Die Inszenierungsidee

Borkman als anti-kapitalistischer Held

– Martina Leeker, März 2015

Im Abgleich mit den beschriebenen neoliberalen Ökonomien und Selbst-Technologien konnten die Dispositionen der Kunstfigur John Gabriel Borkman herausgearbeitet werden, mit denen er das Neoliberale und Kapitalistische gegebenenfalls versuchsweise unterläuft und die mithin seinen anti-kapitalistischen Heldenstatus legitimieren könnten.

Ausschlaggebend dafür ist (1), dass Borkman sich jeglicher Umsetzung seiner Pläne und Fantasien entzieht, mithin das neo-/kapitalistische Ideal der unbedingten Wertschöpfung nach einer Ökonomie von Kosten und Nutzen unterläuft. Er redet von der bloßen Möglichkeit, statt die Akkumulation und Distribution von Werten umzusetzen. Borkman monologisiert:

borkman reich

“Alle Machtquellen dieses Landes wollte ich mir Untertan machen. Alles, was der Boden und die Berge und die Wälder und das Meer an Reichtümern bargen, – alles wollte ich mir unterwerfen, wollte mir selbst die Gewalt aneignen und dadurch Wohlstand schaffen für viele, viele tausend andere.

[…]

Und drunten am Fluß – horch! Die Fabriken gehen! Meine Fabriken! Alle, die ich hätte schaffen wollen! Hör’ nur, wie sie gehen. Sie haben Nachtarbeit. Tag und Nacht arbeiten sie also. Horch, horch! Die Räder wirbeln und die Walzen blitzen – immer herum, immer herum.

[…]

Mein Reich! Das Reich, von dem ich um ein Haar Besitz ergriffen hätte damals, als ich – als ich starb.”

Aus dem Textbuch der Inszenierung, gekürzte Fassung, 4. Akt: gutenberg.spiegel.de

In seinem im-/potenten Kapitalismus unterläuft Borkman (2) den bis dato für die kapitalistischen und neo-kapitalistischen Ökonomien konstitutiven homo oeconomicus. Dieser agiert nach Joseph Vogl (2007) aus der prekären Verbindung von rationalen Erwägungen mit Begierden und Leidenschaften, die er allerdings zu Interessen und von Profit gesteuertem Verhalten transformieren könne. Borkman dagegen bleibt gänzlich in gleichsam interesselosen Wahnvorstellungen hängen und fantasiert:

borkman wahn 2
borkman wahn 3

“Dieser Hauch weht mich an wie ein Gruß von untertänigen Geistern. Ich wittere sie, die gefesselten Millionen; ich fühle die Erzadern, die ihre schlängelnden, astigen, verführerischen Arme nach mir ausstrecken. Ich sah sie vor mir wie lebendig gewordene Schatten, – in jener Nacht, als ich im Bankgewölbe unten stand, die Laterne in der Hand. Ich sollte Euch befreien damals! Und ich versuchte es. Aber ich vermocht’ es nicht. Der Schatz sank wieder in die Tiefe. Aber ich will es euch zuflüstern hier, in der Stille der Nacht. Ich liebe euch, die ihr scheintot liegt in dunkler Tiefe! Ich liebe euch, ihr lebenheischenden Werte – mit eurem ganzen leuchtenden Gefolge von Macht und Herrlichkeit. Ich liebe, liebe, liebe euch!”

Aus dem Textbuch der Inszenierung, gekürzte Fassung, 4. Akt: gutenberg.spiegel.de

Borkman lebt zudem in der Vergangenheit, gedenkt seiner waghalsigen Unternehmungen und Pläne und repetiert und perpetuiert diese. Damit unterläuft er (3) das von Reckwitz als Konstituens für die neoliberale Gesellschaft herausgestellte Kreativitätsprinzip. Dieses beschreibt Reckwitz:

“Das Kreativitätsdispositiv ist nun in seinem Kern ein soziales Regime des ästhetisch Neuen, es geht ihm und uns nicht mehr primär um politische Revolutionen oder technischen Fortschritt, sondern um ästhetische Reize – ob in Bezug auf Waren und Dienstleistungen, Kunstwerke, urbane Erfahrungen, Medienangebote, berufliche Herausforderungen, politische Impulse – oder andere Subjekte”

kupoge.de (PDF, S. 25)

Borkman aber will nichts Neues schaffen. Damit scheint sein Widerstand gegen neoliberale Ordnungen radikaler als die von Reckwitz selbst vorgeschlagenen Auswege, nämlich Nachhaltigkeit und Singularisierung, wenn der Autor schreibt:

“Mehrere Wege einer solchen ästhetischen Ökonomie jenseits des Novitätszwangs bieten sich an: Man kann billige Gebrauchsgüter durch wertvollere, langlebige oder kulturell und ästhetisch befriedigendere Produkte ersetzen. Das ist die Manufactum-Strategie, aber auch die des Slow-Food. Man kann überhaupt statt auf Güter, die immer irgendwann verschleißen, auf Dienstleistungen setzen, die sich wiederholen und für die Individuen Entlastung oder Befriedigung versprechen.

[…]

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Einzelstück-Ökonomie nicht auf rasche Selbstveralterung, sondern auf Nachhaltigkeit setzt. Sie richtet sich nicht am Neuen um des Neuen willen aus, sondern am passgenauen relativ Neuen, das dann dauerhaft oder wiederholt genutzt werden kann. Sie verspricht gleichzeitig, für den Produzenten profitabel und den Konsumenten befriedigend zu sein. Sie wendet sich nicht mehr an ein anonymes neugieriges Publikum, sondern an den einzelnen, individuellen Nutzer mit seinen einzigartigen Bedürfnissen, mit dem es zu kooperieren gilt.”

earnestalgernon.de

Borkmans ökonomisches Modell sieht dagegen Konsum, Wertschöpfung und utilitaristische Nützlichkeit überhaupt nicht vor. Ihm geht es vielmehr um nutzlose Verausgabungen und Verschwendung.

Schließlich ignoriert Borkman (4) jede Form der Selbstsorge und Selbstkontrolle, die laut zeitgenössischer politischer und kulturwissenschaftlicher Theorien neoliberale Verhältnisse konstituieren, so auch Thomas Lemke:

“Die neoliberale Strategie besteht darin, die Verantwortung für gesellschaftliche Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Armut, etc. und das (Über-)Leben in Gesellschaft in den Zuständigkeitsbereich von kollektiven und individuellen Subjekten (Individuen, Familien, Vereine, etc.) zu übertragen und zu einem Problem der Selbstsorge zu transformieren. […] Da die Wahl der Handlungsoptionen innerhalb der neoliberalen Rationalität als Ausdruck eines freien Willens auf der Basis einer selbstbestimmten Entscheidung erscheint, sind die Folgen des Handelns dem Subjekt allein zuzurechnen und von ihm selbst zu verantworten.”

thomaslemkeweb.de (PDF, S. 9)

Borkman aber bricht in äußerster Konsequenz am Ende des Stückes tot zusammen, ohne sich um sich oder andere gekümmert zu haben.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.