Notions and knowledge (Arini Lackdark)

— Irina Kaldrack, Martina Leeker, Oktober 2015

Notions and Knowledge erkundet mit den Mitteln des theatralen Rollenspiels die Bedingtheit von Forschung. Wenn eine Forscherin, die vorgibt, aus dem Bereich der synthetischen Biologie zu kommen, über „digitale Kulturen“ spricht, zeigt sich, dass diese Begrifflichkeit in unterschiedlichen Wissens- und Forschungskulturen je völlig andere Bedeutungen haben und deshalb unterschiedlichen Sinn- und Verstehenswelten entstehen lassen kann.

Eine Fr. PD Dr. Lackdark von einer Technischen Universität Mannheim erläutert die Züchtung von digitalen Kulturen in Petrischalen. Dabei ruft sie unwillkürlich die Bedingtheit von Wissen durch Begriffe auf, die in unterschiedlichen Wissens- und Forschungskulturen je andere Bedeutungen haben. In den Naturwissenschaften bezieht sich der Begriff „Kulturen“ auf Petrischale, während er sich in den Geisteswissenschaften auf die Organisation des Zusammenlebens von menschlichen Aktanten in technischen Umwelten bezieht.

Die Begriffsverwirrung treibt das Interview in eine unerwartete Richtung. Eine fremde Welt entsteht, in der so genannte „digits“ Vernetzungen bilden und Informationen austauschen. Die Wissenschaftlerin spricht sehr ernst, fast schon ein wenig zu authentisch. Betrachter_innen dürften sich, je mehr das Interview fortschreitet, zunehmend die Frage stellen, ob es bei diesem Interview mit „rechten“ Dingen zugeht und Naturwissenschaftler_innen in der Tat „digits“ züchten.

Damit verweist diese Intervention auf zwei Herausforderungen. Wissen hängt erstens nicht nur von technologischen Bedingungen, sondern gleichsam in deren Vorfeld, auch von Begriffen, deren Definition und Kontexten, in diesem Fall Wissenschaftsbereichen ab. Das heißt, ob dieser epistemischen Labilität ist Wissen zutiefst prekär. Diese Konstitution dürfte in digitalen Kulturen, unter deren technologischen Bedingungen Wissen veränderbar, abhängig und hochgradig angreifbar wird, aufscheinen und zu einer wichtigen Erkenntnis werden. Ob dieser Konstitution wird es verständlich, dass Definitionen und Verortungen im akademischen Arbeiten einen hohen Stellenwert haben und ein regelrechtes Regime aufstellen. Wissen, so lautet die Erkenntnis, ist nicht substanziell, sondern Effekt von Kontexten und Begriffen, mithin von Unterscheidungen. Diese Immaterialität ist insofern eine Bedrohung, als man sich nicht mehr auf Wissen verlassen kann und nicht mehr dieses, sondern vor allem die Bedingungen seiner Möglichkeit erforschen kann; eine konstitutive Lage, die sich im Digitalen ob der tendenziellen, sei es reellen oder erzeugten Nicht-Verstehbarkeit der technischen Prozesse noch zuspitzt. Dies führt zum zweiten mit dem Interview eingespielten Aspekt. Im Interview schwingt der ständige Verdacht mit, es könnte sich um einen Fake, eine Täuschung handeln, da das Gesagte doch sehr unwahrscheinlich ist. Damit thematisiert das Interview die Konstitution von Wissen und trainiert zugleich für diese. Ob des möglichen Nicht-Verstehen als epistemischer Situation digitaler Kulturen wird der Verdacht zu deren Begleiter und Bestandteil. Es könnte immer etwas im Gange sein, das man nicht weiß und dem auf die Schliche zu kommen wäre. Paranoia wird mithin unter der Hand im Interview als Erkenntnishaltung digitaler Kulturen vorgeschlagen und zugleich in dessen Rezeption erprobt. In diesem Training wird Wissen zugleich noch unsicherer, da weder Paranoia noch die Regime der akademischen Kontrolle vor den Machenschaften digitaler Kulturen werden schützen können. An die Stelle des Begehrens nach Wissen könnte das nach Nicht-Wissen treten.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.