Theater und Theorie und der Hype aufs Performative, kybernetisch

– Martina Leeker, März 2015

Die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Theorie und Theater erfreut sich seit Beginn der 1990er Jahre eines großen Interesses in der Theater- und Kulturwissenschaft. Beispiele für diesen Bereich sind etwa die Theaterstücke von René Pollesch, in denen theoretische Texte, z. B. aus Genderstudies oder Politikwissenschaft, als Sprechblasen für Spielfiguren-Darsteller_innen eingefügt werden. Eine andere Variante ist das so genannte “Forschende Theater” (PDF, Sibylle Peters 2013), das selbst wieder unterschiedliche Formen annehmen kann, die vom partizipativen Lern-Theater über Lecture Performances (Sibylle Peters 2011) bis hin zu urbanen Performances (Imanuel Schipper 2013) reichen kann, mit denen z. B. ein Stück Geschichte erkundet und erprobt wird. Oder es handelt sich um ein Denken auf der Bühne (Arno Böhler), mit dem eine andere Weise des Philosophierens versucht werden soll, die aus Verschiebungen und Unterbrechungen von Wissen und rationaler Stringenz durch Verkörperungen und Performances entsteht.

An dieser Stelle soll nun erkundet werden, woher das Interesse an der Verbindung von Theorie bzw. Denken mit Theater kommt und welche Aufgaben sie haben könnte. Die Beantwortung dieser Frage, die hier nur ein erster, unvollständiger Versuch sein kann, geht von der Beobachtung aus, dass bei allen Unterschieden in der Erprobung der Verbindung von Theater und Theorie das Performative eine zentrale Rolle spielt. Gemeint sind damit zum einen die Verkörperung von Texten oder wissenschaftlicher Forschung sowie zum anderen die Betonung des Vorgangs des Aus- und Aufführens von Handlungen als eigene, kulturell wirksame Kraft. Es geht mithin um einen Performativierungsschub mit dem Effekt einer nicht mehr rückgängig zu machenden Verzeitlichung von Existenz und Handeln. Es kommt zudem zu einer Entfesselung nicht mehr vollends kontrollierbarer Kräfte, da sich immer wieder Parasitäres in Kommunikation, Wissen sowie den Bezug zu Wirklichkeit einmischt. Wird dieser Schub im Umgang mit theoretischen Texten vollzogen, dann setzt damit eine Destabilisierung von verbindlichem Wissen ein, das durch Experimente zu Methoden des Wissenserwerbs ersetzt wird. In diesen Experimenten avancieren die Medialität und Materialität der Existenz und damit eine Ontologie fehleranfälliger Übersetzungen zwischen unterschiedlichen Systemen zum Status Quo.

These ist, dass ein Auslöser für diese Umstellung auf eine existentielle Performativität die in den 1950er Jahren aufkommende Kybernetisierung (Claus Pias 2004) ist, die aktuelle digitale Kulturen begründet und weiterhin ausmacht. Mit dieser werden nämlich technische Dinge gleichsam eigenständig und eigensinnig aktiv und dem Menschen dadurch eine neue Rolle und Konstitution abgerungen. Denn kybernetische Maschinen werden zu sich selbst organisierenden Entitäten und der Mensch wie diese zu einem informationsverarbeitenden System. Die Betonung des Performativen, die in der Sprachwissenschaft (John Langshaw Austin 1955/62 [PDF], Jacques Derrida 1971 [PDF], Gerd Posselt 2003) begann und in Kunst und Theater ausbuchstabiert wurde, läuft seit den 1960er Jahren auffälliger Weise mit der Entfesselung technischer Dinge parallel. Diese Betonung ist nicht zufällig, sondern sie folgt, so der Gedanke, vielmehr der technologischen Bedingung computerisierter Technosphären. Diese entstehen nämlich aus der technischen Verfasstheit des Computers in Codierungen, die etwas ausführen, mithin performen, und die beschriebene Automatisierung erst ermöglichen. Inke Arns führt aus:

Man könnte sogar behaupten […], dass es sich bei […] Programmiercodes um illokutionäre Sprechakte handelt, insofern, als hier ‘Sagen’ und ‘Tun’ zusammenfallen, diese ‘handlungsmächtigen’ Sprechakte also keine Beschreibung oder Repräsentation von etwas sind, sondern direkt affizieren, in Bewegung setzen, Effekte zeitigen.

Friedrich Kittler verwies in seinem Text ‘Die Schrift des Computers: A license to kill’ diesbezüglich bereits auf den doppeldeutigen Begriff der ‘Kommandozeile’, einem Zwitterwesen, das heute in den meisten Betriebssystemen durch graphische Benutzeroberflächen fast verdrängt worden ist. […] Kittler schreibt weiter: ‘Im Computer […] fallen, sehr anders als in Goethes Faust, Wort und Tat zusammen. Der säuberliche Unterschied, den die Sprechakttheorie zwischen Erwähnung und Gebrauch, zwischen Wörtern mit und ohne Anführungszeichen gemacht hat, ist keiner mehr. Kill im Kontext literarischer Texte sagt nur, was das Wort besagt, kill im Kontext der Kommandozeile dagegen tut, was das Wort besagt, laufenden Programmen oder gar dem System selbst an.

Inke Arns 2001 auf netzliteratur.net

Um die technischen “Performances” als solche bezeichnen zu können, bedarf es allerdings zwingend einer Umdeutung von Performativität. Dies leisten die “Humanities” sowie die Kunst. Der Beitrag der Performativierung von Kunst und Kultur besteht nämlich darin, dass mit ihr das Performative vom Menschen mit Intentionen und Willen befreit und auf das Operative umgelegt wurde und wird. Der zweite Effekt, den die Parallelisierung von Performances von Codes und Menschen zeitigt, ergibt sich daraus, wie über das Performative die Bildung von Subjektivität sowie die Konstitution von Kommunikation nicht einfach abgeschafft, sondern reformuliert wurden. Ausgangspunkt ist, dass die Codierung im Computer über Schichten von Übersetzungen (PDF, Jens Schröter 2013) zwischen Maschinensprachen, Programmiersprachen, Interfaces, Protokollen und Oberflächen etwas ausführt (PDF, Susha Niderberger 2013), wobei die Übersetzungswege nicht mehr in Gänze nachvollziehbar sind, auch wenn sie auf der technischen Basis hochgradig geregelt sind. Auf diese Konstitution reagieren die geisteswissenschaftlichen Theorien des Performativen mit einer Umstellung der Modellierung von Existenz auf eine mediale in Übersetzungen. In dieser werden nicht mehr Wirklichkeiten in Sprachen abgebildet, sondern vielmehr Regelwerke und Konventionen miteinander verschoben. Mit diesem Vorgang erst sollen Subjekte oder Wirklichkeit entstehen. Das heißt, die Sprach- und Kulturwissenschaften antworten auf die kybernetische Revolution zum einen mit einer Modifizierung des Verständnisses von Performativität und passen diese den technischen Operationen an. Zum anderen werden Kommunikation und In-der-Welt-Sein zu einem Prozess von Übersetzungen erklärt, die in performativen, d. h. Medien aufführenden Operationen diese erst erzeugen.

Diese Konstitution wird zugleich insofern zur einzig denkbaren Möglichkeit von Subversion, als Verkörperung und Vollzug, verstanden als Kaskaden der Übersetzung, Verschiebungen entsprechen und somit gleichsam a priori Reformulierungen ermöglichen sollen. Das Aufgeben von Intentionalität und Handlungsmacht im Performativen entspricht mithin der Rettung vor der Herrschaft kybernetischer Regulierung und Kontrolle.

Theater, Kunst und Performance werden in dieser Lage seit den 1960er Jahren zu einer Art Labor, in dem der Umgang mit dieser ambivalenten, da zugleich geregelten und entfesselten Lage erprobt wird, vgl. exemplarisch: 9 Evenings. Theatre and Engineering, 1966, New York. Hier werden entfesselte technische Umwelten von den Performances hergestellt, in denen technische Dinge Sound- oder Filmlandschaften eigentätig herstellen. Damit setzen sich Künstler_innen dem Performativen aus und erproben dabei das kreative Potenzial von Regelübertretung und Verschiebungen der Übersetzungen. In diesem Vorgang werden letztere zugleich gleichsam kultiviert und diszipliniert, z. B. durch Vorschriften, wie Kunst und Performance auszusehen und zu wirken haben. In dieser Erprobung wird also in einer neuen Ästhetik des Werdens oder der Unvorhersehbarkeit Kontrolle über performative Situationen abgegeben. Dies dient allerdings vor allem dazu, Formen der Kontrolle (Leeker 2012) zu entwickeln, in denen Subjekte in eine Handlungsagentur mit Dingen und Umwelt treten.

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Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.