Theorietheater mit Borkman (Teil I – praktisch)

Ästhetiken und Reflexionen technologischer Bedingungen der Verbindung von Theater und Theorie

— Martina Leeker, März 2015


Dies ist Teil I einer zweiteiligen medien-/theaterwissenschaftlichen Projektdokumentation und -analyse.

 

Überblick. Theorietheater mit Borkman

Bei dem Stück “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen. Einige wissenschafts-performative Erwägungen, sehr frei nach Ibsen, Bataille, Reckwitz und Bröckling” handelt es sich um ein Theorietheater. Es kam 2014 in Hamburg in der Regie von Martina Leeker zur Aufführung. Es spielten die Laiendarsteller_innen: Sven Asmus, Nick Doormann, Monika Kuhrau-Pfundner, Susanne Lange, Constanze Schmidt, Nicole Seiler, Agnes Stangenberg. Grundlage war das Stück John Gabriel Borkman von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1896. Dieses handelt vom gleichnamigen Bankier, der Gelder seiner Bankkunden veruntreute und nach verbüßter Gefängnisstrafe von einem Comeback träumt. Im Verlauf des Stückes buhlen Borkman, seine Frau Gunhild sowie deren Zwillingsschwester Ella Rentheim, einst Borkmans Geliebte, aus unterschiedlichen Gründen um die Gunst des Borkmanschen Sohnes Erhart. Als Ella auf dem Gut eintrifft, um Erhart zur Sterbebegleitung zu sich zu holen, kommt es zum Showdown der Figuren, an dessen Ende Borkman stirbt.

Trailer

Ganze Aufführung

Im Stück “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” sollte Borkman erstens ob seiner ins Leere laufenden und vom Wahn bestimmten Profitgier als anti-kapitalistischer Helden entworfen und erprobt werden. Es ging zweitens darum, spielend zu erkunden, ob die Existenz einer neoliberalen Ordnung schon ausgemacht und deren theoretische Erfassung immer schlüssig sei. Um die beiden Fragen zu bearbeiten, sollten theoretische Texte zum neoliberalen Kapitalismus, vor allem von Ulrich Bröckling zum “Unternehmerischen Selbst” und von Andreas Reckwitz zum zur ästhetischen Selbstausbeutung zwingenden “Kreativitätsdispositiv“, mit Spielszenen aus Ibsens Borkman in Form eines bezogen auf das Anliegen der Inszenierung illustrierenden Beweisverfahrens konfrontiert werden.

In diesem Anliegen ist die Zuordnung des Projektes zum Unterpunkt “Organisation” der Webpublikation “Experiments&Interventions. Diskursanalytische Ästhetiken als Methode für digitale Kulturen” begründet. Denn in diesem Unterpunkt geht es um die Intervention in Organisation und Organisationen/Institutionen, denen eine neoliberale Ordnung nachgesagt wird und deren Reflexion. Eine entsprechende Auseinandersetzung wurde im Theorietheater unternommen.

Im theorietheatralen Experiment kam es nun allerdings zu einer bemerkenswerten Wende. Denn die theoretischen Verhandlungen wurden vom Performativen überrollt, das die Komplexität der Verkörperung, das Unvorhersehbare des Vollzugs von Handlungen sowie eine Eigenlogik des Spiels einbrachte. In der Verkörperung der Frage, ob und inwiefern Borkman als anti-kapitalistischer Held gelten könne, wurde vor allem die Ausrufung einer ubiquitären neoliberalen Ordnung und Ökonomie zweifelhaft, die im geisteswissenschaftlichen Diskurs derzeit kritiklos als einzig angemessene Theorie angesehen wird. Im spielerischen Umgang wurden mithin die Theorien zum neoliberalen Kapitalismus und zu dessen Subjektivierung und Gouvernementalität durch Selbst-Kontrolle und Selbst-Ausbeutung unterminiert.

Die entstandenen Einspielungen können versuchsweise zu einer Theorie der Ökonomie der Verausgabung und Verschwendung in digitalen Kulturen ausbuchstabiert werden. In dieser steht neben einer Ökonomie der Wertschöpfung und Nützlichkeit eine der bloßen Vergeudung und des unproduktiven Verlustes, die sich selbst genügen. An die Stelle eines sich zwar ausbeutenden, aber doch immer noch präsenten Selbst, das die neoliberale Ordnung ausagieren soll, traten selbst-lose Chiffren von Figurenmustern, die sich allein im Spiel gefielen. Die Widerstandsfigur Borkman avancierte zu einer sich in Im-/Potenzierungen perpetuierenden Illusionierung des Selbst. “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” wurde so zu einer Metapher, die auch als Kaleidoskop für Existenz in digitalen Kulturen gelesen werden kann. Folgt man der Inszenierung als Metapher des Digitalen, so konstituiert sich diese Kultur aus Aufführungen von Selbst-losen auf der Bühne sich selbst organisierender Infrastrukturen und Datentransfers. Auf dieser Bühne wird die neoliberale, an Wachstum und Profit orientierte Ökonomie an einer der Fülle und Verschwendung, zumindest von Daten, Affekten und Performances zerrieben.

Theorietheater würde somit zu einer methodischen Option für wissenschaftliches Arbeiten und Forschen. Denn es ging nicht mehr nur um eine Auseinandersetzung mit theoretischen Kontexten. Vielmehr wurden im Performativen eigene theoretische Versatzstücke hervorgebracht.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.