialism“ (Vgl. Karen Barad, “Posthumanist Performativity. Toward an Understanding of How Matter Comes to Matter.” In: Signs: Journal of Women in Culture and Society 28 (3) 2003, S. 801–831, PDF) konstituiert. Ausgangspunkt ist ein Modell, nach dem menschliche Agierende und technische Dinge nicht länger in einem instrumentellen Verhältnis stehen, sondern vielmehr in einer symmetrischen Handlungsagentur verbandelt sind. Denn, so die technologisch begründete Einsicht, die sogenannten smarten Dinge blicken auf den Menschen zurück, antworten ihm und dies in einer proaktiven und vorausschauenden Weise. Paradigmatisch für die techno-ökologische Sicht in diesem Diskursfeld sind die medien-neuro-philosophischen Überlegungen von Mark B. Hansen (ebda.). Ihm geht es um eine „umweltliche Medientheorie“, in der Mensch unhintergehbar integraler Teil einer großen, vernetzten Struktur von unterhalb der menschlichen Wahrnehmung liegenden und operierenden technologischen Kräften und Wirkungen ist. Zu diesen gehören etwa Sensoren und smarte Technologien, die selbst ein makroskopisches und suborganismisches Empfindungsvermögen sein sollen. Sie zu beschreiben und zu analysieren dränge dazu, so Hansen, Mensch und Subjekt nicht mehr als Entitäten aufzufassen, sondern als Teile eines gigantischen, kosmischen Netzwerkes reiner Potentialität von Empfindungen und Ereignissen. Technologische Umwelten würden so als Affizierung zu einer eigenen Handlungsmacht, die der „Mensch“ nicht mehr kognitiv erfassen oder kontrollieren kann.

Die These ist, dass sich diese techno-ökologische Sicht zu einem „Dispositiv des Technosphärischen“ formieren könnte. Denn die Handlungs-Agenturen und technische Umwelten werden als eine neue Form von Sinnlichkeit und Sinn angesehen, die zu einer tiefen-sensorischen Techno-Partizipation führen sollen (Vgl. Erich Hörl,„Other Beginnings of Participative Sense Culture: Wild Media, Speculative Ecologies, Transgressions of the Cybernetic Hypothesis“, in: Mathias Denecke, Anne Ganzert, Isabell Otto, Robert Stock (Hg.) ReClaiming Participation. Technology, Mediation, Collectivity, Bielefeld: transcript 2016, S. 91–119). Damit antworten die sogenannten schwachen Ontologien auf die von technologischen Bedingungen sowie von den Neu-Beschreibungen selbst ausgelösten Krisen digitaler Kulturen, die vor allem dadurch erzeugt werden, dass menschliche Agierende keine autonome Stellung mehr haben können in den smarten Umwelten. Denn sie führen im Technosphärischen das Versprechen mit sich, Menschen eine Position sowie Formen von Handlungsmöglichkeiten im Jenseits von Wissen, Denken und Bewusstsein umfänglich erfassenden „Sensing“ und geheimnisvoll Umwehen technologischer Macht zu geben. In der techno-ökologischen, beinahe animistischen Resonanz können menschliche Agierende dann in diesem Dispositiv unmittelbar, wenn auch nicht mehr kontrollierbar beteiligt sein. Im technosphärischen „Sensing“ werden mithin neue Formen der Teilhabe halluziniert. Die Crux ist dabei, dass im Dispositiv des Technosphärischen mit diesem mit-schwingende und sich selbst optimierende Agierende entstehen, für die der Einblick in die Daten-Ökonomien und Daten-Politiken verdeckt ist, oder doch zumindest kein Problem darstellt.

Methoden und Kritik in digitalen Kulturen

Die beschriebene Situation, die sich durch ein hohes Maß an affektiver und unkontrollierbarer Vereinnahmung auszeichnet, erfordert und erschwert es zugleich, Methoden der Reflexion sowie der Kritik zu entwickeln. Es ist dabei zum einen davon auszugehen, dass es nicht mehr, wie bis das dato vorausgesetzt, eine Position des Außen für Kritik gibt. Vielmehr „ist“ man sich in den technischen Umwelten. Zum anderen sind diese Umwelten zunehmend opak. Dies ergibt sich etwa daraus, dass die großen Datenmengen nicht mehr allein von menschlichen Agierenden ausgewertet werden können und die algorithmischen Operationen nicht gänzlich für sie nachvollziehbar sind. Der Video-Essay soll in diesem Kontext als eine Methode der Erforschung digitaler Kulturen gelten, mit der es gelingt, sich zugleich in den technischen Umwelten zu bewegen und dennoch aus dem Innen heraus ein Außen zu entwickeln. Im Zentrum solcher Methoden hätte neben dem Beharren auf diskursanalytischer Schärfe, die gerade dann nötig wird, wenn in einem Erklärungs-Vakuum meine Welt-Theorien aufkommen, eine Vorliebe für Fragmentarisches und Vorläufiges zu stehen.

So zeigt sich etwa, dass im Vergleich zu einer textuell verfassten Analyse die filmische eine Form des wissenschaftlichen Arbeitens ermöglicht, die Diskurse veranschaulicht statt sie nur zu beschreiben. Dabei öffnet sich ein Feld von Assoziationen, Vermutungen, Ahnungen und Unbestimmtheiten, die für Formen und Methoden wissenschaftlichen Arbeitens in digitalen Kulturen stehen, die sich auf Verstehen und rationale Erkenntnis setzenden, hermeneutischen Traditionen entziehen. Claus Pias (Nicht-Verstehen in Digitalen Kulturen, Vortrag auf der Hyperkult XXV, 2015) hat vorgeschlagen, eine Theorie digitaler Kulturen zu entwickeln, die deren Konstitution aus dem Nicht-Verstehen nachgeht. Zu einem Ende käme damit auch eine gleichsam über sich selbst aufgeklärte, kritische Hermeneutik in der Medienwissenschaft, die zwar nicht an ein Verstehen im Sinne innerpsychischer Ordnungen und Prozesse in Individuen glaubte, wohl aber an die Möglichkeit, Medien beim Wirken und Werken zuzuschauen.

Mit Methoden eines experimentellen ästhetischen Arbeitens könnte auf diese Lage geantwortet werden. Zugleich kündigt sich eine neue Epistemologie mit diesen an. Forschung und Wissen werden zu einem fragmentarischen Ensemble, dessen Bestandteile in sporadischen und experimentellen Assemblagen verbunden werden können. Fluidität und Unabgeschlossenheit entsprechen deren Epistemologie. Damit würde sich die experimentell-praktische Forschung zugleich dem Anspruch der schwachen Ontologien entziehen, die derzeit in der Medien- und Kulturwissenschaft entstehen, um die neue Lage digitaler Kulturen zu bestimmen. Sie zielen nämlich, wie am Beispiel der Techno-Ökologien hier skizziert, eben doch aufs Ganze und wollen mit einem Modell die ganze Welt erklären.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.