Telling a research story (Jan Müggenburg)

— Irina Kaldrack, Martina Leeker, Oktober 2015

Interview mit Jan Müggenburg, Interviewerin: Irina Kaldrack, Kameramann: Jan Brinkmann, Intervention ab ca. 03:50–06:20

Die Recherche über das Internet ist ein unverzichtbarer Teil auch des akademischen Lebens geworden, wenn es als Archiv von Texten oder audiovisuellen Materialien aufgesucht wird. Dieses Archiv wird zu einem mal willkommenen Partner, dann wieder zu einer störenden Ablenkung (Vgl. Sybille Krämer. Interview „What are digital cultures?“) wissenschaftlichen Arbeitens. Letzteres tritt ein, wenn zum Beispiel während des Schreibens eines Textes diese Tätigkeit immer wieder durch kleine Ausflüge in URLs des WWW unterbrochen wird. Auch bei Vorträgen oder Seminaren, mithin in Situationen mündlicher und damit uneinholbarer Präsenz, wird gerne in deren Verlauf nach weiteren Informationen im Internet gesucht. Dies führt allerdings zu einer Verschiebung von Gehörtem und Gesehenem, mit der das Folgen des Vortrags immer schon zu spät ist und Lücken im Wissen und Verstehen entstehen. Diese Praxis und deren Auswirkungen sollen in der Intervention „Telling a research story“ in die DCRL Research Interviews Serie: „What are digital cultures“ nachvollziehbar gemacht werden, indem die Rezipient_innen ihnen ausgesetzt werden. Erkenntnis soll mithin durch Erleben ermöglicht werden. Im Hintergrund des räumlichen Settings des Interviews taucht deshalb eine Google-Suchmaske auf, die exemplarisch Suchbewegungen eines nicht sichtbaren Agenten zum Gesagten zeigt und die Rezipient_innen des Interviews von diesem ablenkt. Die eingegebenen Suchbegriffe folgen teils Schlagworten aus dem Interview, teils den Assoziationen des unsichtbaren Agenten, teils sind sie der Logik der Verlinkung von und in Seiten geschuldet. Die Intervention thematisiert mithin den Erwerb sowie die Verarbeitung von Wissen in vernetzten digitalen Kulturen, in denen jederzeit ein unübersehbares und von Nutzer_innen nur schwer kontrollierbares, da algorithmisch gesteuertes Archiv zur Verfügung steht. Man gelangt von einem zum anderen und ist ob des Suchens, Findens und Weiterklickens immer schon zu spät für das, was gerade gesagt wird. Es entsteht eine auf Dauer gestellte Präsenz, die sich aus Fragmenten von Wissensbruchstücken konstituiert, denen eine stringente Logik der Argumentation fehlt. Neben den Auswirkungen auf Wissen werden so auch Wahrnehmung und Denken von den Operationen affiziert. Mit den Konsultationen im Internet während eines Vortrages oder Seminars wird zudem eine Form der Individuierung eingespielt, die sich durch das sogenannte Multitasking als Denk- und Optimierungsweise digitaler Kulturen fassen lässt.

Von Interesse ist nun, dass und wie sich die Epistemologie des algorithmisch geregelten Wissens mit dem Multitasking verbindet. Wo sich nämlich Wissen und Individuen vervielfältigen, werden Aspekte der Wissensform digitaler Kulturen deutlich. Diese wird vor allem am „Googeln“ bei Vorträgen nachvollziehbar. Denn sie zeigen exemplarisch, dass das Internet zwar einen Zugang zu mehr Wissen garantiert, zugleich aber die Wissensproduktion vor Ort einschränkt. Es entstehen mithin Wissen sowie Subjekt als Spaltung, die Grundlage einer Gouvernementalität unabschließbarer Optimierungen sind.

Über die Bedeutung der algorithmisch gesteuerten Suche für Wissen und wissenschaftliches Arbeiten ist ausreichend spekuliert worden. Tenor der Überlegungen ist, dass die technische Konstitution der Suchmaschinen über das bestimmt, was gefragt und gefunden wird und also diese Mechanismen zumindest offen zu legen (PDF, vgl.: Wolfgang Hagen. Medienvergessenheit. Über Gedächtnis und Erinnerung in massenmedial orientierten Netzwerken, in: Oliver Dimbath, Peter Wehling (Hg.), Soziologie des Vergessens. Theoretische Zugänge und empirische Forschungsfelder, Konstanz: UVK 2011, S. 243–274), besser noch zu verändern seien. Denn Wissen wird über ein mathematisch geregeltes Ranking (PDF, vgl. Wolfgang Hagen, „Entladene Massen. Zur Krise eines Begriffs“, in: Inge Baxmann, Timon Beyes, Claus Pias (Hg.), Soziale Medien – Neue Massen, Diaphanes: Zürich 2014, S. 125–134) und nicht mehr über semantische Ordnungen organisiert. Das heißt, in digitalen Kulturen entsteht Wissen aus statischen Operationen, denen die Mitbeteiligung von Nicht-Wissen inhärent ist, das sich durch das konstituiert, was vom Ranking ausgeschlossen oder nicht gefunden wird. Die Suchmaschinen werden dabei zu Anteilen, die gemäß einer eigenen Logik operieren, ohne immer auf die Anfragen von Nutzer_innen zu antworten.

Stefan Rieger hat auf einen neuen Typus der Individuierung in digitalen Kulturen in Form schizoider Multitasker (PDF, Stefan Rieger, Multitasking – Zur Ökonomie der Spaltung, Berlin 2012) aufmerksam gemacht. Er führt aus: „Multitasking ist keine Angeberei, sondern eine ökonomische Technik, eine Form der Selbstbewirtschaftung.“ (Anne Haeming. Multitasking Zwanzig Finger und vier Augen. Interview mit Stefan Rieger, Spiegel online, 19.11.2012) Diese fuße in einer Ökonomie der Spaltung (Stefan Rieger, „Multitasking. Zur Ökonomie der Spaltung“, in: Philipp Hubmann, Till Julian Huss (Hg.), Simultaneität. Modelle der Gleichzeitigkeit in den Wissenschaften und Künsten, Bielefeld: Transcript 2013, S. 91–110), mit der aus einem Individuum „Viele“ würden, die sich wechselseitig zu immer mehr und immer geschickter gleichzeitig ausgeführten Aufgaben antreiben und sich dabei ob der Vervielfältigung der Ich-Anteile kontrollieren und regulieren. Dies, so Rieger weiter, entspräche einer digitalen Form der Gouvernementalität, die sich als Faszination an schizoider Selbst-Optimierung und Selbst-Regelung konstituiert.

Das Zusammenspiel von Ranking-Wissen und Multitasking-Gouvernementalität zeigt sich nun im Rahmen der Konzeption für die diesbezügliche Intervention in den Interviews. Durch sie wird nachvollziehbar, dass sowohl im Setting wissenschaftlichen Arbeitens in digitalen Kulturen als auch im exemplarischen Korpus der Recherche-Interviews kein kanonisches Wissen mehr erzeugt werden kann und an dessen Stelle das Jonglieren mit verschiedenen Wahrnehmungskanälen und Wissensbruchstücken tritt. Wissen selbst wird zu einem unhintergehbaren Multitasking, zu einer Aufgabe der Vervielfältigung und Komposition.

Die nötige Reflexion dieser Kopplung von digitalem Wissen und Multitasking sollte durch die Gestaltung der inszenierten Internetrecherche in der Intervention hergestellt werden. Sie sollte zum einen nötiges Wissen für nicht-informierte Rezipient_innen zur Verfügung stellen. Zum anderen sollte sie zugleich mit ungewöhnlichen Suchbegriffen operieren, die im Kontrast zum Interview standen, so dass die Recherche über Suchmaschinen selbst auffällig und befragbar wurde. Ein probates Beispiel dafür ist der Suchbegriff „Lager“, der bei den Ausführungen des Interviewten zu „unterschiedlichen wissenschaftlichen Lagern“ eingespielt wird. Der Begriff „Lager“ eröffnet in der Suchmaschine ein breit gefächertes Ranking, das sowohl „Konzentrationslager“ als auch „Radlager“ aufruft. Zeitgleich mit dem Auftauchen der Begriffe schreitet allerdings der Vortrag voran, so dass eine Verschiebung entsteht. Dem Internet wird nachgesagt, dass es Nicht-Wissen aufhebe. Es entsteht aber vielmehr vor allem eine neue Form von Nicht-Wissen, das sich auf eine zeitliche Ordnung bezieht, da Wissen immer schon zu spät sein kann. In der Gegenwart der Mündlichkeit ist der Vortrag schon weiter vorangeschritten und das erworbene Wissen nicht mehr passgenau, sondern immer nur versetzt zuzuordnen. Es entstehen Lücken. Diese Unabschließbarkeit von Wissen korrespondiert mit der kognitiven und performativen Konstitution der multitaskenden Suchenden und Lernenden, die in der Selbstoptimierung durch Vervielfältigung nie an ein Ende kommen können. Es geht immer noch besser und noch mehr. Es ging mithin darum, die Betrachter_innen selbst die Erfahrung einer Epistemologie unabschließbaren Wissens und Multitaskings machen lassen, indem sie selbst dem Gezeigten und Gehörten nicht mehr hinterherkommen.

Da digitale Kulturen als ein „Be-in“ zu verstehen sind, die als Umwelt die menschlichen Agenten ummanteln und als solche zwar selbstverständlich, aber nicht mehr gänzlich verstehbar und nachvollziehbar sind, sollten bei allen Tätigkeiten in dieser Umwelt künftig Orte sowie Methoden der Kritik und Reflexion als integraler Bestandteil mitlaufen.

Auch die Interviews selbst sind in diesem Kontext reflektierbar zu machen. Als Teil digitaler Kulturen sind sie nämlich an deren Erzeugung und Konstitution beteiligt und sollten als solche ausgestellt und analysiert werden. Es geht um eine Reflexion von Wissen durch das Videoformat, das in digitalen Kulturen als so genannte Tools wissenschaftlichen Arbeitens eine wichtige Rolle spielt. Mit ihm entsteht ein inkohärenter Korpus, der nicht mehr, ähnlich dem Ranking des Wissens durch Suchmaschinen im Internet, einem fest gefügten Kanon folgt. Vielmehr entsteht eine Assemblage von unterschiedlichen Ansätzen und Aussagen, die nur noch partiell, aber nicht mehr im Überblick erfasst werden können. Neben der ausstehenden Entwicklung von selbstreflexiven digitalen Tools, mit denen die Interviews durchsuchbar und verarbeitbar gemacht werden können, sind mithin experimentelle Formate zu entwickeln und erproben, die eine Erforschung, Reflexion und Kritik des Wissens der Interviews ermöglichen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.