Neoliberale Ordnung und Gouvernementalität

– Martine Leeker, März 2015

Um Borkman als Figur des Widerstands gegen eine unterdessen schon zum wissenschaftlichen Mainstream avancierte, sogenannte neoliberale Ordnung zu erproben, ist diese vorzustellen. Aus dieser Verortung erklären sich auch die Verwendung von Texten von Reckwitz und Bröckling in der Inszenierung.

Unter der neoliberalen Ordnung wird ein Rückzug des Staates aus der Regulierung von Markt und Wohlfahrt verstanden. An dessen Stelle tritt eine Selbstorganisation des Marktes, die vor allem auf Grund sich selbst motivierender und kontrollierender Subjekte möglich wird. Im Gegensatz zum fordistischen, industriellen werden im neoliberalen, postfordistischen Kapitalismus (Uwe Schimank) dabei neue Produkte und Ökonomien relevant. Dazu gehören Dienstleistungen, Wissensproduktion oder kreative Industrien. Diese Marktorientierung sowie das neue, neoliberale, d. h. sich selbst kontrollierende Subjekt werden in der zeitgenössischen Theorie von Andreas Reckwitz mit dem Topos des Kreativitätsdispositivs (PDF) und von Ulrich Bröckling im Typus des unternehmerischen Selbst (PDF) beschrieben. Mit diesen beiden Beschreibungen wird zugleich die neoliberale Gouvernementalität erfasst. Das Kreativitätsdispositiv konstituiere sich aus der dauernden Erzeugung des Neuen, so Reckwitz:

“In der Gegenwartsökonomie sind damit Innovations­ökonomie und Kreativökonomie in weiten Teilen eine Symbiose eingegangen. Der kulturell-ästhetische ­Kapitalismus setzt auf permanente Innovation und zugleich auf immer neue Produkte mit kulturellem und ästhetischem Reiz.”

earnestalgernon.de

Das Kreativitätsdispositiv entspräche allerdings keiner freudvollen Produktion und Selbstverwirklichung. Sie mutieren vielmehr zum Zwang, denn man muss kreativ sein, so Reckwitz:

“Kreativität umfasst in spätmodernen Zeiten dabei eine widersprüchliche Dopplung von Kreativitätswunsch und Kreativitätsimperativ, von subjektivem Begehren und sozialer Erwartung: Man will kreativ sein und soll es sein.”

kupoge.de (PDF, S. 24)

Gleichwohl funktioniere der Dispositiv nach Reckwitz, denn:

“Die kreative Tätigkeit verheißt einen mit der Arbeit am Neuen verbundenen Enthusiasmus ebenso wie das befriedigende Gefühl, ein scheinbar souveränes Subjekt zu sein.”

kupoge.de (PDF, S. 27)

Dieses Subjekt ist nach Reckwitz realiter allerdings nicht souverän, da das Kreativ-Sein zum Leistungszwang würde, der, wird er nicht erfüllt, zur Exklusion führe:

“Wenn das Erbringen kreativer Leistungen soziale Inklusion sichert, dann führt ein diesbezügliches Leistungsdefizit entsprechend zur sozialen Herabstufung und Marginalisierung.”

kupoge.de (PDF, S. 29)

Ulrich Bröckling spitzt die von Reckwitz beschriebene Lage zur Regierung in einer dauerhaften und deshalb zur Selbstausbeutung führenden kreativen Selbstschöpfung des unternehmerischen Selbst zu:

“Das unternehmerische Selbst lebt im Komparativ: Innovativ, findig, risikobereit und entscheidungsfreudig ist man nie genug und darf folglich niemals in der Anstrengung nachlassen, noch innovativer, findiger, risikobereiter und entscheidungsfreudiger zu werden. Die Einsicht, dass es ein Genug nicht geben kann, erzeugt den Sog zum permanenten Mehr.”

kupoge.de (PDF, S. 2)

Schließlich sitzt das Subjekt mit Bröckling in der Falle:

“Die entrepreneuriale Anrufung konfrontiert die Individuen deshalb mit einer doppelten Unmöglichkeit – mit der, ein unternehmerisches Selbst zu werden, wie mit jener, die Forderung zu ignorieren, eines werden zu sollen. Niemand muss und kann dem Ruf unentwegt folgen, aber jeder hat doch beständig die Stimme im Ohr, die sagt, es wäre besser, wenn man ihm folgte. Der Sog zieht noch in den sublimsten Lebensäußerungen, und seine Kraft bezieht er gerade daraus, dass keine Zielmarke existiert, bei der man halt machen könnte. So wenig es ein Entkommen gibt, so wenig gibt es ein Ankommen.”

kupoge.de (PDF, S. 3)

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.