Theater und Text als Kulturtechnik

Vom lauten zum leisen Lesen (Jesper Svenbro)

– Martina Leeker, März 2015

Um für das Theorietheater eine weniger diskursverdächtige Einschätzung zum Verhältnis von Theorie und Theater zu entwickeln, müssen andere Erklärungszusammenhänge für die bestehende Affinität angesteuert werden. Ernst verweist im bereits zitierten Text auf einen entsprechenden Zusammenhang, wenn er schreibt, Theater sei “zugleich eine kulturtechnische Einübung der Veräußerlichung der Schrift, die mit ihrer Verinnerlichung als Stimme der Seele einherging” (hier). Hier scheint eine Funktion von Theater auf, die sich weniger auf es als Medium der Reflexion per se, als vielmehr auf eine Konstellation von Text und Stimme im Theater zu einem spezifischen historischen Moment bezieht. Es geht um eine Weise des Umgehens mit Text, die Jesper Svenbro (Jesper Svenbro. Phrasikleia: An anthropology of reading in Ancient Greece, 1988/1993, hier) herausgearbeitet hat. Im Dispositiv Theater geht es seiner Erkenntnis nach nämlich um eine Umstellung von lautem auf leises Lesen, wenn er ausführt, so Johann-Heinrich Königshausen:

“Der primäre Daseinsgrund der Schrift in der griechischen Antike ist es, so Jesper Svenbro, nicht Laute zu repräsentieren, sondern Laute hervorzubringen. Wer liest, laut liest, teilt in der Rede mit, z.B. den Ruhm Achills an die Zuhörer. Der Schriftsteller also bedient sich des Lesers als eines Instrumentes, eines mit Stimme begabten Instrumentes zur Weitergabe und Verteilung des im Text verborgenen Gehaltes.”

Johann-Heinrich Königshausen 2012 auf philosophicum.ukw.de (PDF, S. 3)

Das Theater setzt an dieser Stelle ein, so Svenbro, nach Königshausen:

“Der professionelle Leser, der also den Text auswendig lernt und vor vielen laut austeilt, dieses große Instrument der Kundgabe, wird im 5. Jh. der Schauspieler auf der Bühne. Das Theater eröffnet so nach Svenbro eine neue Haltung gegenüber dem Geschriebenen: die Möglichkeit des ‘stillen Lesens’: auf der Bühne die ‘Buchstaben, die singen’. Die Dramendichter schreiben also den Text in den Geist der Schauspieler, der ein Schriftraum ist. Die Bühne ist so ein Schriftraum, der sich selbst laut lesen kann.

Wenn sich das Theater so in das Buch interiorisiert, wird beim Leser eben dessen Geist als Bühne benutzt, auf der der Schriftsteller ein Drama aufführt mit Texten, die sich dem Leser selbst sagen/singen. Das stille Lesen folgt dem Text, der Leser ist ein Sklave des Textes, ist ‘unfrei’.”

Johann-Heinrich Königshausen 2012 auf philosophicum.ukw.de (PDF, S. 3)

Theater wäre in diesem Moment der Geschichte mithin als eine Kulturtechnik zu verstehen, die als epistemischer Apparat Lesen und Schreiben flankiert. Es ist nicht ein bestimmtes, reflexives Denken, sondern es erzeugt dieses erst. Von diesem Beispiel ausgehend kann die zeitgenössische Verknüpfung von Theorie und Praxis untersucht werden.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.