Interventions in interview videos „What are digital cultures?“

— Irina Kaldrack, Martina Leeker, Oktober 2015

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Interventionen und Experimente unter Mitarbeit von: Oona Braaker, Jan Brinkmann, Jonas Keller und Nicole Smith.

Wir danken Wendy Chun, Arini Lackdark, Irina Kaldrack, Jan Müggenburg und Nishant Shah für ihre Bereitschaft, an den Interventionen und Experimenten mitzuwirken.

Overview






Die Interview-Serie „DCRL Questions – What are digital cultures?“ wird seit Herbst 2013 durchgeführt. Bis Herbst 2015 sind 70 Interviews mit Wissenschaftler_innen, u. a. aus der Medien- und Kulturwissenschaft oder der Soziologie, sowie mit Künstler_innen entstanden. Bei der Interview-Serie handelt es sich um ein Recherche-Projekt zum Stand der Forschung zu digitalen Kulturen. Ziel ist es, die Vielfalt der Ansätze zu repräsentieren, die derzeit zur Einschätzung dessen, was digitale Kulturen sind, entstehen. Es soll vor allem ein Arbeitsmaterial zur Verfügung gestellt werden, das in weiteren Untersuchungen geordnet und analysiert werden kann. Dies zu ermöglichen, werden in den Interviews immer die gleichen vier Fragen gestellt, wobei die Gestaltung der Filme möglichst neutral und einheitlich sein soll, sodass z. B. Zusammenschnitte für vergleichende Analysen vorgenommen werden können.

Die Haltung der Macher_innen der Interviews ist, dass die Aussagen nicht in einer ontologischen Weise als Beschreibungen einer Lage digitaler Kulturen zu verstehen sind. Vielmehr bringen sie diese im Zusammenspiel der unterschiedlichen Ansätze erst mit hervor. Es geht mithin darum, eine diskursive Landschaft zu erzeugen, die auf ihre Produktivität sowie auf ihr Begehren hin zu untersuchen ist. Dies entspricht dem Status digitaler Kulturen als die einer diskursanalytischen Ästhetik, die mit eben solchen Methoden zu untersuchen ist.

Mit dem Projekt „Interventions in interview videos“ soll nun eine medienreflexive Intervention in das Rechercheprojekt vorgenommen werden. Denn die technologischen Bedingungen der Interviews sowie deren narrative und ästhetische Inszenierung wirken an dem mit, was ausgesagt und wie es rezipiert wird. Dies auszustellen ist Aufgabe der Interventionen in die Interviews sowie der Experimente mit den aus diesen Einschreitungen hervorgehenden, weiteren gestalterischen und epistemologischen Optionen. Methoden der Intervention sind u. a.: Fake, Überaffirmation, Kontrastierungen oder das Herstellen von Ambivalenzen und Irritationen.

Diese Interventionen stehen in einem historischen und systematischen Kontext, der sich auf die Problematik von Forschung und deren Methoden in digitalen Kulturen bezieht. Sie sind nämlich dem Umstand unterworfen, dass mit den Technologien wissenschaftlich gearbeitet wird, die untersucht erst werden sollen. Dies betrifft nicht nur die Auswertung von großer Datenmengen (Big Data), sondern auch geisteswissenschaftliches Arbeiten. Denn hier entstehen unter anderem zunehmend audiovisuelle Korpora, etwa in Gestalt von Mitschnitten von Vorträgen oder Interviews, die neben die Arbeit mit Texten treten. Die Wissenschaft reagiert mit der Entwicklung von so genannten Tools als Methoden zur Erforschung der audiovisuellen Korpora, wie die Annotation von Videoclips, etwa vergleichbar dem Markieren von Textstellen, damit diese systematisierbar und auswertbar werden. Das heißt, in der geisteswissenschaftlichen Forschung wird ein neuer Korpus gebildet, der mit neuen, nunmehr technologisch gestützten Methoden untersucht wird, die allerdings wiederum selbst an dem mitwirken, was erforscht werden kann. Da dem techno-methodischen Feedback nicht ohne weiteres zu entkommen ist, braucht es für die wissenschaftliche Arbeit mit digitalen Technologien also Methoden der Unterbrechung sowie der Selbstreflexion, mit denen sie sich über ihre eigenen technologischen und methodischen Bedingungen sowie ihre epistemologischen Effekte klar werden und diese auch nachvollziehbar machen kann.

Diese Veränderungen der Forschungsgegenstände sowie der Bedingungen des Forschens in digitalen Kulturen warten mit einem tief greifenden Impakt auf. Denn sie betreffen das, was als Wissen gilt, in seinen Grundfesten. Wo dieses nämlich, etwa im Vergleich zur Speicherung und Verbreitung in einem gedruckten Buch, unter technologischen Bedingungen der Veränderbarkeit auftaucht, wird es selbst zum einen unsicher und zum anderen in seiner technologischen Konstitution erkennbar.

Diese Lage betrifft nun die mit den Interviews entstehenden Forschungsgegenstände insofern, als sie erst mit den technologischen und infrastrukturellen Bedingungen digitaler Kulturen möglich werden. Denn sie werden in digitalen Codierungen gespeichert und sind damit vielfältigen Formen der Bearbeitung anheim gestellt, so dass das Medium bei der Forschung mitspricht; dies oft genug ohne es dass bemerkt wird. Das audiovisuelle Material wird zudem über das Internet verbreitet und ist damit – solange keine Unterbrechungen vorliegen – allseits zugänglich und modifizierbar.

Ansatz für den Umgang mit und die praktische Forschung zu dieser Problemlage ist nun im Bereich „Re-thinging methods in digital cultures“ des DCRL die Intervention, die exemplarisch anhand von Eingriffen in die Formate und Settings der Interview-Serie durchgeführt wird. Diese sind zum Teil aus technischen Fehlern und Störungen  hervorgegangen, mit denen bekanntlich Medien erst in Erscheinung treten (PDF, Florian Sprenger. Was wissen Medien darüber, dass es sie gar nicht gibt? Tagung der GfM 2008) und in ihrer generativen Potentialität verständlich werden. Zum anderen entstanden die Interventionen aus konzeptuellen Überlegungen, die aus der Erfahrung mit den technischen Störungen gewonnen wurden. Ziel ist es, mit den Interventionen und Experimenten das medial Geschlossene sowie dessen kulturelle Rahmungen zu durchbrechen und es bei der Arbeit zu zeigen.

Damit unterscheiden sich die Interventionen zugleich von einer aktuellen Strömung in der Filmwissenschaft, die ebenso als exemplarisch gelten kann für eine Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Möglichkeiten des Forschens unter den technologischen Bedingungen digitaler Kulturen. Es handelt sich um Konzept und Ästhetik des Videoessays, mit denen nicht mehr über Film geschrieben, sondern durch Film selbst Filmwissenschaft betrieben, d. h. Film mit einer videografischen Methodologie erforscht wird. Die in „Re-thinking methods“ unternommen Interventionen plädieren im Gegensatz dazu allerdings für eine Distanz zum filmischen Forschen, denn auch dieses wirkt wiederum mit an dem, was es als Ergebnisse hervorbringt, ohne dies noch weiter explizit zu reflektieren. Interventionen und die aus ihnen folgenden Experimente sollen dagegen das eigene Tun offenlegen, um dessen Wirkungen nachvollziehbar zu machen. Das heißt, das Konzept für „Re-thinking methods in digital cultures“ für die Erforschung der Interviews setzt auf Interventionen und nicht vor allem auf die Methoden des experimentellen Films.

Die ersten Versuche in diesem Projekt intervenieren in unterschiedliche Bereiche des Settings der Interviews und erproben verschiedene Methoden, dieses und seine Wirkungen auf Inhalte und Forschung auszustellen. In You have never been there (Interview mit Jan Müggenburg) geht es darum, das Setting der Interviews zu zeigen und dabei zugleich durch die Manipulation von Räumen und die Präsenz von Personen auf die Konstruktivität von Film zu verweisen. In Who Speaks (Interview mit Wendy Chun, unter Mitwirkung von Irina Kaldrack und Nishant Shah) wird mit Hilfe der Irritation von Stimmen die Performativität von Medialität sowie die Unsicherheit medial gestützten Wissens erkundet und ausgestellt. Stimmen und Gesten intervenieren dabei ebenso in das Gesagte wie Technik selbst. Notions and Knowledge (Interview mit Irina Kaldrack) erkundet mit den Mitteln des theatralen Rollenspiels die Bedingtheit von Forschung. Wenn eine Forscherin, die vorgibt, aus dem Bereich der synthetischen Biologie zu kommen, über „digitale Kulturen“ spricht, zeigt sich, dass diese Begrifflichkeit in unterschiedlichen Wissens- und Forschungskulturen je völlig andere Bedeutungen hat und deshalb unterschiedlichen Sinn- und Verstehenswelten entstehen lassen kann. Das Projekt Simulation of conversation arbeitet mit dem altbekannten Prinzip des Split screen (Malte Hagener. The Aesthetics of Displays: How the Split Screen Remediates Other Media 2004), um einen Austausch widersprüchlicher Meinungen in den Interviews zu simulieren. Mit diesem Format wird zudem anhand der Interview-Serie exemplarisch an einem „Tool“ für die wissenschaftliche Aufarbeitung audiovisueller Korpora geforscht, mit dem das Material zunächst synthetisiert und systematisiert und anschließend analysiert werden kann. Schließlich reflektiert Telling a research story (Interview mit Jan Müggenburg) die Suche nach zusätzlichen Informationen im Internet, die oftmals die Rezeption eines mündlichen Vortrages im akademischen Leben begleitet. Diese bringt die Zuhörenden in einen Zeitverzug im Verhältnis zum gesprochenen Wort.

Das heißt, die Interventionen und Experimente mit den Videos der Interview-Serie erfüllen zwei Aufgaben. Sie dienen ebenso der Forschung zu Tools und Methoden der  Forschung mit digitalen Gegenständen in digitalen Kulturen wie deren Selbstreflexion. Ob der genannten besonderen Verwobenheit von Forschung mit digitalen Kulturen sollten Forschung und Reflexion stets Hand in Hand gehen. Diese Überlegung entspricht dem substanziellen Statement zu “Re-thinking methods in digital cultures“.

Die skizzierten metho-technologischen Bedingungen fordern mithin tradiertes wissenschaftliches Arbeiten in einer radikalen Weise heraus. Die Zukunft wird zeigen, ob das interventionistische und experimentelle Forschen von den bestehenden, textlastigen und  auf Eindeutigkeiten zielenden Wissens-Regimen anerkannt werden wird, die noch über die Wissenschaftlichkeit des Akademischen entscheiden und wachen. Derzeit steht die Nobilitierung noch aus; vielleicht zum Glück, da der unnoble Status zugleich mehr forscherische Freiheit erlaubt, obschon er sich bei ausbleibender Anerkennung und Reputation vermutlich nicht durchsetzen können wird.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.