Die Umsetzung

Verkörperung/Performance von Theorie

– Martina Leeker, März 2015

Um im theorietheatralen Experiment zum einen die Theoriebildung zur neoliberalen Ordnung einzubringen und zugleich im performativen Zugriff zu diskutieren, und zum anderen anhand von Borkman Weisen des Widerstands zu ermitteln und durchzuspielen, wurden theoretische Statements von Ulrich Bröckling und Andreas Reckwitz mit Spielszenen aus Ibsens Vorlage konfrontiert.

Den Rahmen der Inszenierung von “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” bildete eine erzählende Einführung in deren Anliegen. Es ginge um die Auseinandersetzung mit der so genannten neoliberalen Gesellschaft, deren unhinterfragte Existenz man als problematisch einschätze. Um eine kritische Distanz einnehmen zu können und die Theorie zu testen, solle sie mit Ibsens Stückvorlage abgeglichen werden. Es wurde deutlich gemacht, dass man sich eine andere Gesellschaft vorstellen könne, in der anti-neoliberale Werte vertreten und gelebt würden.

Informationen zum Ablauf des Stückes von Ibsen, die für das Verständnis des Unterfangens nötig waren, wurden erstens in Form von Erzählungen vermittelt, die aus Inhaltsangaben zu Ibsens Stück bestanden.

Die Übergänge zu Szenen wurden zweitens hergestellt durch Erzählungen, bestehend aus Regieanweisungen aus Ibsens “Borkman”.

In den ausgewählten theoretischen Texten der Autoren wurden das Kreativitätsdispositiv sowie das unternehmerische Selbst als Faktoren neoliberaler Organisation, Ökonomie und Gouvernementalität eingespielt. Es zeigte sich allerdings in den Proben, dass die theoretischen Texte nicht ausreichend verstehbar waren, wurden sie nur gesprochen. Aus diesem Grund wurden sie in unterschiedlichen Modi gespielt, d. h. inszeniert und aufgeführt. Grundlage dafür waren die so genannten Personnagen. Sie wurden nach der Methode des Theater- und Schauspiellehrers Jacques Lecoq entwickelt (siehe hier [PDF, S. 11–12]), der unter anderem Lehrer und Inspirator von Ariane Mnouchkine (Arbeit mit Masken der Commedia d’ell arte), Yasmina Reza oder Christoph Marthaler (Hotel Angst, [Playlist]) war. In Lecoqs Methode geht die Konstruktion der Personnagen von einer rein formalen, nämlich der körperlichen Gestaltung aus, was diese Arbeitsweise von der auf psychologischen Imaginationen beruhenden Rollenarbeit nach Stanislawski unterscheidet. Damit operiert der Spieler nach der Methode Lecoqs mit Mustern, die keine Einfühlung oder psychische Logiken nach dem Modell eines inneren Selbst, sondern vor allem Verkörperung erfordern. Die Spieler_innen sind gleichsam Präsentator_innen dieser Muster. Diese Konstitution der Personnagen ermöglicht es dann, bei der Gestaltung von Texten aller Art ohne Bezug zum Inhalt mit Stimmhöhen, Tempi oder Haltungen zu experimentieren. Mit dieser Methode wird zudem eine schnelle Erkennbarkeit ermöglicht, so dass ein Spieler, eine Spielerin auch verschiedene Figuren präsentieren und schnell zwischen ihnen wechseln kann.

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Ein Modus der Verkörperung von Texten war die an das Publikum gewandte, in den Personnagen verankerte Deklamation der Texte, mit der sie zu Statements der Figuren wurden. Diese wurden unterbrochen mit Arbeiterliedern, die durchaus als eine Reminiszenz an die auch von Isabell Lorey angebrachte und hier schon zitierte Option gemeint waren, mit sozialen Ordnungen die selbsttechnologischen neoliberalen Regulierungen zu unterlaufen.

Der zweite Modus der Verhandlung der theoretischen Kontexte waren so genannten “Theorie-Tische”, in denen, ähnlich dem Verhaltenskodex und Sprechduktus in K-Gruppen, zentrale Thesen von Reckwitz und Bröckling und deren Bezug zu Ibsens Stück und seinem Protagonisten Borkman verhandelt wurden. Auch an diesen Theorie-Tischen wurden die theoretischen Fragmente von den Personnagen verkörpert.

Eine andere dramaturgische Methode zur Verkörperung der theoretischen Texte sowie der Bezugnahme auf eine Spielszene nutzte der “Theorie-Tisch 2”, in dem die Spieler_innen neoliberale Positionen affirmierten und deren Vorteile herausstellten. Hier wurde also mit dem Mittel der Ironie gearbeitet.

Die Spielszenen sollten die theoretischen Einlassungen je konterkarieren, indem sie z. B. das kreative Subjekt ad absurdum führten, wie etwa den dichtenden Foldal, der jedoch wenig Neu-schöpfendes oder Ästhetisches zu Wege bringt.

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Oder sie zeigten die Versteinerung der ökonomisierten Beziehungen.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.