Theorietheater mit Borkman (Teil II – theoretisch)

Ästhetiken und Reflexionen technologischer Bedingungen der Verbindung von Theater und Theorie

— Martina Leeker, März 2015


Dies ist Teil II einer zweiteiligen medien-/theaterwissenschaftlichen Projektdokumentation und -analyse.

 

Überblick. Theorie und Theater, technologisch

Die Verknüpfung von Theater und Theorie im Theorietheater findet in einem konkreten technikgeschichtlichen Moment statt, nämlich in den technologischen Bedingungen digitaler Kulturen, den es aufzuarbeiten und dessen Relevanz es zu ermessen gilt. Dies ist von Nöten, damit diese Form von Experiments&Intervention als Methode zur Auseinandersetzung mit digitalen Kulturen nicht möglichen Vereinnahmungen durch diese anheim fällt.

Auffällig wird, dass im Kontext von Theater und Theorie an die seit den 1990er Jahren stattfindende starke Betonung und Umdeutung des Performativen angeschlossen wird. Mit dieser kam dem Performativen die Vorstellung von ihm vorgängigen Subjekten und Wirklichkeiten abhanden. An deren Stelle tritt eine Eigentätigkeit performativer Vollzüge, etwa die Aus- und Aufführung von Sprechakten, die qua Konvention oder rituelle Praxen Subjekt und Wirklichkeit erst hervorbringen sollen. Damit werden diese zugleich höchst unsicher, denn, wie Sybille Krämer vermerkt, ist Performativität per se Veränderung qua Wiederholung:

“Die Debatte über ‘Performance’ und ‘Performativität’ in den Kulturwissenschaften erinnert uns daran, dass ‘Performativität’ nicht einfach heißen kann, etwas wird getan, sondern heißt, ein Tun wird ‘aufgeführt’. Diese Aufführung aber ist immer auch: Wiederaufführung. Die Wiederholung, also Iterabilität, die zugleich immer ein Anderswerden des Aufgeführten einschließt, ist überall da am Werke, wo wir von etwas sagen können, daß es eine performative Dimension aufweist.”

userpage.fu-berlin.de (PDF, S. 330)

Diese Modellierung von Performativität als Medialität findet, dies gilt es zu beachten, im Kontext sich selbst organisierender, d. h. seit den 1950er kybernetischer Umwelten statt. Diese zeichnen sich durch Performativität aus in dem Sinne, dass sie etwas aus- und aufführen und nicht bloß repräsentieren; wie etwa der Code des Computers. Die Performativierung von Existenz und Kommunikation in den Kultur- und Geisteswissenschaften entspricht mithin der in Medien und technischen Umwelten. Kultur- und Geisteswissenschaften antworten zudem auf das Eigenständig-Werden der technischen Umwelten mit dem Entwurf von Handlungsagenturen (PDF, Bonz 2007) und kooperativen Konstellationen (Gießmann/Schüttpelz 2014) zwischen technischen Dingen, Umwelten und Medien, in denen Menschen keine besondere Rolle mehr einnehmen.

In diesem Zusammenhang steht nun die Verbindung von Theorie und Theater insofern für eine Austreibung des Subjektes einerseits und eine Agenturisierung andererseits, als durch die Performance von Wissen, Denken und Theorie diese in den Sog der Wiederholung und damit der Veränderung sowie der Wirklichkeit generierenden Eigentätigkeit gelangen. Somit gehört dem Menschen nichts mehr, auch nicht das bis dahin dem Theater zugeschriebene Reflektieren, mithin die Möglichkeit zu Distanz und Kritik. Mensch ist Performance und findet keinen Halt innerhalb der dauerhaft instabilen Agenturen und Kooperationen. Damit wäre Theater im Verbund mit Theorie an der Umstellung von Kultur und “Mensch” auf technologische Bedingungen beteiligt. Die Stoßrichtung ist deutlich und entspricht der hier vermerkten, wenn Achim Geisenhanslüke zum Theorietheater von René Pollesch, Pionier der Integration theoretischer Texte in Theater, schreibt:

“Sich von sich selbst zu befreien, scheint daher eine der Aufgaben zu sein, die die Gegenwart dem Subjekt stellt. Nicht mit sich identisch sein, sondern nicht mehr mit sich identisch sein, ist das Credo der Zeit.”

Achim Geisenhanslüke, Schreie und Flüstern: René Pollesch und das politische Theater in der Postmoderne, in: Hg. Ingrid Gilcher-Holtey, Dorothea Kraus, Dorothea Schößler, Politisches Theater nach 1968: Regie, Dramatik und Organisation. Historische Politikforschung, Frankfurt am Main/New York, S. 254-268, hier: S. 267, auf theaterforschung.de

Diese Umwälzungen sind nicht per se als negativ anzusehen, da es nicht um Bewertungen von Modellierungen des Anthropologischen oder Medialen gehen kann, wo diese immer schon diskursive Erfindungen sind. Ein Bewusstsein für diese Involvierung des Theaters mit Theorie zu entwickeln, um sich gegebenenfalls auch gegen sie zu stellen, wäre gleichwohl wünschenswert.

Das Stück “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” und dessen Inszenierung wären nun in diesem technikgeschichtlichen Kontext zu betrachten und im Hinblick auf seine Form der Involvierung in diesem zu analysieren. Es steht in Frage, ob mit der Entwicklung einer eigenen Theorie im Performen auch ein Ausstieg aus der möglichen Involvierung, zumindest aber ein Beitrag für deren Reflexion geleistet werden kann.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.