Who speaks (Wendy Chun)

— Irina Kaldrack, Martina Leeker, Oktober 2015

Interview mit Wendy Chun, unter Mitwirkung von Irina Kaldrack und Nishant Shah

In Who Speaks werden die Medialität von Performativität, also etwa die unhintergehbare mediale Vermitteltheit von Praktiken oder der Zwang zur Verkörperung von Medien, sowie die Performativität von Medialität, d. h. ihr eigensinniges Einmischen, erforscht und ausgestellt, um es mit Sybille Krämer (PDF, Sybille Krämer. „Sprache – Stimme – Schrift: Sieben Gedanken über Performativität als Medialität“, in: Uwe Wirth (Hg.) Performanz – Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002) zu formulieren. Sybille Krämer weist nämlich darauf hin, dass Medien verkörpert werden müssen, mithin eine materielle Seite haben, und bei medialen Operationen intervenieren, sodass sie die Idee einer vorgegebenen Sinnhaftigkeit oder der Intentionalität eines Subjektes sowie der Vorgängigkeit von Wissen torpedieren. Mithin spricht das Medium, sei es die Stimme oder der digitale Videoclip, immer mit, woraus mit Krämer folgt:

„Es wirkt in unserem Sprechen eine vorsymbolische, eine präverbale und nichtpropositionale Dimension, in der es wenig um das geht, was wir sagen, vielmehr um das, wie wir es sagen. […] Dieses ‚Wie’ erzeugt […] einen affektiven Boden unserer Verständigung, eine sympathische oder antipathische Bezugnahme auf den Anderen […].“

Sybille Krämer. „Die Rehabilitierung der Stimme. Über die Oralität hinaus“, in: Doris Kolesch, Sybille Krämer, Stimme. Annäherung an ein Phänomen, Frankfurt am Main 2006, hier S. 274, auf http://userpage.fu-berlin.de (PDF)

Wird diese theoretische Rahmung ernst genommen, dann stößt das Projekt in den Kern der Instabilität und Unverlässlichkeit von Medien und damit von Wissen, das immer medial verfügt ist.

Die Eigendynamik der Medien in ihrem Vollzug sowie die Nachträglichkeit von Sinn und Wirklichkeit informieren  über den Status von Medialität selbst. Wird ihre Performanz zur „Bedingung der Möglichkeit von Geist, Ethik, Ästhetik oder Gemeinschaft“ (Krämer 2006 hier S. 287) werden Medien als Mittler (Krämer, ebda. S. 290), als Dazwischenstehenden und zugleich immer Entzogenen kenntlich, die nichts Fixbares, Substanzielles oder Inhaltliches vermitteln, sondern vor allem Unterscheidungen (Krämer, ebda. S. 291) ermöglichen.

Diese Konstitution von Medialität betrifft die Interviews zutiefst, die vor allem vom Sprechen leben. In Frage stand, wie die damit entstehende Fragilität der Interviews für Wissenschaft sowie das Wissen der Interviews über die Wirkungen von Medialität herausgestellt werden können.

Den ersten Angriffspunkt für entsprechende Interventionen bildete die Stimme selbst. Anlass dafür war, dass bei der Aufnahme des Interviews eine Tonstörung entstand, so dass die „Original-Stimme“ von Wendy Chun in weiten Teilen nicht verwendbar war. Was geschieht nun, wenn einer Person auf Grund filmischer Sehgewohnheiten nach dem Erklingen einer Stimme diese zugeordnet wird, diese Person im Fortlauf aber mit anderen Stimmen spricht. In der Intervention wurde diese Methode und deren Wirkungen erprobt und die weibliche Forscherin spricht plötzlich mit einer männlichen Stimme (Nishant Shah), die zudem über einen indischen Akzent verfügt, der mit dem asiatischen Aussehen der Sprecherin in Konflikt tritt. Es folgt eine weibliche Stimme (Irina Kaldrack), die im Vergleich zur ersten Erfahrung mit der Stimme der Sprechenden anders klingt. Im Verlauf des Interviews werden der Sprecher und die Sprecherin als unscharfe kleine Bilder eingeblendet und schließlich in der Zuordnung irritiert, da das Bild der Mannes bei der weiblichen Stimme eingeblendet wird und umgekehrt.

Effekt dieser Interventionen ist, dass Bild und Stimme auseinander treten und je neu zusammengefügt werden müssen. Damit wird erstens die Performativität des Mediums Stimme anschaulich und erlebbar, die die Idee unterwandert, dass ein intentionales Subjekt etwas spricht, das es sich zuvor ausgedacht hat. Die Stimme spricht und je nach Art der Stimme, oder der geschlechtlichen Zuordnung, wird das Gesagte anders aufgenommen. Den Stimmen und Bildern ist mithin nicht zu trauen, da sie immer auch mit fremder Stimme sprechen können. Die Eigenständigkeit sowie die mangelnde Passgenauigkeit der Stimmen verweisen zweitens auf den genannten Mittler-Status von Medien. Sie dienen der Unterscheidung von z. B. Sinn und Sinnlichkeit und stehen in deren Mitte. Ein Interview kann mithin eine Übung in Unterscheidungen und damit in Toleranz sein, da z. B. geschlechtliche Zuordnungen immer auch aufgelöst werden und dadurch neue Erkenntnisräume und Bedeutungen entstehen können.

Die Einsicht in die performative Konstitution der Medialität wird noch dadurch befördert, dass Schriftfragmente, die eingeblendet werden, weniger dazu zu dienen, das Gesprochene zu unterstützen, also vielmehr einer munteren eigenen Logik und Laune zu folgen. Die „creepiness“ der digitalen Kulturen, von denen Wendy Chun bzw. ihre stimmlichen Stellvertreter sprechen, liegt wohl auch in der unhintergehbaren Entfesselung der Medien, mit der Wissen uneinholbar prekär geworden ist.

Auf Grund der latenten Asynchronizität, die das mit den akustischen Interventionen behandelte Interview ständig begleitet und fremd macht, werden auch Gesten als Medium kenntlich. Während sie gemeinhin die Rede begleiten, erhalten sie dadurch, dass sie aus der direkten Verknüpfung mit dem Gesprochenen herausgelöst sind, eine eigene Dynamik und Sinnlichkeit, die ob der Verschiebungen für Irritationen sorgt.

Es ist also nicht mehr auszumachen, wer spricht. Habitualisierte Kopplungen von Stimmen, Gender und Gesten werden aufgehoben und damit nicht nur Gewohnheiten hinterfragt, sondern auch neue Zuschreibungen und Sinnzuweisungen möglich. Die Interventionen entsprechen mithin einem „queeren“ Mediengebrauch (Vgl. Anna Street, A TPP-goer’s guide to Jon McKenzie’s galaxy in Perform or Else, 2014).

Schließlich spielt die Zeit der Medien eine wichtige Rolle, die sich in den Wiederholungen, Dehnungen oder Beschleunigungen auf der Tonebene sowie der A-/Synchronizität von Ton und Bild zeigt. Das heißt, das Medium spricht selbst mit, mischt sich mit technologischen Möglichkeiten wie Verzögerung, Beschleunigung, Unterbrechung, Wiederholung oder optischen und akustischen Störungen in das Interview ein. Die operative Zeit des Mediums tritt mithin mit der des Körpers in einen Austausch und verweist so mit Hilfe der technischen Performanzen auf die Medialität der Performances im Interview, die das Gesagte entscheidend konstituieren.

Allen Irritationen zum Trotz wird das Interview in seiner interventionistischen Version verständlicher. So heben die Schriftfragmente Kernthesen hervor oder die Wiederholungen von Sätzen ermöglichen das Markieren von zentralen Aussagen. Das heißt, gerade durch die Interventionen und Irritationen wird die Aufmerksamkeit erhöht; man hört ob der Operationen an den Stimmen genauer hin. Vor allem aber wird die Eigentätigkeit erhöht der Rezipient_innen erhöht, da sie Dinge selbst je verknüpfen müssen. Somit kann dieses Projekt als eine Recherche dazu gelten, wie in digitalen Kulturen mit digitalen Technologien so geforscht werden kann, dass diese bei ihrer Arbeit zugleich ausgestellt und in ihren Effekten für Forschung nachvollziehbar gemacht werden.

Schließlich kann an diesem Experiment exemplarisch ein Ausblick auf Lehre in digitalen Kulturen gegeben werden. Interventionen in Interviews könnten ein probates Mittel sein, denn im Arbeitsprozess sind die Macher_innen zu einem vertieften Einstieg gezwungen, so dass sie zum einen die theoretischen Aussagen genauer erfassen. Zum anderen lernen sie das Wissen der Medien im experimentellen Umgang kennen und verstehen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.