Performance überrollt Theorie

Digitale Ökonomie der Verausgabung und Verschwendung

– Martina Leeker, März 2015

Die mit der Kopplung von Theorie- und Spielszenen intendierte Spiegelung und direkte Bezugnahme löste sich nur bedingt ein. Vielmehr blieben beide Ebenen nebeneinander stehen, konnten, mussten aber nicht zwingend aufeinander bezogen werden. Das beeinträchtigte den Genuss der Zuschauer_innen allerdings nicht. Es entstand vielmehr ein dramaturgisch dicht gewebtes und vernetztes Angebot für mäandernde Bezugnahmen. Diese konnten durchaus auch unterbleiben, so dass zwei Welten auf der Bühne nebeneinander standen, die jede für sich ihren Reiz hatten.

Entscheidend für die Auseinandersetzung mit dem Stück als Versuch zu einem Theorietheater ist nun der Effekt, dass die Verkörperung von Theorie sowie die Performativität der Spielszenen die eingebrachte Diskurslandschaft zur neoliberalen Gesellschaft gleichsam überrollten. Das Spielen und Verkörpern der Szenen verselbständigte sich und erzeugte eine eigene Welt, mit eigenen Dynamiken und Logiken; ein Vorgang der nicht vorhersehbar und planbar war. So erfanden die Spieler_innen in Improvisationen zur Entwicklung und Gestaltung der “Theorie-Tische” eigene Texte und Szenenverläufe, die sich selbstbezüglich und in der Logik des Performativen, als Fluss des Spiels und der Unvorhersehbarkeit, aneinander hochschaukelten.

Aus der Diskussion der Frage, ob Borkman als ein neoliberaler Held gesehen werden könne, wurde so eine Ansammlung von Versatzstücken für eine Kritik des Konzeptes der neoliberalen Gesellschaft, mitsamt des Kreativitätsdispositivs und des unternehmerischen Selbst. Diese Ansammlung kann versuchsweise zu einer Theorie der Ökonomie der Verausgabung und Verschwendung in digitalen Kulturen ausbuchstabiert werden. In diesem Gedankenexperiment bilden die weiter oben ausgeführten Topoi, die Borkman als anti-kapitalistischen Helden auszeichnen sollten, sowie die Spielszenen, in denen die Theoreme der kreativen Neoliberalität diskutiert wurden, selbst Bausteine einer Theorie zu einer anderen Konstitution der neoliberalen Ökonomie, bzw. zu einer, die neben der im theoretischen Mainstream beschriebenen besteht. Im Zentrum dieser anderen Theorie steht, dass Borkman sich marktwirtschaftlichen Logiken widersetzt und sich und Ressourcen verschwendet.

Das Prinzip der Verschwendung und Verausgabung entwarf Georges Bataille in seiner allgemeinen Ökologie (Ingeborg Szöllösi, 2013. Vgl. auch: Oliver Ruf, Ökonomie der Vergeudung. Die Figur der Verausgabung bei Georges Bataille, in: Hg. Christine Bähr, Suse Bauschmid, Thomas Lenz, Oliver Ruf, Überfluss und Überschreitung. Die kulturelle Praxis des Verausgabens, Bielefeld 2009, S. 27-40.) In dieser geht es um den größtmöglichen Verlust und die unproduktive Produktion, ohne Nützlichkeit und Zweck. Ingeborg Szöllösi fasst zusammen:

“Bataille setzt auch im ökonomischen Zusammenhang auf den Exzess – die Überschreitung und Steigerung des Lebens. Sich ohne Berechnung zu verschwenden, ist nicht nur eine Maxime des hingebungsvoll liebenden Menschen, sondern eine Empfehlung für eine global angelegte Ökonomie, die sich zu jeder Zeit ihres Reichtums gewiss ist und keine Verluste scheut.”

earnestalgernon.de

Was Bataille nun allerdings als Gegenentwurf zur verhassten, rationalistischen Ökonomie ansah, die den Menschen zum Mängelwesen degradierte und Lust, Genuss ebenso ausblendete wie Verlust, Leid und Vergeudung, wäre als eine andere, dann weniger erfreuliche Sicht auf die Konstitution neoliberaler Ökologie zu verstehen. Es geht mithin nicht um eine Alternative, sondern um einen neuen Zustand des Kapitalismus. Es geht nicht um dessen Ende, sondern seine Verfasstheit in digitalen Kulturen. Dies gilt, wenn davon ausgegangen wird, dass sich diese Kulturen vor allem aus Infrastrukturen konstituieren, in denen, im ökonomischen, wie im sozio-technischen Sinne, mit Daten gehandelt wird. Diese Daten-Ökonomie entspricht einer des Verausgabens und Verschwendens, mit der nicht mehr etwas geschaffen oder Produktion und Wachstum organisiert wird. Es geht vielmehr um das Vergeuden von Daten um des Gefallens und Verlierens und Verausgabens willen. Neben den quantifizierten Selbsten und geprofilten Nutzern ist die akademische Welt der Drittmittelanträge ein probates Beispiel für diese Umstellung. Zwar werden in eingeworbenen Projekten auch Dinge hergestellt und Themen bearbeitet. Die Projekte dienen aber vor allem dazu, umgehend und wie im Rausch neue Projekte zu ersinnen und sich an deren Beantragung zu verausgaben. Unabhängig davon, ob ein Projekt kommen wird, geht es zunächst vor allem darum, sich zu vergeuden, zu geben, ohne Ansinnen nach Profit und Entschädigung.

In dieser digitalen Ökonomie wäre der Mensch kein sich selbst kontrollierendes Subjekt mehr. Er ist vielmehr Spielfigur auf der Bühne sich selbst organisierender und Wirklichkeit halluzinierender Geräte und Algorithmen. Vor diesem Hintergrund gerät die Theorie zur neoliberalen Ökonomie zu einem Diskurs, der im anthropologischen Notzustand des Digitalen auftaucht. Der Neoliberalismus halluziniert nämlich zumindest noch ein Subjekt, während realiter dieses schon längst auf die technischen Bühnen abgetreten ist und, wie Borkman, Wahnvorstellungen, Faszinationen und affektiven und affizierten Fantasien folgt und sich darin immer wieder neu erregt und belebt, mithin verschwendet, um sich wieder neu zu erregen und zu beleben.

Zu einer ähnlichen Diagnose kommt auch Joseph Vogl, wenn er ausführt, dass der ökonomische Mensch in neoliberalen Zeiten nur noch eine abstrakte, heuristische Figur sei:

“Der ökonomische Mensch fungiert damit als eine Art theoretischer Sonde, als Testverfahren, mit dem etwa die Funktionstüchtigkeit von Institutionen, von Organisationen, von Kommunikationsformen erprobt und überprüft werden. Er ist von einem mehr oder weniger realen Wesen zu einer heuristischen Figur geworden, zu einem reinen Rollen-Konstrukt, mit dem man von Fall zu Fall situationsabhängige Entscheidungsprozesse analysiert. Andererseits aber – und das ist der andere Aspekt – tritt umgekehrt der unökonomische Restmensch, der ‘ganze Mensch’ als neuer Produktivfaktor auf den Plan. Mit einem jüngsten Innovationsschub ist man auf ungehobene Ressourcen gestoßen und verlangt von der neueren Ökonomie, dass sie die Grenzen des Ökonomischen selbst überschreite und die Kapitalien der Alltagswelt, der Lebenswelt, der Beziehungswelt erschließe. Von der Ökonomie wird eine Art ‘Vitalpolitik’ verlangt, die die Individuen ganzheitlich, von morgens bis abends, als Familienwesen und Zeugungsanstalten, als liebende und träumende, als gesunde und kranke in Rechnung stellt.”

polar-zeitschrift.de

Und bezogen auf die zu oft vernachlässigte technologische Konstitution und Bedingung der neuen Ökonomie schreibt Vogl, wie er selbst sagt, nebenbei:

“Vielleicht ist – das sei nebenbei bemerkt – die andere, technische Seite dieser Mutation jene Veränderung, mit der der Supercode des Gelds durch den Hypercode digitaler Information abgelöst und partikularisiert wurde: Wer zahlt, zahlt auf den Märkten immer noch mit Geld; er bezahlt aber Geld immer schon mit Information. Im Informationssystem, in seinen technischen und symbolischen Bedingungen, erreicht die Ökonomie nicht nur ihre äußersten, bislang unüberschreitbaren Grenzen; sie ruft damit auch die Figur jenes ganzen oder generellen Menschen auf, der sich Humankapital nennt. Das ist die Vergangenheit des Mediums, des älteren homo oeconomicus: Er räumt den Platz für eine neue Menschen-Variation, die ökonomisch gerade dadurch operiert, dass sie sich selbst, ihre Subjektivität, ihre Spiritualität produziert.”

polar-zeitschrift.de

Mit diesen Befunden und ausgehend vom durch Borkman angeleiteten Gedankenexperiment werden sowohl das unternehmerischen als auch der kreative Selbst fragwürdig. Borkman, es wurde schon gesagt, erschafft nicht Neues und er sorgt nicht für sich. Er ist selbst-los, verschenkt sich an seine Träume und Wahnvorstellungen. Effekt ist eine Art der Dauererhitzung, die immer läuft und immer wieder ins Nichts und den Verlust mündet. Es geht um eine Leerstelle des Selbst der Illusionierung und Im-/Potenzierung.

Im Performativen kommen dieses leere Selbst, diese Selbst-losen im theaterästhetischen Modus der Figuren zum Tragen. Sie sind Chiffren, die sich zu Verkehrswegen und Knotenpunkten formieren, ohne je ein Innen zu entwickeln.

Aus den angestellten Analysen und Gedankengängen wären andere Formen des Widerstands als die von Reckwitz vorgeschlagenen und hier bereits skizzierten der Nachhaltigkeit und Singularisierung zu entwickeln. Es wäre vor allem eine Trennung von Maschinenträumen zu leisten. Zweitens wären soziale Konstellationen zu schaffen, in denen aus der Verausgabung und Verschwendung ausgestiegen wird.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.