Das Stück

John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen

– Martina Leeker, März 2013

Am 9. November 2014 kam das Stück “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen. Einige wissenschafts-performative Erwägungen, sehr frei nach Ibsen, Bataille, Reckwitz und Bröckling” in Hamburg als Erprobung eines Theorietheaters zur Aufführung. Konzept und Regie verantwortete Martina Leeker. Spieler_innen waren: Sven Asmus, Nick Doormann, Monika Kuhrau-Pfundner, Susanne Lange, Constanze Schmidt, Nicole Seiler, Agnes Stangenberg.

Grundlage war das Stück “John Gabriel Borkman” von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1896. Im Stück geht es um den Bankier Borkman, der acht Jahre im Gefängnis verbrachte, nachdem er versucht hatte, Gelder seiner Bankkunden zu veruntreuen und in den Aufbau eines gigantischen Erzbergbauwerkes zu investieren. Seit seiner Entlassung lebt Borkman wieder mit seiner Frau Gunhild im Haus von deren Zwillingsschwester Ella Rentheim. Die Eheleute bewohnen getrennte Stockwerke. Die Beziehungsebene der Figuren konstituiert sich aus ökonomischen Erwägungen. So war Ella einst Borkmans Geliebte, die er allerdings aufgab, als Hinkel, Direktor der von Borkman begehrten Bank, sich für sie interessierte. Borkmans Plan war, dem Kollegen die begehrte Frau zuzuführen und dafür im Gegenzug mit der Leitung der Bank betraut zu werden. Ella aber entschied sich gegen eine Beziehung mit Hinkel und Borkman nahm Gunhild zur Frau. Eine zentrale Rolle in den Ekstasen der Gewinnmaximierung und Instrumentalisierung spielt Erhart, der Sohn der Eheleute, der nach der Inhaftierung von Borkman bei seiner Tante Ella aufwuchs. Nunmehr bekämpfen sich die Protagonisten in ihren Ansprüchen an Erhart. Seinem Vater soll der Sohn dafür zur Seite stehen, einen neuen Coup zu starten. Seine Mutter erwartet von ihm, dass er die Ehre der Familie wiederherstelle. Seine todkranke Tante schließlich bittet ihn um Sterbebegleitung. Erhart aber verfolgt eigene Pläne und verlässt mit seiner Geliebten, der geschiedenen, deutlich älteren Fanny Wilton, das Land gen Süden. Das ungleiche Paar plant, die 15-jährige Frida – Tochter von Wilhelm Foldal und Borkmans einzigem, treu ergebenem Bewunderer –, die Borkman von Zeit zu Zeit auf dem Klavier vorspielt, auf die Reise mitzunehmen. Als Ella auf dem Gut eintrifft, um Erhart zu sich zu holen, kommt es zum Zusammenprall der Figuren und deren Interessen, an dessen Ende Borkman aus dem Haus hinausstürmt und in der eiskalten Winternacht im Wald an einem Herzinfarkt stirbt. Die beiden zerstrittenen Schwestern versöhnen sich an der Leiche des einst geliebten Mannes.

Ausgangsidee für die Inszenierung war, Borkman als anti-kapitalistischen Helden zu entwerfen. Dies zu tun, war die ambivalente Konstitution der Figur sowie des Stückes herauszuarbeiten. In Ibsens Stück spielen nämlich zwar auf der einen Seite die Maximierung des eigenen Nutzens, mithin kapitalistische und neo-kapitalistische Werte (exemplarisch: hier), eine zentrale Rolle, die geschäftliche wie private Verhaltensweisen (Eva Illouz) durchströmen und bestimmen. Die Bemühungen der Protagonisten laufen allerdings auf der anderen Seite zugleich derart ins Leere und verenden regelrecht, dass es nahe lag, Figuren und Plot gleichsam gegen den Strich zu lesen und als Widerständige gegen Kapitalismus und zeitgenössischen Neoliberalismus deutbar zu machen. Im Stück “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” wurde dieses Konzept umgesetzt, indem die Frage, ob Borkman als anti-kapitalistischer Held gesehen werden könne, anhand einer Begegnung von theoretischen Texten zum neoliberalen Kapitalismus, vor allem von Ulrich Bröckling und Andreas Reckwitz, mit Spielszenen aus Ibsens Borkman verhandelt wurde. Mit diesen Verhandlungen sollte zudem geprüft werden, ob die Theorien zur neoliberalen Ordnung und Ökonomie die einzig möglichen zum Verstehen der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lage seien.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.